

Dr. Valentin Markser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, sah nach eigener Aussage bei Robert Enke keinen Anhalt für eine endogene oder Major Depression. Sein Urteil mag zutreffend sein. Doch befand er sich in keiner beneidenswerten Lage: Depressive sehen sich häufig nicht als krank, eröffnen ihren Behandlern oft nur Ausschnitte aus ihrem inneren Erleben und wehren sich gegen medikamentöse oder stationäre Behandlungen.
Dass Enke unmittelbar vor seinem Selbstmord im Telefongespräch eine Klinikbehandlung ablehnte und statt dessen vorgab, es gehe ihm schon wieder besser, ist der Klassiker vor einem Suizid eines Depressiven. Der gefassten Entschluss, seinem Leben und seiner unwerten, schuld- oder makelhaften Existenz ein Ende zu setzen, entlastet den Patienten, der deshalb auch wie gebessert wirkt. Diese authentische Entlastung glaubt man als Behandler nur allzu leicht, zumal man sie dem Patienten wünscht oder man sich auch vom Erfolg der Therapie abhängig fühlt.
Schließlich gelangt man als Behandler von Spitzenleistungsträgern angesichts einer Depression in ein ernsthaftes Dilemma: Der Kranke erlebt sich als Versager, was Kern seiner Störung ist. Er verlangt nach Behebung seines vorgeblichen Versagens. Ein Torhüter muss extreme Reaktionsbereitschaft zeigen, gleichzeitig aber mehr oder weniger 90 Minuten - bei hoher innerer Spannung - am Fleck stehen. Ein medikamentöses Runterregulieren innerer Spannung kommt demnach für den Torhüter ebenso wenig in Frage wie für jeden, der von sich hohe Leistungsbereitschaft erwartet oder mehr oder weniger zu Recht glaubt, sein Arbeitgeber täte dies.
Handelt es sich also auch um einen gesellschaftlichen oder berufsbedingten realen Leistungsdruck, wird der Kranke von seinem Psychiater antriebssteigernde Medikamente erwarten, wenn er überhaupt welche akzeptiert. Diese aber fördern bei bestehender suizidaler Depression die Handlungsbereitschaft - und mithin die Neigung, dem Problem, das mit der eigenen Existenz gleichgesetzt wird, ein Ende zu setzen.
Jens Lehmann oder Oliver Kahn sind anders gestrickt als Robert Enke. Immer wieder brachen sie impulsiv aus, verharrten nicht in der verordneten Starre des Torhüters, bauten ihre innere Spannung durch oft auch unerwünschte Aggressionsdurchbrüche ab. Das jedoch können sich nur Personen leisten, die in ihrem Job kaum ersetzbar sind. Robert Enke wird vielleicht fälschlich geglaubt haben, er sei jederzeit ersetzbar. Die Kassiererin beim Discounter kann sich dessen sicher sein.
Micha Hilgers ist Psychoanalytiker und Publizist in Aachen.
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Dokument erstellt am 13.11.2009 um 17:07:02 Uhr
Letzte Änderung am 14.11.2009 um 11:16:17 Uhr
Erscheinungsdatum 13.11.2009 | Ausgabe: d