Um diesen Streik zu mögen, muss man wohl Taxifahrer in Frankfurt oder Dresden sein oder Schüler im Odenwald oder in Holstein. Denen bescheren die winterlichen Arbeiterkampftage locker das Vierfache des Umsatzes oder schulfrei, bis das Eis taut. Alle anderen erleben, je nach Temperament, Tagesform und Weltanschauung, durchaus schwankende Stimmungen zwischen Ärger und Verständnis.
Die Pendler, die auf den Bus vergeblich hoffen, mögen Solidarität mit dem Fahrer empfinden, dessen Stundenlohn knapp über zehn Euro liegt. Und sie frieren doch und fluchen über die Restglätte auf dem Fußweg. Die Eltern, die draußen vor der Hort-Tür stehen, stimmen zu, dass Erzieherinnen nicht mit 2000 Euro brutto abgespeist werden dürfen. Aber die Oma wohnt weit, sie wissen nicht, wohin mit dem Kind.
Streiks stören naturgemäß den Alltag, allein so entfalten sie ihre Daseinsberechtigung. Ohne den Eindruck des Lästigen bliebe das gewerkschaftliche Ziel, Druck auszuüben auf die Arbeitgeber, auf ewig unerreichbar. Nur wenn der Müll zum Himmel stinkt, das Volk aufbegehrt gegen neapolitanische Zustände und nach Ablösung des Bürgermeisters schreit, nur dann lässt sich der Kämmerer zur Geldausgabe erweichen. Im Normalfall.
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Streik im Nahverkehr - Beispiel Frankfurt
Alles eine Frage der Prioritäten, das stimmt. Aber dieses Argument lässt sich nicht nur gegen die Regierung wenden, sondern auch gegen die Gewerkschaft. Wenn sie ein Zeichen setzen will gegen Kleingeist und Krise, warum greift Verdi zum Ritual der prozentualen Forderung? Warum will die Gewerkschaft nur die Azubi-Sätze pauschal um 100 Euro erhöhen, wieso nicht alle Einkünfte, vom Straßenwärter bis zur gut dotierten IT-Fachkraft?
Haben Sie Verständnis für den Streik?
Warnstreik bei Verdi: Bahnen und Busse bleiben in den Depots, Kitas geschlossen. Die Forderung: fünf Prozent mehr Lohn. Haben Sie Verständnis für den Ausstand?
Mit etwas Fantasie könnte Verdi eine Umkehr einleiten: weg von einer Lohnpolitik, die in der Vergangenheit Unebenheiten vertieft hat, hin zu mehr Gerechtigkeit für kleine und mittlere Einkommen. Gerade im öffentlichen Dienst, wo nicht allein ein Leistungsdenken nach kühler FDP-Definition zählen kann, sondern auch der fürsorgliche Staat gefragt ist, hat eine solche Idee die Chance, ernst genommen zu werden. Und für solchen Streik würden sich die Pendler viel lieber kalte Füße holen.



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