Typisch; kaum läuft die Sache nicht so, wie sie es wollen, schon verweigern sie die Zusammenarbeit": So oder so ähnlich mögen Außenseiter gedacht haben, als sie vom Rückzug des Koordinierungsrats der Muslime aus dem Beirat des Centrums für religiöse Studien (CRS) an der Uni Münster erfuhren. Denn Ende vergangener Woche hatte der KRM nicht nur seine Mitarbeit im Beirat aufgekündigt, sondern auch die Zusammenarbeit mit Lehrstuhlinhaber Muhammad Sven Kalisch.
Der Konflikt dauert schon länger an: Der KRM hatte seine Aktivitäten im Beirat vor mehr als einem Jahr eingefroren, weil sich Kalisch "immer mehr von der Islamischen Lehre entfernt", erklärt KRM-Sprecher Ali Kizilkaya.
Kalisch stelle die Existenz des Propheten Mohammed in Frage und sei daher als Professor an einem Lehrstuhl, an dem angehende Lehrer für den Islamunterricht ausbildet werden, nicht tragbar, so Kizilkaya. Kalisch sei auch im Gespräch nicht von seinen Positionen abgewichen. Daher könne der KRM muslimischen Studierenden nicht empfehlen, "sich an diesem Lehrstuhl einzuschreiben".
Die Kritik der Verbände kann Kalisch nicht nachvollziehen, obwohl er sich im Klaren darüber ist, dass er mit seinen Positionen "weit geht". Er sieht sich als Wissenschaftler, der zu bestimmten Erkenntnissen gelangt sei. Und eine davon sei, dass "weder die Geschichtlichkeit noch die Un-Geschichtlichkeit des Propheten beweisbar ist". Er tendiere zur Annahme, dass Mohammed ungeschichtlich sei, also nicht existiere. Der 42-Jährige betont die Unabhängigkeit der Wissenschaft. "Das, was heute moderne Theologen lehren, wäre vor 200 Jahren nicht möglich gewesen. "
Die Kritik des KRM gilt nicht der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Islam, sondern sie zielt darauf, dass dies am Lehrstuhl für islamische Theologie erfolgt. Damit ist der KRM nicht allein. Auch Lamya Kaddor, Kalischs ehemalige Assistentin, zweifelt inzwischen daran, "dass Professor Kalisch die angemessene Besetzung für diesen Lehrstuhl ist". Nach theologischen Auseinandersetzungen sei sie zu der Überzeugung gelangt, "dass er den Aufgaben des Lehrstuhls mittlerweile nicht mehr gerecht wird", so Kaddor, die an einer Hauptschule in NRW Islamkunde lehrt.
Der Rückzug des KRM aus dem Beirat sei "bedauerlich", habe aber keine Auswirkungen auf die Arbeit des Centrums und die Studiengänge dort, so die Rektorin der Uni Münster, Ursula Nelles.
Der Schritt des KRM dürfte weitläufige Folgen haben. Sollte der KRM den Status einer Religionsgemeinschaft erlangen, und dies streben die in ihm vereinten vier islamischen Verbände an, wird er die Lehrer für den Unterricht an den den öffentlichen Schulen mit auswählen. Es ist nun zu bezweifeln, dass Absolventen aus Münster dazu gehören werden.
Während die Uni Münster hinter ihrem umstrittenen Professor steht, scheint man im nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium erkannt zu haben, dass es sich nicht nur um einen Konflikt zwischen Kalisch und dem KRM handelt. Minister Andreas Pinkwart (FDP) erklärte: "Wir wollen eine Islamlehrerausbildung, die von den Islamverbänden anerkannt wird, damit die so ausgebildeten Lehrer dann auch in den Schulen ihren Dienst verrichten können. Und wir müssen jetzt eben auch Alternativen prüfen." Wie dieser Satz zu interpretieren ist? "Das kann für oder gegen mich ausgelegt werden", sagt Kalisch. Dass sein Stuhl wackelt, glaube er nicht, weil es "dienstrechtlich nicht möglich ist". Er mutmaßt, dass es "zur Umverteilung der Aufgaben" kommen könnte.
Auf die Einführung des Islamischen Religionsunterrichts nach Artikel 7 des Grundgesetzes hatte sich die Islamkonferenz im März geeinigt. Verständlich also, wenn das Bundesinnenministerium (BMI) jetzt erklärt, jede Entwicklung zu bedauern, "die der Verwirklichung dieses Zieles entgegenstehen könnte. Die Beratungen in der Islamkonferenz werden fortgeführt".
Die Uni Münster ist die erste und eine von nur drei Hochschulen in Deutschland, an denen es einen Lehramtsstudiengang für Islamunterricht an öffentlichen Schulen gibt. Als Kalisch, ein mit 15 Jahren zum Islam konvertierter Deutscher aus Hamburg, vor vier Jahren als Professor für Islamische Theologie an die Universität Münster berufen wurde, da hatte er die Muslimischen Verbände noch auf seiner Seite. Damals hatte Kalisch erklärt, dass der Beirat "ein Scharnier in die Praxis" sei, denn die Verbände sollten auch einmal über die Inhalte im Religionsunterricht mitbestimmen.

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