Erste Sommertage. Herzklopfen, Schmetterlinge im Bauch, eine diffuse Sehnsucht in der Brust und Lust auf Liebe. Schuld sind die Hormone. Je länger und sonniger die Tage sind, umso stärker steigt der Serotoninspiegel im Gehirn. Dieser Botenstoff schärft laut Professor Thomas Schläpfer von der Bonner Uniklinik für Psychiatrie die Sinne: Wir erleben Farben, Gerüche, Geräusche und Gefühle viel intensiver, bewusster und präziser als zuvor. Außerdem schürt Serotonin Unternehmungslust und Neugier - zum Beispiel auf eine neue Liebe.
"Wenn Sie wissen wollen, wie Liebe sich anfühlt, dürfen Sie keinen Gehirnforscher fragen, es sei denn, er ist gerade selber verliebt. Lesen sie besser Rilke-Gedichte", sagt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Dennoch: "Das Wissen über die Liebe und wie sie im Kopf funktioniert hilft vielleicht den Liebenden, es besser zu tun."
Bis vor kurzem konnte die Hirnforschung nur wenig zum Verständnis dieses besonderes Gefühls beitragen. Denn es ist sehr schwierig, im Labor zuverlässig Liebe zu entfachen. Viel einfacher ist es, Versuchspersonen zu ärgern, zu erschrecken oder Ekelgefühle auszulösen.
Liebe ist keineswegs eine Herzensangelegenheit, auch wenn sie mit Herzklopfen daher kommt. Emotionen entstehen im Gehirn und bewirken Veränderungen im Körper. Bei akuter Verliebtheit wird zum Beispiel Adrenalin ausgeschüttet. Davon bekommt man Herzklopfen. Die Aktivität des Insellappens bei Verliebtheit sorgt für die "Schmetterlinge im Bauch". "Das Gehirn arbeitet im Verborgenen", erklärt Professor Spitzer. "Wir spüren die Liebe im Herzen, trotzdem spielt sie sich im Gehirn ab. Das Gehirn ist das Organ der Liebe."
Viele Menschen verstehen unter Liebe die sogenannte romantische Liebe, das akute Verliebtsein: Bauchflattern, sich selbst vergessen, alle Gedanken kreisen nur noch um diese eine Lichtgestalt der Leidenschaft. "Zwanghaftes Denken ist eine Hauptkomponente der romantischen Liebe", meint Professorin Helen Fisher, Anthropologin an der Rutgers Universität in New York, die seit Jahren das Wesen und die Evolution der Liebe erforscht. Um dieses so subjektive, typisch menschliche Erlebnis zu begreifen, hat sie etlichen Verliebten mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (MRT) in den Kopf geblickt und festgestellt: "Die romantische Liebe ist eine Sucht erzeugende Droge."
Pure sexuelle Erregung von Liebe trennen
"Dieser Satz ist letztlich falsch, denn Sucht ist ja pathologisch. Und romantische Verliebtheit ist keine Krankheit", widerspricht Spitzer. "Wir können opiumsüchtig werden, weil unser Gehirn selbst opiumähnliche Stoffe herstellt und nicht umgekehrt." Wie die Sucht spielt sich auch die Verliebtheit im Belohnungszentrum des Gehirns ab. Die Fixierung auf den Partner, das Kreisen aller Gedanken um ihn, trifft auch beim Süchtigen auf den Suchtstoff zu. "Nicht nur von der Beschreibung her liegen Liebe und Sucht nahe beieinander, im Kopf sind sie praktisch identisch", erläutert der Ulmer Hirnforscher. "Denn es geht in beiden Fällen um das Dopaminsystem und bestimmte Gehirnzentren, das Corpus striatum in den Basalganglien." Wie eine krankhafte Manie, bei der das Dopaminsystem quasi übersteuert ist, könnte auch die romantische Liebe medikamentös mit Dopamingegenspielern behandelt werden - aber wer will das schon. "Die Liebe ist die gesunde Vorderseite des Spiegels, die kranke, hässliche Rückseite ist die Manie und die Sucht."
Die Londoner Forscher Andreas Bartels und Semir Zeki haben ebenso wie Fisher "total verknallte" Probanden in den MRT gelegt und ihnen Fotos des Partners gezeigt. Sie stellten fest, dass nur vier kleine, eng begrenzte Hirnregionen das mächtige und aufwühlende Gefühl der Liebe hervorrufen: der vordere cinguläre Kortex, der beim Erkennen der eigenen Emotionen und der von anderen hilft, der Insellappen, der Sinneseindrücke verarbeitet und beispielsweise um so aktiver ist, je attraktiver wir ein Gesicht finden. Den Nucleus caudatus und den Putamen machten Bartels und Zeki für das erotische Element der Verliebtheit aus. Außerdem drosseln romantische Glücksgefühle Aktivitäten in Regionen, die für negative Emotionen zuständig sind wie im rechten vorderen Stirnlappen und im Mandelkern, Ort der Trauer, Angst und Wut. Im Hirnscann konnten Bartels und Zeki auch pure sexuelle Erregung von Liebe trennen. Lust stimuliert beispielsweise Areale im Hypothalamus, die bei ihren Verliebten aber untätig blieben.
Seit rund fünf Jahren weiß die Forschung, dass dieselben Gehirnbereiche und das Dopamin ebenfalls für das Lernen zuständig sind. Auch beim Lernen und Entdecken von etwas, was unerwartet und gut für uns ist, und dem erfolgreichen Lösen von Problemen springt das Belohnungssystem an: Aha-Erlebnisse machen glücklich. Auch Verliebte lernen eine neue Gefühlswelt und eine neue Person kennen, möchten mehr über sie erfahren und das eigene Leben verändern. "Verliebtheit, Lernen und Glück sind sozusagen verschiedene Seiten des gleichen Funktionszusammenhangs", meint Spitzer. "Der Botenstoff Dopamin wird immer dann im Gehirn ausgeschüttet, wenn etwas Gutes passiert, das zunächst unerwartet, aber besonders gut für uns ist. Akutes Verliebtsein gehört sicherlich zu diesen Erlebnissen, ist vielleicht sogar das Wichtigste, das uns Menschen widerfahren kann. Es mag unromantisch klingen: Sich verlieben und lernen sind aus der Sicht des Gehirns kaum voneinander zu unterscheiden." Schon Casanova wusste: "Die Liebe besteht zu drei Viertel aus Neugier."


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