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Ironman Frankfurt
Der längste Tag des Jahres: Schwimmen, Radfahren und ein Marathon. Wir berichten mit vielen Bildern.

21. Oktober 2015

Interview Arne Gabius: „Ich sehe das als Riesenchance“

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Probelauf vor der EZB in Frankfurt: Arne Gabius.  Foto: David Daub/nike

Arne Gabius über seinen mutigen Plan, beim Frankfurt Marathon die Grenzen für einen deutschen Läufer neu zu definieren.

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Das gab es lange nicht beim ältesten deutschen Stadtmarathon: Alles dreht sich vor der 34. Auflage des Frankfurt-Marathon am kommenden Sonntag um einen deutschen Läufer. Arne Gabius. Nach seinem bemerkenswerten Debüt im Vorjahr (2:09:32 Stunden) in der Mainmetropole will der 34-Jährige nun den deutschen Rekord von 2:08:47 brechen. Sogar eine Zeit zwischen 2:07 und 2:08 Stunden hält der Wahl-Stuttgarter für möglich. Es wäre eine historische Bestzeit über die klassischen 42,195 Kilometer. Nebenbei winken 30 000 Euro Prämie und der Titel des deutschen Marathonmeisters. Gabius, 5000-Meter-Vizeeuropameister von 2012, hat seine Bahnkarriere beendet. Er glaubt, dass die Vorleistungen von den kürzeren Strecken und eine spezielle Ernährung zum Ziel führen können. Und er versichert, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Seine Lebensgefährtin Anne Schroth sagt: „Arne läuft mit einem Lächeln.“

Überwiegt vor dem Start die Vorfreude oder die Anspannung?
Erst einmal bin ich erleichtert, dass ich die Vorbereitung gut überstanden habe. Ich bin teilweise an meine Grenzen gegangen, mein Physiotherapeut hat das gemerkt. Insgesamt bin ich recht entspannt. Heute werde ich erst einmal zu Hause Kuchen backen, weil morgen meine Verlobte Anne Geburtstag hat.

Sie haben am Sonntag Historisches vor und wollen unter 2:08:47 Stunden laufen. Was haben Sie dafür konkret getan?
Ich hatte statt neun diesmal 16 Wochen Vorbereitung, teilweise mit bis zu 260 Kilometern die Woche. Die Basis habe ich in den ersten vier Wochen gelegt, in denen ich sehr hohe Umfänge gelaufen bin. Ich musste in der gesamten Vorbereitung nur einmal drei Tage aussetzen, weil ich mir ein paar Blasen gelaufen hatte. Die kleine Pause tat vielleicht aber auch ganz gut.

Wie kam es dazu, sich solch ein ehrgeiziges Ziel zu setzen?
Ich war natürlich sehr happy mit dem Debüt vergangenes Jahr. Petra Wassiluk vom Veranstalterteam kam nach der Pressekonferenz zu mir und meinte: Du willst doch unter 2:10 laufen, habe ich recht? Leute, die mir nahe standen, haben das wahrscheinlich auch gemerkt.

Braucht es bestimmtes Wetter?
Kein Wind wäre gut. Regen muss auch nicht sein. Die Wetterprognosen laufen auf ein Hoch hinaus mit Sonne und bis zu 14, 15 Grad. Aber am Start sollen es nur sechs, sieben Grad sein, das wäre perfekt.

Noch einmal zu den Bedingungen: Sie verwenden fast neue Schuhe und neue Socken.
Ja, ich habe mich für ein Modell aus dem Vorjahr entschieden, das ich bei meinem letzten langen Lauf über 34 Kilometer eingeweiht habe. Und meine Laufsocken habe ich im vergangenen Monat mal komplett ausgetauscht.

Wie kann es eigentlich sein, dass wie in Berlin beim Sieger Eliud Kipchoge die Einlagen aus den Schuhen rutschen?
Das bleibt eine einmalige Geschichte. Er hatte den Schuh vorher in Kenia getragen und ist damit 15 Kilometer im Weltrekordtempo gelaufen. Das muss irgendwie beim Reinschlüpfen passiert sein, und er ist ja ein extremer Vorfußläufer. Ich glaube, da ist eine unglückliche Kette in Gang geraten.

Bei Ihnen ist die Ernährung ein zentraler Baustein für einen Marathon. Der Klassiker, sich am Vortag bei der Nudelparty mit Kohlenhydraten zu versorgen, zieht nicht. Warum nicht?
Es gibt verschiedene Wege, die zum Ziel führen. Ich habe mir überlegt, was der Körper leisten kann. Wir speichern die Kohlenhydrate in den Muskeln und in der Leber, und diese Speicher halten rund 90 Minuten. Ich habe die gesamte Vorbereitung über in einer Low-Carb-Phase trainiert, mit der ich den Fettstoffwechsel trainiere. Mein Trainingsreiz ist es, in der Trainingswoche recht häufig meine Speicher zu leeren. Denn nur so lernt der Körper, dass Kohlenhydrate nicht ständig verfügbar sind. Dadurch, dass die Speicher häufiger leer sind, ist man imstande auch Fette zu verbrennen – so komme ich schon mal 100 Minuten weit.

