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10. Februar 2010
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Interview

Völlig losgelöst

Gleichaltrige dürfen die Eltern nicht ersetzen, sagt Bindungsforscher Gordon Neufeld.
Herr Neufeld, Sie beklagen, dass viele Kinder und Jugendliche sich nicht mehr an ihren Eltern orientieren, sondern an Gleichaltrigen. Gehört das zum Erwachsenwerden nicht dazu?

Natürlich kommt eine Zeit, wo wir die Kinder gehen lassen können, damit sie eigenständig werden. Das ist gesund und entspricht der natürlichen Entwicklung. Die Frage nach dem elterlichen Einfluss hätte vielleicht auch kein so großes Gewicht, wäre mit unserer jungen Generation alles in Ordnung, wenn wir das Gefühl hätten, dass sie wirklich unabhängig, selbstbestimmt und mit sich im Reinen wäre. Wir sehen aber, dass vielen Kindern und jungen Erwachsenen genau diese Qualitäten fehlen. Sie sind zunehmend anfällig für Entfremdung, Drogenkonsum, Gewalt oder einfach eine allgemeine Ziellosigkeit.

Und daran sollen Gleichaltrige schuld sein?

Meine These ist, dass diese Störungen darauf zurückzuführen sind, dass viele Kinder und Jugendliche die Orientierung an den für sie sorgenden Erwachsenen verloren haben. Die Gruppe der Gleichaltrigen hat diese Orientierungslücke besetzt - mit schlimmen Folgen.

Nämlich?

Gleichaltrigenorientierung gefährdet die Individualität und führt eher zu Konformität als zu eigenständigen Persönlichkeiten. Darum werden gleichaltrigenorientierte Kinder und Jugendliche nicht wirklich erwachsen. Eltern sollten nicht durch Gleichaltrige ersetzt werden, sondern durch das Gefühl des Kindes für seine eigene Persönlichkeit.

Ist das ein neues Phänomen?

Früher wie heute agieren Kinder zunehmend untereinander, je älter sie werden. Aber früher schlossen die Bindung an Gleichaltrige die Bindung an Eltern nicht aus. Man konnte seinen Eltern verbunden sein und gleichzeitig den gleichaltrigen Freunden. Das ist heute anders, deshalb konkurrieren die Bindungen an Gleichaltrige und Eltern miteinander.

Das kann doch wohl nicht heißen, dass ich mein Kind von Gleichaltrigen fernhalten soll?

Überhaupt nicht. Das Zusammensein mit Gleichaltrigen kann sich sehr positiv auf die Entwicklung auswirken. Das Problem liegt da, wo Gleichaltrige im Leben eines Kindes die Eltern zu ersetzen beginnen.

Was können Eltern tun, wenn sich Kinder abkoppeln und sie nicht mehr an sie herankommen?

Die beste Vorbeugung, um unsere Kinder nicht zu verlieren, ist die tiefe Bindung zu ihnen zu pflegen. Wenn wir die Herzen unserer Kinder haben, ist es unwahrscheinlich, dass wir sie an oberflächlichere Verbindungen verlieren. Je älter ein Kind ist, umso weniger nutzen Verbote, und um so mehr müssen wir daran arbeiten, eine starke Beziehung zu ihm zu pflegen.

Idealisieren Sie die Eltern nicht? Schließlich wollen nicht alle das "Beste" für ihre Kinder - wie man an den zahlreichen Fällen von Kindesmisshandlung sieht.

Das stimmt. Aber das Beste, was Kindern in einem solchen Fall passieren kann, ist, sich an andere Erwachsene zu binden. Das mildert die toxischen Auswirkungen unreifer und gewalttätiger Eltern.

Können gute Freunde nicht genauso hilfreich sein?

Sicherlich waren für manche von uns angesichts gestörter Familienverhältnisse Gleichaltrige die Rettung. Aber noch besser ist es, wenn uns erwachsene Verwandte retten, die sich für uns einsetzen. Ich habe jahrelang mit gewalttätigen jugendlichen Kriminellen gearbeitet, und diejenigen mit einer starken emotionalen Bindung an einen fürsorglichen Erwachsenen hatten die beste Prognose. Dies wird auch durch eine großangelegte Studie an 90 000 Jugendlichen bestätigt.

Sie raten Eltern, sich eine neue "Dorfgemeinschaft" für die Kinder aufzubauen. Wollen Sie zurück zur Großfamilie?

Auf den Eltern lastet heute ein unerträglicher Druck. Je kleiner die Familien werden, um so schwerer tragen Eltern an der Erziehung der Kinder. An den Kulturen der Vergangenheit war Vieles falsch. Aber wenn wir die Gesetzmäßigkeiten der Entwicklungspsychologie verstehen, wird deutlich, dass die besondere Rolle der Großeltern etwas ist, das an den Gesellschaften früherer Zeiten richtig war.

Aber die Lebensverhältnisse der meisten Familien sind doch heute ganz anders.

Es müssen ja nicht immer die eigenen Großeltern sein. Kanadische Schulen lernen gerade, wie wertvoll es ist, "schwierige" Schulkinder mit alten Menschen in Verbindung zu bringen. Bei einem der erfolgreichsten Schulprogramme zur Milderung von Verhaltensproblemen kommen Senioren einmal pro Woche für eine Stunde mit Kindern aus Brennpunktschulen zusammen. Unsere Großeltern stellen ein ungeheures Potenzial dar, und wir tun gut daran, dieser Rolle ihre Würde zurückzugeben.

Interview: Katja Irle


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Dokument erstellt am 15.09.2008 um 16:32:02 Uhr
Letzte Änderung am 15.09.2008 um 18:06:41 Uhr
Erscheinungsdatum 16.09.2008
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