Frau Lind und Frau Metz-Göckel, Ihre beiden Forschergruppen haben unabhängig voneinander die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Elternschaft untersucht. Warum wurden gleich zwei Untersuchungen dazu gemacht?
Inken Lind: Die beiden Projekte beleuchten die Thematik aus verschiedenen Perspektiven. An der TU Dortmund wurde das gesamte wissenschaftliche Personal an Universitäten und Fachhochschulen untersucht. Das Projekt liefert damit erstmals umfassende Erkenntnisse zur Kinderzahl der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland. Das andere Projekt "Bilanzierung von Wissenschaft und Elternschaft" unter meiner Leitung gibt einen Zugang zu konkreten Erfahrungen, Wünschen, Schwierigkeiten und den Bedingungen, die Vereinbarkeit und Familiengründung erschweren oder auch erleichtern.
Und - haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weniger Kinder als andere?
Zur Person
IngridMetz-Göckel von der TU Dortmund und Inken Lind vom Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung haben im Auftrag des Bundesbildungsministeriums untersucht, wie gut Wissenschaftler Elternschaft und Karriere in Einklang bringen.
Ihre Ergebnisse diskutierten sie gerade auf der Tagung "(Kinder-) Wunsch und Wirklichkeit in der Wissenschaft" im Wissenschaftszentrum Bonn. Ihr Fazit: Die Entscheidung für oder gegen die Elternschaft wird vor allem durch die prekären Arbeitsverhältnisse an den Unis beeinflusst.
Ihre Ergebnisse diskutierten sie gerade auf der Tagung "(Kinder-) Wunsch und Wirklichkeit in der Wissenschaft" im Wissenschaftszentrum Bonn. Ihr Fazit: Die Entscheidung für oder gegen die Elternschaft wird vor allem durch die prekären Arbeitsverhältnisse an den Unis beeinflusst.
Wie sieht es mit Double-Career-Paaren aus, bei denen beide Partner an der Hochschule arbeiten?
Lind: Paare, bei denen beide Wissenschaftler sind, haben weniger Kinder. Besonders trifft das auf Männer zu, die eine Wissenschaftlerin als Partnerin haben. Frauen in der Uni haben sowieso weniger Kinder, da spielt es keine so große Rolle, wo der Partner arbeitet.Metz-Göckel: Vor allem bei Professoren ist der Unterschied horrend. Zwei Drittel der männlichen Professoren sind Väter, aber nur ein Drittel der Professorinnen haben ein Kind.
Also sind Kinder immer noch besonders für Frauen ein Karrierehindernis
Lind: Für Frauen und für die wenigen Väter, die nicht mehr der alten Rollenverteilung anhängen.
Metz-Göckel: Dabei ist es, wenn man es im historischen Kontext betrachtet, wirklich ein Phänomen, dass wir überhaupt Mütter in der Wissenschaft haben. Das ist eine kleine kulturelle Sensation. Übrigens sind Wissenschaftlerinnen mit Kindern nicht weniger erfolgreich als andere; sie publizieren nicht unbedingt weniger.
Frau Lind, Sie haben Ihre Probanden auch gefragt, wie erschöpft sie sich fühlen ...
Lind: Zunächst: Keine andere Gruppe war so wenig erschöpft wie die der Väter. Sicher nicht, weil Vaterschaft nicht anstrengend wäre, sondern weil sich wieder die vorherrschende Rollenverteilung durchsetzt. Die erschöpfteste Gruppe in unserer Stichprobe waren interessanterweise nicht die Mütter, sondern die kinderlosen Frauen.
Sind die Frauen, die sich beides zutrauen, Wissenschaft und Elternschaft, mutiger als andere?
Lind: Sie sind vielleicht besonders belastbar. Man muss sich schon fragen, warum eine hervorragend ausgebildete, ehrgeizige Frau als Mutter auch noch in der Wissenschaft bleiben muss, unter all den ungünstigen Bedingungen dort. Wir sehen da schon eine hohe Verbindung zum wissenschaftlichen Arbeitsfeld. Und die scheint ihnen Kraft zu geben.
Welche Faktoren halten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hauptsächlich davon ab, Kinder zu bekommen?
Metz-Göckel:Die prekären Beschäftigungsverhältnisse, sprich: befristete Verträge, Drittmittelstellen, die immer wieder auslaufen - und bei den Männern eindeutig die Teilzeitbeschäftigung, die rasant zugenommen hat. 90 Prozent der Männer sind hier kinderlos. Deshalb hat der Mittelbau deutlich weniger Kinder als Professoren. Die haben genügend Geld, um sich zu entlasten. Sie wissen, dass sie sich Kinder leisten können, ihre Zukunft ist sicher.
Interview: Karl-Heinz Heinemann

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