Im Sommer 1929 lernten sie sich kennen: Freya Deichmann, die 18-jährige Tochter des Kölner Bankiers Carl Theodor Deichmann, und der 22-jährige Jurastudent Helmuth von Moltke. „Ich sah ihn, und mein Herz stand still“, erzählte Freya von Moltke in einem Interview. Der Schauplatz der Begegnung wirkt symbolträchtig: „Haus Seeblick“ am Grundlsee im Salzkammergut. In den zwanziger Jahren kam in dem Ferienheim des Ehepaares Schwarzwald ein internationaler Kreis – der „Schwarzwald-Kreis“ – zusammen.
Zu ihm gesellten sich auch die Deichmanns und die Moltkes. Für die Bankierstochter erwies sich die Begegnung als ein Ereignis, durch das ihr Leben ein Ziel erhielt. Für den vom Vater zwecks Rettung des hochverschuldeten Kreisauer Gutes zurückgerufenen jungen Moltke wurde Freya mit ihrer „Wärme, Liebe, Zärtlichkeit“ die Frau, ohne die er sich nach einiger Zeit ein verantwortungsvolles und erfülltes Leben nicht mehr vorzustellen vermochte. Seines währte bis 1945, ihres bis 2010.
Anlässlich ihres 100. Geburtstages am 29. März 2011 sind gleich zwei Biographien über Freya von Moltke erschienen. Die eine stammt von der Historikerin Frauke Geyken. In ihrem detaillierten und spannenden Buch lässt sie nicht nur Freya von Moltkes Leben vor dem historischen und sozialpolitischen Hintergrund erstehen, sondern zeichnet auch eindrucksvolle Lebensbilder der Menschen ihres weiteren Umfelds, z.B. der in das politische Geschehen involvierten Witwen hingerichteter Widerstandskämpfer. Sie stützt sich dabei u.a. auf zahlreiche Gespräche mit Verwandten und Freunden ihrer Protagonistin sowie öffentlich zugängliche und private Archive.
Freya von Moltke, 1911 als drittes Kind des wohlhabenden konservativen Bankiers Deichmann und seiner zwanzig Jahre jüngeren, liberalen und eigenständigen Frau Ada geboren, hatte eine sorglose Kindheit. Sie besuchte ein Kölner Lyzeum, danach ein Internat im thüringischen Löbichau und schloss als bereits Verheiratete ein Jurastudium ab. Als Freya und Helmuth 1931 heirateten, war das Kreisauer Gut saniert, das Bankhaus Deichmann indes im Gefolge der Weltwirtschaftskrise zahlungsunfähig geworden und Freyas Vater todkrank.
Mit zwanzig bestand die frisch vermählte Freya von Moltke ihre erste Bewährungsprobe. Während ihre Schwiegermutter, eine liberale Südafrikanerin schottischer Abstammung, 1931/32 ihre Eltern in Kapstadt besuchte, war sie für den Kreisauer Haushalt verantwortlich. Sie führte ihn mit der für sie charakteristischen Umsicht und rheinisch-heiterem Temperament. Es folgten ein längerer Aufenthalt in Berlin und Auslandsreisen, unter anderem nach England, wo Helmuth ein Zusatzstudium mit Schwerpunkt internationales Privatrecht aufnahm. Als seine Mutter 1935 starb, wurde Freya Gutsherrin in Kreisau. Helmuth, dem eine berufliche Karriere als Richter verwehrt war, weil er weder der NSDAP beitreten noch einem Unrechtsstaat dienen wollte, machte in Berlin eine Anwaltspraxis auf. Er konnte jüdischen Mandanten bei der Rettung ihres Vermögens ins Ausland bzw. bei ihrer Emigration helfen.
Sowohl in Berlin als auch in Kreisau gab es konspirative Zusammenkünfte von NS-Gegnern. Als Ziel schälte sich heraus: ein deutscher demokratischer Rechtsstaat, eingebunden in eine europäische Föderation. Mitglieder des „Kreisauer Kreises“ waren Großgrundbesitzer, Politiker, Gewerkschafter sowie Christen beiderlei Konfession. Konspiration ging zunehmend in aktiven Widerstand gegen das NS-Regime über. Im Januar 1944 wurde Helmuth von Moltke verhaftet, nachdem er einen Bekannten vor einem Gestapospitzel gewarnt hatte. Nach einem Jahr Gefängnis wurde er am 23. Januar 1945 in der Haftanstalt Plötzensee wegen angeblichen Hochverrats hingerichtet.
Helmuth James und Freya von Moltke: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944 -Januar 1945. Hrsg. von Helmuth Caspar von Moltke und Ulrike von Moltke. Verlag C.H. Beck 2011, 608 Seiten, 29,95 Euro.
Frauke Geyken: Freya von Moltke. Ein Jahrhundertleben 1911–2010. Verlag C.H. Beck 2011, 287 Seiten, 19,95 Euro
Sylke Tempel: Freya von Moltke. Ein Leben. Ein Jahrhundert. Rowohlt Verlag 2011, 221 Seiten, 19,95 Euro.
