Die Deutschen trinken gerne Kaffee. Im Schnitt kommen auf jeden 146 Liter pro Jahr. Das ist Platz eins vor Mineralwasser mit 130 Litern und 116 Litern Bier pro Kopf. Lange Zeit hatten Kaffeetrinker ein schlechtes Gewissen, stand doch das braune Gebräu im Verdacht, Blutdruck und Cholesterinwerte nach oben zu jagen, das Herzinfarkt- und Diabetesrisiko zu fördern und dem Körper Wasser zu entziehen. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Immer mehr Forschungsergebnisse enthüllen, dass die mehreren Hundert, zum Teil noch gar nicht erforschten Inhaltstoffe der Kaffeebohne und die Substanzen, die beim Rösten entstehen, genau das Gegenteil bewirken. Bostoner Forscher um Frank Hu haben bei der Auswertung mehrerer Studien zum Beispiel herausgefunden, dass Menschen, die fünf bis sieben Tassen Kaffee am Tag trinken, um bis zu 35 Prozent seltener zuckerkrank werden, als diejenigen, die weniger als zwei Tassen trinken.
Filtern ist besser
Auch treibt zumindest gefilterter Kaffee den Cholesterinspiegel nicht nach oben. Denn die Inhaltstoffe Cafestol und Kahweol, die zum Anstieg des "schlechten" LDL-Cholesterins führen können, bleiben im Papierfilter hängen. Eine finnische Studie zeigt ein deutliches Absinken des durchschnittlichen Cholesterinspiegels, seit immer mehr Finnen von in der Kanne aufgebrühtem auf gefilterten Kaffee umgestiegen sind.
Den Verdacht, Kaffee verursache dauerhaften Bluthochdruck, konnte Wolfgang Winkelmayer von der Harvard Medical School in Boston widerlegen. Er beobachtete zwölf Jahre lang mehr als 150 000 Frauen und stellte fest, dass diejenigen, die täglich vier oder mehr Tassen Kaffee tranken, sogar seltener unter Bluthochdruck litten als Frauen, die wenig oder keinen Kaffee tranken. Zwar regt Koffein kurzfristig Herzschlag und Blutdruck an, weitet aber auch die Blutgefäße, wodurch der Blutdruck wieder sinkt. Im Endeffekt gleicht sich das aus.
Dass die braune Koffeinbrühe sogar vor Krebs schützt, darauf deuten beispielsweise Studien von Veronika Somoza von der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie in Garching hin. Zumindest im Tierversuch konnte sie nachweisen, dass der beim Rösten entstehende Inhaltsstoff Methylpyridinium die Aktivität von bestimmten Enzymen im Blut um bis zu 40 Prozent ankurbelt. Sie machen Krebs erregende Stoffe unschädlich.
Methylpyridinium gehört zu den sogenannten Antioxidantien, von denen im Kaffee viele enthalten sind. Diese Verbindungen entschärfen aggressive Sauerstoffmoleküle, freie Radikale genannt, die die Zellmembranen und die Erbsubstanz schädigen und Krebs auslösen können. Diesen Befund bestätigen aktuelle Ergebnisse aus Dresden. Am Institut für Lebensmittelchemie untersucht das Team von Thomas Henle ebenfalls die physiologische Wirkung der Farbstoffe, der Melanoide, die beim Rösten der Kaffeebohnen entstehen. Neben ihrer Rolle als Radikalenfänger konnten die Forscher beobachten, dass diese Melanoidine auf ihrem Weg durch den Darm an Metalle wie zum Beispiel Zink binden können. Eine bestimmte Art von Enzymen, die sogenannten Matrix-Metalloproteasen (MMPs), benötigen Zink aber, um chemisch wirken zu können. MMPs werden folglich von den Farbstoffen in ihrer Wirkung gehemmt. Nun bilden auch Krebszellen MMPs, um sich im Gewebe ausbreiten zu können. Das Team um Henle konnte zum ersten Mal zumindest im Reagenzglas nachweisen, dass die Melanoidine des Kaffees nur mit ganz bestimmten zinkhaltigen Enzymen reagieren - eines davon wird vor allem durch schädliche Tumore produziert.
