Neu Delhi. Mehrere Millionen Menschen haben am Mittwochmorgen in Asien die längste totale Sonnenfinsternis dieses Jahrhunderts verfolgt. Um 5.28 Uhr Ortszeit (1.58 Uhr deutscher Zeit) schob sich über dem Arabischen Meer der Mond vor die Sonne.
Wenig später erreichte der bis zu 256 Kilometer breite Schatten des Mondes den direkt im Kernschatten der Sonnenfinsternis liegenden westindischen Bundesstaat Gujarat. Dichte Wolken und Monsunregen verhinderten jedoch den Blick auf das Naturschauspiel.
Anschließend raste der Schatten weiter über Indien, erfasste die heilige Stadt Varanasi am Ufer des Ganges, Bangladesch und Nepal. Dann tauchte er fast das gesamte Königreich Bhutan in Finsternis. In der Hauptstadt Neu Delhi konnten die Menschen bei klarem Himmel miterleben, wie sich 80 Prozent des Mondes vor die Sonne schoben.
"Niemand von uns wird lange genug leben, um so etwas noch mal zu erleben", schwärmt Federico Borgmeyer vom deutschen Reisebüro Eclipse City, das Astronomiebegeisterte zu den besten Beobachtungspunkten bringt. Der US-Astrophysiker Fred Espenak nennt die Finsternis am 22. Juli schlicht "das Monster". Die nächste totale Sonnenfinsternis ähnlichen Ausmaßes haben die Astronomen erst für das Jahr 2132 errechnet.
In Japan war die Sonnenfinsternis auf der Insel Akuseki mit über sechs Minuten am längsten unter den von Menschen bewohnten Orten der Welt zu sehen.
Ein Wunder oder schlechtes Vorzeichen?
Dort, wo die Sonnenfinsternis am frühen Morgen auftrat, konnten die Menschen am Mittwoch zwei Sonnenaufgänge erleben. Nachdem der Mond die noch tief stehende Sonne verdeckt, erschien sie anschließend ein zweites Mal langsam am Himmel. Insgesamt hatten etwa zwei Milliarden Menschen die Chance, das Himmelsschauspiel zu erleben - die Bauern auf den Salzfeldern in Gujarat genauso wie die tibetischen Hirten am Fuße des Himalayas.
Einige nutzen das einmaligen Ereignis, um damit Geld zu verdienen. Das Reiseunternehmen Cox and Kings mietete eine Boeing 737-700, die am Mittwoch vor Sonnenaufgang in Neu Delhi starten und der Sonnenfinsternis in 12.500 Metern Höhe folgen sollte. Alle 21 Fensterplätze auf der Sonnenseite wurden verkauft - für jeweils 1200 Euro. Auch die speziellen Sonnenfinsternis-Angebote der Hotels in Shanghai sind schon seit langem ausgebucht. Die Gäste kommen aus Japan, Europa und den Vereinigten Staaten. Der Skulpturen-Park der Stadt, von wo aus das Spektakel besonders gut zu beobachten ist, verkaufte 2000 Eintrittskarten - Spezialbrille und Gedenk-T-Shirt inklusive.
Weniger kommerziell wird es in der nordindischen Stadt Kurukshetra zugehen. 1,5 Millionen Pilger wurden dort erwartet, die sich von einem Bad unter verdunkelter Sonne geistige Freiheit erhoffen.
Traditionell werden Sonnenfinsternisse in Indien und China mit gemischten Gefühlen betrachtet: einerseits als Wunder, andererseits als schlechte Vorzeichen. Der 22. Juli sei ein "sehr gefährlicher Moment im Universum", sagt der indische Astrologe Raj Kumar Sharma.
"Wenn die Sonne, die Anführerin unter den Gestirnen, krank ist, dann bedeutet das, dass es auf der Welt große Probleme geben wird." Im alten China wurde die Verfinsterung der Sonne häufig mit Naturkatastrophen oder dem Tod eines Kaisers in Verbindung gebracht. Und auch heute noch verbindet sich viel Aberglaube mit dem astronomischen Phänomen.
Aber auch medizinische Probleme werden befürchtet: Zum Beispiel, dass sich viele Beobachter ihre Netzhaut ruinieren könnten, indem sie die Sonnenfinsternis mit bloßem Auge betrachten. Der gefährlichste Moment sei der, wenn die Sonne wieder aus dem Schatten des Mondes tritt, sagt der indische Augenarzt Rituraj Barauh. "Dieser schnelle Übergang von der Dunkelheit zu sehr hellem Licht kann Schaden anrichten." Indische und chinesische Behörden ermahnten die Bevölkerung deshalb, Schutzbrillen zu tragen - oder die Sonnenfinsternis besser über das Internet zu verfolgen. (afp/dpa)
Sonnenfinsternis live erleben
Für die die nicht dabei sein können, gibt es die Möglichkeit die Jahrhundert-Sonnenfinsternis live online mitzuerleben.