Am Ende ihrer Demonstration überlassen die Studenten in Berlin den Protest den großen Denkern. Vor der Humboldt- Uni drückt einer der Statue des Physikers Hermann von Helmholtz sein Schild in die Hand: "Jeder Mensch ist exzellent" - ein Seitenhieb auf laufende Elite-Uni-Wettbewerbe.
Zum Protest bei der Kultusministerkonferenz rufen nun der Philosoph Immanuel Kant und der Dichter Gotthold Ephraim Lessing, deren Abbilder Unter den Linden zu sehen sind. Und die Studenten? Setzen sich auf dem Bebelplatz in die Sonne, diskutieren, trinken Bier und reichen Zigaretten rum.
Die Pause ist verdient: Bis zu 12.000 Menschen haben in der Hauptstadt stundenlang demonstriert, Schüler, Studenten, Lehrer. Wie in 70 anderen deutschen Städten geht es heute um mehr Geld für die Bildung, um mehr Freiheit in Unterricht und Studium. Der Marsch ist der Höhepunkt des einwöchigen sogenannten Bildungsstreiks. Ob er etwas nutzt? "Ich hoffe es", sagt Maximilian Kiebs.
Der 24-jährige Berliner studiert Sozialarbeit. Den ersten Abschluss, den Bachelor, hat er kürzlich abgelegt. Nun geht er den Master an. Er berichtet von Leistungsdruck und einem völlig verschultem Studium. "Wir brauchen mehr Möglichkeiten, uns auch in anderen Fächern zu bilden", meint er.
Einige hundert Meter weiter rückt das Ende des farbenfrohen Demo-Zugs heran. Unter rosa Perücken dreschen Trommler auf ihre Instrumente ein, andere Studenten haben sich Eselsmasken gebastelt, wieder andere ziehen mit mongolischen Trachten durch die Menge und dem Transparent: "Bildungsnomaden suchen Mittel für die Mongolistik."
Allzu viele Sprechchöre gibt es nicht, die Demonstranten wippen lieber im Takt wummernder Bässe aus Lautsprecherwagen. Ein junger Mann ist sogar am 13 Meter hohen Reiterstandbild Friedrichs des Großen auf den Schoß geklettert und tanzt dort, als sei es ein "Love Parade"-Wagen. Vom Podium grölt einer:"Wer uns heute nicht ernst nimmt, wird den Sturm ernten, den er heute sät." Nur wenige stimmen in seine Sprechchöre ein.
Die Stimmung ist gut, obwohl viele Sorgen haben. "Es gibt zu wenig Seminare, man kann keine Schwerpunkte setzen", sagt die 23-jährige Juliane, die an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen studiert. Roman, ein Student der Technischen Universität, erklärt:"Unsere Eltern konnten noch hier- und darein schnuppern, wir werden im Eilverfahren durch die Uni gehetzt." Grund seien die schnellen Bachelor-Abschlüsse, sagt der 24-Jährige. Mehr Freiheit will auch die 16-jährige Oberschülerin Nielje. "Ich denke, jeder kann gut selbst entscheiden, wie viel Zeit er für die Schule aufwendet."
"Bildung für alle, sonst gibt's Krawalle", tönt derweil die Jugend der Gewerkschaft GEW von einem Balkon der Juristischen Fakultät. Eher bedächtig wirkt dagegen der Protest von Maximilian Kiebs vor der Uni: "Humboldt wäre enttäuscht", hat Kiebs auf sein großes Schild geschrieben. Der preußische Bildungsreformer habe noch das Ideal der Bildung als Selbstzweck verfolgt, sagt Kiebs. Heute bestimme die Wirtschaft, was Studenten lernen. Einziges Ziel sei Berufsausbildung. Ganz zurück zu Humboldt will Kiebs nicht, aber er meint:"Sein Ideal sollten wir nicht vergessen." (dpa)


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