Freya blieb mit den beiden 1937 und 1941 geborenen Söhnen Caspar und Konrad bis zum Herbst 1945 in Kreisau, das nach Kriegsende unter polnisch-russischer Besatzung stand, und kümmerte sich um die überlebenden Freunde in Berlin. 1947 übersiedelte sie nach Kapstadt, wo sie als Fürsorgerin für behinderte Menschen tätig war. Wegen der sich verschärfenden Apartheitspolitik kam sie 1956 mit beiden Söhnen zurück. Nach einer Begegnung mit dem einstigen Lehrer ihres Mannes, Eugen Rosenstock-Huessy, ließ sie sich 1960 in dessen Wohnort Norwich in Vermont nieder. Von dort aus hielt sie das Andenken an den Widerstand wach, publizierte „Erinnerungen an Kreisau“ und Briefe ihres Mannes. Gleichzeitig war sie sozial engagiert. Und noch im hohen Alter setzte sie sich dafür ein, dass aus dem einstigen schlesischen Gut Kreisau, dem nun polnischen Krzyżowa, eine Jugendbegegnungs- und Gedenkstätte, ein Ort für europäische Verständigung wurde.
Auch die Autorin der anderen Biographie, die Politikwissenschaftlerin Sylke Tempel, dankt Freya von Moltkes Sohn Caspar und engsten Verwandten für Gespräche und Auskünfte. Entstanden ist ein salopp geschriebenes Buch, dessen erste Hälfte sich eher wie eine Biographie von Freyas Mann Helmuth James liest. Ausführlich schildert Tempel das Attentat vom 20. Juli, mit dem die Moltkes nichts zu tun hatten. Störender als die Nacherzählung von längst Veröffentlichtem sind allerdings die vagen Spekulationen, der Mangel an Präzision und der umgangssprachliche Ton: Canaris sei kein „lupenreiner Demokrat“ gewesen, Frankreich im Mai 1940 „wie eine faule Frucht“ gefallen. Zu vielen der stets ohne Quellenangaben abgedruckten Zitate gibt es befremdliche Kommentare. So ist es Geykens bewegende und doch nichts beschönigende Biographie, die die empfehlenswerte Ergänzung zum nun erschienenen Briefwechsel bildet.
Dieser „Schatz“ – ein Faszikel von einigen Hundert Briefen, die zwischen ihrem Mann und ihr während dessen viermonatiger Haft im Justizgefängnis Tegel hin und her gingen – war für Freya von Moltke, so lange sie lebte, etwas Privates, Intimes. Harald Poelchau, der protestantische Gefängnispfarrer, schmuggelte die Briefe fast täglich unter Lebensgefahr an der Zensur vorbei. Diesem mutigen religiösen Sozialisten und seiner Frau haben die Herausgeber das Buch gewidmet. Es enthält Liebesbriefe zwischen einem Mann, der seine Hinrichtung erwartete und sich auf seinen Tod vorbereitete, ohne die Hoffnung aufzugeben, Gott könne sein Schicksal noch wenden, und einer Frau, die die Einsicht in die Aussichtslosigkeit der Lage und die Zuversicht, unter Gottes Schutz zu stehen, teilte, und die entschlossen war, das gemeinsam Begonnene fortzusetzen: den Kampf gegen „einen Geist der Enge und der Gewalt [...], der Intoleranz, des erbarmungslos Konsequenten“, wie ihn der Nationalsozialismus verkörperte.
Jeder Tag des Aufschubs im Prozess vor dem Volksgerichtshof wurde als ein Geschenk empfunden, das den beiden Liebenden erlaubte, brieflich eine äußerste Nähe zu erfahren und sich gegenseitig zu stärken – für den Tod Helmuths, für Freyas Weiterleben. Die Briefe verschweigen nicht die Enge und Kälte seiner Zelle, das Tag und Nacht brennende Licht, die Fesselung und die dadurch forcierte Verschlimmerung seiner Rückenschmerzen. Aber weder von ihm noch von Freya liest man in den Briefen die geringste Klage heraus.
Trotz des immer neuen, manchmal vergeblichen Versuchs, sich in das Unabänderliche zu fügen, unternahmen die beiden Eheleute alles Erdenkliche, um das Todesurteil abzuwenden. Freyas Tage sind angefüllt mit dem Verfassen von Gesuchen und Anträgen, der Mitarbeit am Text für Helmuths Verteidigung gegen die Anklageschrift, die ihn des Hochverrats und eines „hemmungslosen Defätismus“ beschuldigt. Sie sucht den Pflichtverteidiger, Amts- und Ministerialräte und Landgerichtsdirektoren auf, spricht beim Chef der Gestapo im Reichssicherheitshauptamt vor, sogar beim Präsidenten des „Volksgerichtshofs“, Roland Freisler.
Ihr Mut und ihre selbstverständliche klare Präsenz verschaffen ihr Respekt. Nie beugt sie sich. Und auch von Helmuth erwartet sie kühnes und würdiges Verhalten. „Wenn Freisler brüllt, dann brülle wieder!“ Er solle „groß aus der Sache hervorgehen.“ „Schlängeln darfst Du Dich nicht.“ Das bestärkte Helmuth in seiner Haltung, „nichts zu entschuldigen, nichts abzuschwächen, sondern sich ganz offensiv zu verteidigen“.
Wer die Briefe liest, wird den Herausgebern recht geben, die in ihrer Einleitung schreiben, ihre Lektüre könne Mut zum Handeln machen, wo Menschenrechte und Demokratie gefährdet sind, und die mit dem Satz schließen: „Ihre Abschiedsbriefe zeigen anschaulich, dass dieser Mut einhergeht mit einer Intelligenz des Herzens.“