Als ich am 20. Juli 1969 gegen 13 Uhr das große Apollo-Sonderstudio des WDR in Köln betrat, war mir etwas mulmig. "Schlafen Sie sich vorher gut aus", hatte man mich gewarnt. "wir sind wahrscheinlich 32 Stunden auf Sendung. Das gab\'s noch nie. Bringen Sie auf jeden Fall ein zweites Oberhemd mit. Sie werden es brauchen." Das war nicht auf den eventuellen Ausbruch von Angstschweiß des Kommentators gemünzt, sondern auf die erbarmungslos gleißenden Scheinwerfer und ihre Hitzeentwicklung.
Der Aufbau im größten WDR-Studio war beeindruckend. Im Hintergrund ein großes Mond-Panorama. Davor eine nachgebaute Mondlandefähre in Originalgröße. Zwei Pult-Reihen, an denen die erste Riege der deutschen Professoren in Sachen Mond und Weltraum Platz genommen hatten. Günter Siefarth, der Anchorman und Leiter der Mammut-Sendung, eröffnete sachlich und mit dem gebotenen Schwung die große Mondlandeschau, ließ die riesige, 110 Meter lange Mondrakete Saturn-V abheben und arbeitete sich langsam bis zum aktuellen Stand des Geschehens vor - und dann geschah erst einmal nichts.
Mondlandung
Video: DLR
Der Anflug zum Erdtrabanten glänzte durch erschreckende Eintönigkeit. Die romantisch eher unbegabten Weltraum-Abenteurer glänzten durch Schweigen, und wenn Armstrong & Co doch die Lippen bewegten, rasselten nur Chiffren und Zahlenkombinationen zur Erde; Technik-Chinesisch, das seinen Reiz darin fand, sich jeder Deutung zu entziehen. "Die reden da oben so wenig", seufzte ein Techniker im Goddard Spaceflight Center der Nasa, "dass man sich nur noch mühsam wach halten kann." Neil Armstrong redete sogar so wenig, dass sich die Mission Control am Boden zwischendurch die scherzhafte Anfrage erlaubte, ob er überhaupt noch an Bord sei. Der Mondflieger ging nicht auf die Blödelei ein. Er schwieg.
Dann kam die große Panne - und die verpennten wir. Etwa sieben Minuten vor der Landung flackerten an Bord der Mondlandefähre gelbe Warnsignale auf. "Programmalarm", meldete Edwin Aldrin zur Erde, "es ist 1202". Das bedeutete höchste Gefahr. Der für die Landung - aber auch für den Rückstart zur Erde - unbedingt notwendige Bordcomputer kündigte an, dass er überlastet sei. Stephen G. Bales, der 27-jährige wachhabende Offizier, befahl dem Computer vom Boden aus, nicht mehr auf Anfragen der Astronauten zu reagieren und sich nur noch auf seine vorgegebenen Aufgaben zu konzentrieren. Der Rechner gehorchte. Im Funksprechverkehr wurde seinerzeit die brenzlige Situation jedoch nicht sofort deutlich - auch US-Medien berichteten erst später darüber.
Kein Applaus für Armstrong
Zur Person
Anatol Johansen, Wissenschaftsjournalist, ist Raumfahrt-Experte. Er begann seine Laufbahn 1962 bei der Deutschen Welle.
Heute arbeitet er für Zeitungen, Zeitschriften, für Radio- und TV-Sender. Außerdem hat er etliche Fachbücher aus dem Englischen und Amerikanischen übersetzt. Seit 1962 insgesamt mehrere tausend Raumfahrt-Artikel und Sendungen.
Die Reise zum Mond
Videos, interaktive Grafiken, Bilder und Hintergründe über den Wettlauf zum Mond, die Helden mit brauner Vergangenheit, Verschwörungstheorien und die Astronauten im FR-Spezial.
Die Experten, die im Kontrollzentrum in Houston die gesamte Super-Aktion überwachten, schienen von der Emotionsschwäche ihrer Astronauten angesteckt. Weder als der "Adler" gelandet war, noch als Armstrong den kleinen Schritt herunter von der Leiter machte, gab es das kleinste Anzeichen von Applaus - weder stehende noch sitzende oder überhaupt irgendwelche Ovationen.
Und Edwin Aldrin nahm in aller Stille die Kommunion auf dem Mond. Ja, sie haben richtig gelesen. Er hatte weder seine Frau noch die Nasa oder sonst irgendjemanden über dieses Vorhaben unterrichtet. Bevor er als zweiter Astronaut den Mond betrat, funkte er zwar noch zur Erde: "Dies ist der Lunar Module Pilot. Ich nehme die Gelegenheit wahr, jeden der zuhört - wer immer oder wo immer er oder sie sein mag -, darum zu bitten, einen Moment inne zu halten, über die Ereignisse der letzten Stunden nachzudenken und auf seine oder in ihrer Art zu danken." Und dann nahm er die Kommunion, die ihm Dean Woodruff, der Pfarrer der Presbyterian Church in Webster, Texas, mitgegeben hatte.
Dies geschah jedoch höchst privat, in aller Stille und ohne Funkverkehr, da die Nasa seinerzeit noch in einem Rechtsstreit mit dem Atheisten Madalyn Murray O\'Hair lag. Er empfand es als Unrecht, dass Astronauten beim ersten Umrunden des Mondes im Verlauf der Mission Apollo-8 am 24. Dezember 1968 aus der Bibel vorgelesen und ins irdische Fernsehen hatten übertragen lassen. O\'Hair verlangte, dass sich Astronauten im Weltraum künftig aller religiösen Aktivitäten zu enthalten hätten.
Millionen für die Raumfahrt?
Die Eroberung des Weltraums kostet alle beteiligten Staaten viel Geld. Für die internationale Raumstation gibt allein Deutschland bis 2012 über 560 Millionen Euro aus - plus 15 Millionen für das Moskauer Marsflugexperiment - ist es das wert?
Wir im Studio berichteten derweil, dass die Männer auf dem Mond eine Plakette zurücklassen würden mit der Inschrift "we came in peace for all mankind" (wir kamen in Frieden als Vertreter der gesamten Menschheit).
In fröhlicher Ermattung verließ ich am 21. Juli um 21 Uhr - 32 Stunden nach Beginn der Mondlande-Marathonsendung - das Apollo-Sonderstudio des WDR. Im Grunde meines Herzens hat mir aber die zweite Mondlandung im November 1969 besser gefallen als die erste. Denn beim zweiten Mal waren nicht nur die übermittelten Bilder erheblich schärfer, sondern auch der Funksprechverkehr besser zu verstehen als beim historischen Unternehmen.
Er pfiff ein Lied auf dem Mond
"Das mag ja ein kleiner Schritt für Neil Armstrong gewesen sein", ulkte der nicht allzu hoch gewachsene Astronaut Alan Bean beim Verlassen der untersten Sprosse der Mondleiter, "aber für einen kleinen Kerl wie mich ist das doch ein ganz schöner Satz." Und dann kam etwas so Unerwartetes, dass ich angestrengt in den Kopfhörer lauschte, weil ich anfänglich glaubte, mich verhört zu haben: Bean pfiff sich eins. Auf dem Mond. Er spazierte auf dem Mond und pfiff ein Lied.
Der Mond war nicht länger ein mystisches Himmelsobjekt, Ehrfurcht gebietend, geheimnisumwoben. Alan Bean - und nicht Neil Armstrong - hatte ihn der Erde eingemeindet.