Herr Schumann, ist die Internet-Sucht für Studierende eine besonders große Gefahr?
Internet-Sucht als Begriff ist problematisch, weil man nicht vom Internet abhängig wird, sondern von bestimmten Verhaltensmöglichkeiten wie Chatten, Spielen, Wetten oder Surfen. Kriterium für süchtiges Verhalten ist auch nicht unbedingt die Zeit, die man insgesamt im Internet verbringt. Viele junge Leute kommunizieren heute mit ihren Freunden vorrangig über das Internet. Vor 30 Jahren hätten sie vielleicht stundenlang telefoniert. Von Abhängigkeit würde ich dann sprechen, wenn Entzugssymptome auftreten, und man auch trotz negativen Folgen wie drohendem Scheitern im Studium oder Problemen mit seinem sozialen Umfeld den Computer-Konsum nicht einschränken kann. Zwei bis drei Prozent aller Nutzer gelten heute als abhängig, bei Studierenden liegt der Anteil wahrscheinlich ein wenig höher. 90 Prozent von ihnen sind Männer.
Mit welchen Problemen wenden sich Studierende an Sie?
Nur die wenigsten benennen im Erstgespräch den exzessiven PC-Konsum als Problem. Die meisten berichten, dass das Studium den Bach runter geht, sie sich nicht konzentrieren können, sie Stress mit Mitbewohnern oder mit der Freundin haben. Erst wenn man nachhakt, und sie ihren Tagesablauf schildern, wird klar, dass der Computer ihr Leben dominiert. Dabei geht es bei süchtigem Verhalten in erster Linie um Computerspiele wie World of Warcraft, eine kleinere Gruppe konsumiert zwanghaft Sex und Pornografie über das Internet.
Was ist der Reiz am Internet?
Wilfried Schumann leitet die Psychosoziale Beratungsstelle von Uni und Studentenwerk Oldenburg.
Vom Studium überfordert holen sich viele Studierende ihre Erfolgserlebnisse bei Computerspielen, hat er beobachtet.
Studierende stehen heute stark unter Druck und vielen fällt es immer schwerer, sich für ihr Studium in ein Thema tief einzuarbeiten, selbstständig zu recherchieren, viel zu lesen. Der Aufwand ist sehr groß, die Belohnung lässt auf sich warten. Im Computerspiel hingegen hat man sehr schnell Erfolgserlebnisse. In Spielen wie World of Warcraft erfüllt man in einem virtuellen Team eine Aufgabe, man wird wichtig und erhält Anerkennung durch die Mitspieler. Der Spielaufbau ist suchtfördernd. Bei pornografischen Seiten ist die Hemmschwelle niedrig, man kann unauffällig kostenlos alle möglichen Sexdarstellungen konsumieren. Fatal für Studierende ist, dass der Computer für sie nicht nur Suchtmittel, sondern unverzichtbares Arbeitsgerät ist. Eine Abstinenz kann daher nicht das Ziel sein.
Was ist dann das Ziel?
Wir versuchen im Gespräch zu klären, wie man im realen Leben die Ziele und Belohnungen erreicht, die das Computerspiel so attraktiv machen. Ein anderes, pragmatisches Mittel ist, sich das automatisierte süchtige Verhalten bewusst zu machen, in dem man ein Protokoll über den Tagesablauf führt. Bei ganz schweren Fällen kann auch eine stationäre Behandlung notwendig sein. Wer Hilfe bei uns sucht, hat schon den wichtigsten Schritt getan. Sorge bereiten mir diejenigen, die wir mit unserem Beratungsangebot gar nicht erreichen. Oft rufen Eltern bei uns an, die berichten, dass sich ihr Sohn vollkommen zurückgezogen hat, immerzu am Computer sitzt und in der Uni nichts mehr geregelt bekommt.
Macht der Computer die Studierenden einsamer?
Das würde ich so nicht sagen, viele halten über soziale Netzwerke engen Kontakt zu Freunden. Es gibt aber auch andere, bizarre Fälle, die gar nicht mehr so selten sind. Da kommt ein junger Mann völlig aufgelöst mit allen Symptomen von Liebesschmerz in die Beratung und berichtet von einer monatelangen Liebesbeziehung, die gerade zerbrochen ist. Im Gespräch stellt sich heraus, dass diese Beziehung rein virtuell war: Er hat seine Freundin nie getroffen, nie in den Arm genommen, nie geküsst. Hier stehen Berater vor ganz neuen Phänomenen.
Interview: Joachim Göres