Diese tumorhemmende Wirkung der Farbstoffe wollen die Forscher nun an lebenden Zellkulturen untersuchen. "Dann könnte Kaffee nämlich wirklich auf eine ganz neue Art in den Fokus der Mediziner geraten: als therapiebegleitendes Heilmittel", sagt Henle. "Allerdings steht die Forschung über die bioaktive Wirkung von Röstkaffee noch ganz am Anfang."
Als Irrtum hat sich auch die lange von Medizinern vertretene Auffassung herausgestellt, Kaffee sei ein Flüssigkeitsräuber. Bis vor kurzem zählte er in der Flüssigkeitsbilanz, nach der der Mensch 1,5 bis zwei Liter am Tag trinken soll, nicht mit, weil ältere Studien gezeigt haben, dass er dem Körper mehr Wasser entzieht als zuführt. Doch konnten aktuelle Forschungen diese entwässernde Wirkung nicht belegen. Kristin Reimers von der Universität Omaha ließ Studienteilnehmer mehrere Tage lang rund zwei Liter verschiedener koffeinfreier und koffeinhaltiger Getränke wie Kaffee, Tee oder Cola trinken und verglich nach 24 Stunden ihre jeweiligen Urinmengen. Dabei stellte sich heraus, dass diese bei Koffeinkonsumenten und Enthaltsamen gleich groß war.
Koffein macht geistig fit
Zu dem gleichen Ergebnis kommt eine systematische Auswertung von Studien, die zwischen 1969 und 2002 den Einfluss von koffeinhaltigen Getränken auf den Wasserhaushalt des Körpers untersuchten: Die üblicherweise getrunkene Menge an Kaffee, Tee und koffeinhaltigen Limonaden zeigt keine erwähnenswerte wassertreibende Wirkung. Lediglich die Einnahme von 250 bis 300 Milligramm Koffein auf einmal führte bei Personen, die zuvor über einen Zeitraum von mehreren Tagen oder Wochen kein Koffein konsumiert hatten, zu einer kurzfristig gesteigerten Urinproduktion. Menschen, die an Koffein gewöhnt sind, scheiden erst ab einer Dosis von über 300 Milligramm Koffein mehr Flüssigkeit aus. Das entspricht etwa drei bis vier Tassen Kaffee.
"Die Meinung, dass Kaffee dem Körper Wasser entzieht, beruht auf falsch interpretierten Daten früherer Studien", sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Nach Auswertung dieser Studien kommen auch die DGE-Experten zu dem Schluss: "Regelmäßiger und gleichmäßiger Konsum von Kaffee beeinflusst den Flüssigkeitshaushalt allein durch die mit dem Kaffee zugeführte Wassermenge." In der Flüssigkeitsbilanz kann Kaffee also getrost mitgezählt werden.
Auch der geistigen Fitness nutzt der Konsum von vielen kleinen, auf den Tag verteilten Koffeindosen, zeigt die Untersuchung von James Wyatt an der Universität von Chicago. Seine Probanden mussten einen Monat lang im Rhythmus eins 43-Stunden-Tages leben. Die Hälfte der Gruppe bekam während der 29-stündigen Wachphase stündlich soviel Koffein, wie es zwei Schlückchen Kaffee entspricht. Diese Teilnehmer schnitten bei Tests der geistigen Leistungsfähigkeit deutlich besser ab, nickten während der langen Wachphase seltener ein und fühlten sich dennoch zu Beginn der Ruhephase schläfriger als die Kontrollpersonen.
Wyatt empfiehlt demzufolge, nicht nur morgens nach dem Aufstehen Kaffee zu trinken, sondern über den Tag verteilt viele kleinere Portionen zu sich zu nehmen. Denn der Muntermacher steigert Aufmerksamkeit und Konzentration und hebt die Stimmung.


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