Der Marathon dauert aber über zwei Stunden.
Daher mache ich neun Tage vorher eine Saltin-Diät, auch Schweden-Diät genannt. Da lasse ich einige Tage die Speicher leer und schaffe eine Notsituation für den Körper. Der reagiert darauf, indem er die nächsten zugeführten Kohlehydrate hamstert, die Speicher übervoll macht. Diesen Effekt nutze ich – so lassen sich die Speicher auf bis zu 130 Prozent aufladen. Ich werde vollgetankt wie ein Formel-1-Auto am Start stehen. Und damit müsste ich theoretisch ohne Nahrungszufuhr durchhalten.

Haben Sie bei ihrem Marathon-Debüt im vergangenen Jahr wirklich nichts gegessen?
Nein. Nur Wasser und zwei, drei Schlucke Cola bei Kilometer 35, wobei der Zucker damals direkt in den Kopf gegangen ist.

Ist Ihre Methode eigentlich in der Spitze weit verbreitet?
Ich glaube, dass die Ernährung im Marathon sehr viel ausmacht. Die Leute, die das nicht betreiben, berauben sich einiger Möglichkeiten. Das Thema ist jetzt auch international angekommen. Der Trainer Renato Canova wirbt bei den Kenianern um Verständnis dafür, den Fettstoffwechsel zu trainieren. Aber in diesem Zusammenhang muss ich vielleicht noch mal klarstellen: Talent und Wille bleiben das Allerwichtigste. Das steht immer über Training, Ernährung, Regeneration.

Wichtig beim Rennen sind dann noch die Tempomacher. Ihrer sollte der Kenianer Richard Mengich sein.
Ich habe mir die letzten Wochen immer schon vorgestellt, wie ich hinter ihm laufe, aber er hat einen Ermüdungsbruch erlitten. Das ist schade, weil ich Richard von einem Tübinger Stadtlauf gut kenne. Seitdem treffen wir uns immer in Kenia. Ich gehe mal davon aus, dass der Ersatzmann auch einen guten Job macht. Wir sollen ja eine Gruppe von 15 bis 20 Leuten sein, die bis Kilometer 30 möglichst zusammenbleibt.

Sie würden Jörg Peter seinen 1988 aufgestellten Uralt-Rekord entreißen. Sie haben Kontakt zu ihm gehabt, war zu hören.
Ja, ich habe ihn in Hamburg getroffen, da wurde ich beim diesjährigen Marathon eingeladen und der Renndirektor hat uns beim Essen zusammengesetzt.

Und Sie haben ihm gedroht: Den Rekord bist du bald los.
Er hat mir sogar versichert, dass er sich freuen würde für mich. Er glaubt auch aufgrund meiner Vorleistung über 10 000 Meter, dass ich als einziger die Grundvoraussetzung besitze. Ich bin ja der Meinung, dass es diese Ausbildung von der Bahn braucht, um in diese Regionen vorzustoßen.

Sie halten gar eine 2:07 für möglich.
Wir gehen den Halbmarathon mit 63:30 an. Wenn ich jetzt sage, ich unterbiete den Rekord nur um ein paar Sekunden, müsste ich ja hinten heraus einbrechen. Ich will am Sonntag etwas riskieren. Ich weiß doch gar nicht, ob ich solch eine Gelegenheit noch einmal bekomme. Der Renndirektor Jo Schindler und der Sportliche Leiter Christoph Kopp haben alles auf mich ausgerichtet – wann hat ein deutscher Läufer diese Situation? Ich sehe das als Riesenchance!

Spukt auch die Qualifikation für die Olympische Spiele 2016 in Rio im Hinterkopf herum?
Diese 2:12:15, die ich als Norm unterbieten muss, ist eigentlich nur ein Thema, wenn ich während des Rennens große Probleme bekommen sollte. Ich bin der Meinung, dass drei deutsche Läufer nach Rio mitgenommen gehören, wenn sie unter 2:17 bleiben – aber ich kenne den Verband (Deutscher Leichtathletik-Verband, Anm. d. Red.). Im Jahr 2000 habe ich mal um 2,36 Sekunden die Norm über 5000 Meter für die Junioren-WM verpasst, da hat es mir nicht mal etwas genützt, in der Zielkurve noch einen jungen Briten überspurtet zu haben. Ihn hat man mitgenommen, mich nicht. Es war damals Mo Farah.

Mal angenommen ihr Coup gelingt: Was entgegnen Sie den Zweiflern, die glauben, ohne unerlaubte Hilfsmittel ginge das nicht?
Ich kann einfach nur sagen, dass es bei mir mit rechten Dingen zugeht. Wenn ein Kenianer eine 2:06, 2:05 und sogar unter 2:03 laufen kann, warum kann ich nicht drei, vier Minuten langsamer laufen? Das steht für mich außer Frage. Und schon in den 80er-Jahren waren diese Zeiten möglich, in denen es noch kein Epo gab. Jetzt gibt es, besseres Wissen, bessere Ernährung, bessere Trainingspläne: Die Sportart entwickelt sich weiter.

Wir hätten es also mit einem sauberen deutschen Rekordmann zu tun?
Ja. Ich bin in diesem Jahr neunmal kontrolliert worden, darunter war nur eine Wettkampfkontrolle. Und natürlich gebe ich auch in Frankfurt eine Dopingprobe ab, die sogar für acht Jahre eingefroren wird. Das ist auch richtig. Alle Veranstalter merken, dass sie da etwas machen müssen.

Interview: Frank Hellmann

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