In der schulpädagogischen Diskussion ist immer wieder ein Dissens hinsichtlich der Struktur des allgemeinbildenden Schulwesens festzustellen. Da gibt es die Position, die Strukturfragen zu einem nachrangigen Problem zu erklären, wenn nur die Qualität des Unterrichts stimmt. Und da gibt es die andere Position, die Chancengerechtigkeit und die Vermeidung von sozialen Benachteiligungen von Strukturfragen abhängig macht.
Wer auf das streng gegliederte Schulwesen setzt, spricht unverhohlen von einem begabungsgerechten Schulsystem. Die Verteilung der Kinder nach dem vierten Schuljahr auf die Schularten der Sekundarstufe I (Hauptschule, Realschule, Förderschule, Gymnasium) erfolge nach dem Maß ihrer Begabung.
Anregendes Lernbiotop entscheidend
Zur Person
Manfred Bönsch ist Professor für Schulpädagogik an der Leibniz-Universität Hannover.
Da aufgrund unterschiedlicher Bedingungen des Aufwachsens, unterschiedlicher Lernweisen und vor allem Lerntempi die Ausgangslagen verschieden sind, ist ein anregendes und kommunikatives Lernbiotop (die Gesamtschule) der entscheidende Anregungsrahmen.
Die bisherige Regelung, zwei Tempi auf dem Weg zum Abitur zuzulassen (G8-Gymnasien und Gesamtschulen), kann als eine weise Regelung verstanden werden. Ermöglicht sie doch Eltern und ihren Kindern, zwischen zwei Lernwegen und -tempi zu wählen.
Wenn nun, wie in Niedersachsen geplant, auch integrierte Gesamtschulen auf den Schnellweg zum Abitur verpflichtet werden sollen, kommt ein Systemelement in ein anders gedachtes System hinein. Das wird dann als eine Art Sprengsatz wirken. Die integrierten Gesamtschulen werden gegen ihre Philosophie und Praxis gezwungen, frühzeitig Gymnasialzweige (Turbozweige) einzurichten.
Von ihnen wird ferner erwartet, das langjährige gemeinsame Lernen früh aufzugeben und vielen Schülern, Zeit zu nehmen, die sie brauchen. Das bringt Verwerfungen mit sich, die bei einer weiteren Teilschülerschaft potenziert werden. Wer nach einem guten Sekundarabschluss nach Klasse zehn Anschluss an die Sekundarstufe II sucht, muss in eine Schleife hinein. Beim zwölfjährigen Weg zum Abitur beginnt die Sekundarstufe II schon im zehnten Schuljahr!
Zwei Wege und Tempi zum Abitur sinnvoll
Die Gesamtschulen müssen also einen (Um-)Weg einrichten, der die Einfädelung in die schon früher begonnene Sekundarstufe II möglich macht. So wird die integrierte Sekundarstufe I auseinandergerissen. Einerseits ist also der stetige, Zeit gebende Weg zum Abitur verbaut, andererseits wird eine Sonderkonstruktion für langsamere, aber gut Lernende nötig. Systemfremde Elemente machen das System "Gesamtschule" kaputt.
Die Schuljahre neun und zehn sehen eine Arbeitswoche von mindestens 45 Stunden vor. Wer herausbekommen möchte, wie viele Schüler im Zuge einer so großen Belastung auf der Strecke bleiben, würde Zahlen gewinnen, die belegen: Zwei Wege und Tempi zum Abitur sind für viele Schüler und Schülerinnen nach wie vor sinnvoll. Sie eröffnen Chancen, statt sie zu verringern.
Insofern sind die Strukturen des deutschen Schulwesens eben doch von zentraler Bedeutung: Wege bauen, Zeit geben, möglichst viele Schüler mitnehmen - das geht mit rigiden Regelungen nicht. Moderne Bildungspolitik ist toleranter, einfallsreicher und pädagogischer!


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