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09. Februar 2010
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Gastbeitrag

Der große Denkfehler der Monetaristen

VON STEPHAN SCHULMEISTER

Die jüngsten Wirtschaftsdaten zeigen: Deutschland ist auf dem Weg in die Rezession. Seit Ende 2007 wachsen Export und Industrieproduktion immer schwächer, im Mai sind sie geschrumpft. Aus den USA, wo die Krise ihren Ausgang genommen hat, kommen dagegen positive Signale. Die Exporte wuchsen in den ersten fünf Monaten um fast 20 Prozent. Zuletzt stieg auch die Industrieproduktion wieder leicht.

Hauptgrund: In den USA stärken die Steuerschecks den Konsum, gleichzeitig stimuliert der schwache Dollar den Export. Dazu hat die Senkung der US-Zinsen auf ein Drittel wesentlich beigetragen, sowie die Tatsache, dass die Europäische Zentralbank (EZB) nicht einmal teilweise mitging. Sie hat die Talfahrt der Euro-Wirtschaft durch eine Zinserhöhung sogar beschleunigte. Fazit: Die antizyklische Politik der Amerikaner wirkt. Nichts wird dies deutlicher zeigen, als wenn Deutschland und nicht die USA in eine Rezession schlittern.

Der Einwand der monetaristischen und (trivial-)keynesianischen Ökonomen: Die Inflation ist viel zu hoch und muss bekämpft werden. Soweit ist das noch richtig. Doch braucht es dafür höhere Zinsen? Nein! Hier kommen die acht Gründe:

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher und Konjunkturexperte am Wifo in Wien.
1. Der Inflationsanstieg der vergangenen zwei Jahre ist Folge höherer Kosten in Gestalt massiv gestiegener Rohstoffpreise.

2. Jede Zinserhöhung steigert zusätzlich die Kosten, und zwar die Fremdkapitalkosten. Seit Ende 2005 hat die EZB den Leitzins um 2,25 Prozentpunkte erhöht. Allein in Deutschland stiegen dadurch die Zinszahlungen von Unternehmen und Haushalten um etwa 60 Prozent oder fast 70 Milliarden Euro. Das entspricht einem Anstieg der Zinskosten im Ausmaß von drei Prozent des Brutto-Inlandprodukts!

3. In diesem Ausmaß werden die Einkommen von Unternehmern und Häuslebauern zu Besitzern von Finanzvermögen umverteilt. Dadurch wird es weniger attraktiv, das Güterangebot zu steigern - was die einzig nachhaltige Weise wäre, den Preisauftrieb zu bremsen.

4. Gleichzeitig dämpfen Zinssteigerungen die Investitions-Nachfrage. Wenn Inflation durch "überschießende" Nachfrage bedingt ist, ist das sinnvoll. Seit Anfang der 1970er Jahre ist aber eine echte "demand pull inflation" nicht mehr aufgetreten.

5. Während die EZB den Leitzins mehr als verdoppelte, senkte ihn die US-Notenbank auf ein Drittel. Dies hat wesentlich zur drastischen Euro-Aufwertung und damit zur Talfahrt der Euro-Wirtschaft beigetragen.

6. Die Entwertung des Dollar verstärkt den Anstieg der in Dollar notierenden Rohstoffpreise. Dieser Anstieg fällt jedoch höher aus, als es der Dollarabwertung entspricht. Das macht Rohstoffe also auch auf Euro-Basis teurer.

7. Mit ihrer expansiven Geld- und Fiskalpolitik exportieren die USA die Rezessionsgefahr, die abstinente Konjunkturpolitik in der EU und die Zinserhöhungen der EZB erleichtern den Transfer.

8. Diese Entwicklungen hatten sich bereits nach 2000 ergeben, und zwar bis in die Details: Platzen der Internet-Blase, extrem asymmetrische Reaktion der Wirtschaftspolitik in den USA und Eurolands, massive Dollarentwertung, Erdölverteuerung, kurze Rezession in den USA, Stagnation in der Euroland, insbesondere in Deutschland.

Wer eine Brille mit neoliberalem Schliff benützt, kann nicht wahrnehmen, dass die freiesten Finanzmärkte systematisch falsche Preissignale setzen, dass eine aktive Geld- und Fiskalpolitik in Krisenzeiten nötig ist, und er kann nicht verstehen, dass eine Kosteninflation nicht durch Kostensteigerungen bekämpft werden soll. Wer wichtige Tendenzen nicht wahr nehmen kann, kann auch nicht lernen. Wer nicht lernen kann, ist dazu verdammt, die alten Fehler neu zu begehen.
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Dokument erstellt am 24.07.2008 um 17:48:06 Uhr
Letzte Änderung am 24.07.2008 um 18:28:31 Uhr
Erscheinungsdatum 25.07.2008
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