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07. April 2012

Debatte um Grass-Gedicht: Antisemitismus ohne Antisemiten

 Von Raphael Gross.
Die Debatte um das Grass-Gedicht reißt nicht ab.  Foto: dpa

Wie die NS-Mentalität bis heute wirkt - ein Gastbeitrag von Raphael Gross, Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt.

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Henryk M. Broder und andere haben Grass als Antisemiten bezeichnet. Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, und der israelische Journalist und Historiker Tom Segev dagegen nahmen ihn explizit davor in Schutz. Sie kritisierten ihn für den Ton, für die Arroganz, für das angemaßte, scheinbare Wissen um die Situation im Nahen Osten und für die das Ressentiment quasi offenlegende Bemerkung, schließlich habe er ja immer geschwiegen und endlich spreche er nun. Sind diese Unterschiede bloß Gradierungen – der ehemalige Botschafter Avi Primor drückt sich eben zurückhaltender und nobler aus und lässt Grass auch ein Zurück offen, während der Polemiker Broder die ihm gebotene Offerte schwer ausschlagen kann?

Es ist ja nicht strittig – außer im Iran und offenbar bei den Verantwortlichen in der Süddeutschen Zeitung – dass dieses Gedicht von Grass ein Hassgesang ist. Woher dann die Schwierigkeit, ihn als Antisemiten zu bezeichnen?

Es zeigt sich in diesem Konflikt, wie in vielen davor, dass der Begriff als solcher nicht sehr viel erfasst. Um es paradox zu formulieren: Wir haben zwar weltweit sehr viel Antisemitismus und zwar seit dem 11. September 2001 leider sogar zunehmend, aber fast keine Antisemiten. Das hat auch damit zu tun, dass der aus dem 19. Jahrhundert stammende Begriff des Antisemitismus von Anfang an äußerst unklar war und ist. Er wurde ja geprägt von Leuten, die ihrem Judenhass einen wissenschaftlichen Anspruch geben wollten und sich selbst so bezeichneten. Mehr als ein unbestimmter Hass auf eine ethnisch-religiöse Gruppe verband sie kaum. Eine Reihe von antimodernen Überzeugungen und Verschwörungsfantasien versuchten sie als Haltung quasi wissenschaftlich zu begründen.

Während im 19. Jahrhundert Antisemiten sich selber als solche bezeichneten, ist dies nach dem Holocaust nicht mehr der Fall. Heute gibt es nur noch wenige Menschen, die ihren Judenhass offen als Antisemitismus bezeichnen würden, und die, die es tun, sind meist politisch irrelevant. Zumindest in Deutschland. In Osteuropa sieht es schon anders aus. Wobei selbst im Iran Präsident Ahmadinedschad sich als Antizionisten und nicht als Judenhasser bezeichnet, obwohl er nahezu jede Zeile der „Protokolle der Weisen von Zion“ schon einmal als eigene Meinung zu äußern versucht hat.

Avi Primor und Tom Segev halten sich mit ihrer Grass-Kritik mehr ans 19. Jahrhundert und an die Selbstbezeichnung des Schriftstellers. Sie können so den Unsinn von Grass (etwa die überzogene Kritik an Israel im Vergleich zum Iran oder die Täter-Opfer-Umkehrung) klar zurückweisen – ohne in einen Strudel hineinzugeraten, der nämlich jedem Kritiker, der Grass direkt als Antisemiten bezeichnet, droht: „Beweisen Sie das doch einmal.“

        

Raphael Gross
Raphael Gross
 Foto: DPA

Als ich vor einigen Jahren, zusammen mit Werner Konitzer, damit anfing, mich mit Martin Walser und seiner notorischen Paulskirchenrede zu beschäftigen, da stießen wir auf dasselbe Problem. Das letzte, was Walser von sich dachte und wohl immer noch denkt ist, dass er ein Antisemit ist, oder seine Rede eine antisemitische war. Und wer es ihm vorwarf, wie Ignatz Bubis, der musste umgekehrt sich Vorwürfe anhören. Gleich tausendfach wurden die Leserbriefschreiber von Walser ins Feld geführt. Und dennoch: Es schien uns ein Zusammenhang zu bestehen, der den Nationalsozialismus und den in der Paulskirche predigenden Walser mit seiner „Sonntagsrede“ direkt miteinander verband. Wir sahen diese Verbindung in einer spezifischen partikularen Moral. Im historischen Kontext der geteilten moralischen Gefühle, auf die der Nationalsozialismus gesetzt hatte. So zum Beispiel auf eine ganz spezifische Form der „Schande“. Einer Schande, die auch als negatives Gefühl, eine Art der Gemeinschaft, der sogenannten „Volksgemeinschaft“ stiften konnte. Selbst wenn es die „ewige Schande“ von Auschwitz ist, auf die sich Walser etwa bezog. Und dann auf dem Ressentiment, welches aus der Schande sich ableitet. Diese Figur, dass man nicht sagen dürfe, was man wirklich denke, da man irgendwie mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht werde – und dann eben doch. Als ich einmal die Gelegenheit hatte, mit Walser selber darüber zu sprechen, da wurde mir deutlich, wie Walser einerseits die Gräuel des NS ablehnt, wie er aber anderseits weder die NS-Mentalität zu erkennen scheint, noch das Fortwirken von aus dem NS stammenden moralischen Urteilsformen.

Die Unfähigkeit, dieses Fortwirken von NS-Mentalität oder „NS-Moral“ zu erkennen, macht die Überwindung des Nationalsozialismus so kompliziert. Wenn wir uns mit dem Nazismus beschäftigen, dann haben wir es nicht nur mit einem schrecklichen Geschehen, sondern auch mit einer „schrecklichen Mentalität“ zu tun. Und diese ist oft tiefer in das Denken und das Handeln von Personen eingebaut als tagespolitische Überzeugungen. Diese schreckliche Mentalität – nicht der offene Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, diese direkt aus dem Nationalsozialismus in Deutschland zwischen 1933-1945 erwachsenen „Moral der Volksgemeinschaft“ – ist es, deren Echo wir leider immer und gar nicht so selten hören, wenn wir der Generation von Grass nur genau zuhören.


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Und oft muss man genau hinhören oder genau lesen: Die Historikerin Tanja Hetzer hat etwa schon vor Jahren auf die problematische Erzählperspektive und vor allem die damit einhergehende Verdrängung von Schuld bei Grass in der „Blechtrommel“ hingewiesen. In dem Fortwirken der NS-Mentalität, oder genauer „Moral“, haben alle Bestandteile des Antisemitismus aus dem 19. Jahrhundert Platz. Subjektiv wird dieses Fortwirken, insbesondere des Antisemitismus, wohl meist nicht gesehen. Es ist offensichtlich kein leicht zu beseitigendes Erbe. Die Erforschung der NS-Mentalität, der geteilten moralischen Gefühle im Nationalsozialismus steht erst an ihrem Anfang. Der Schatten des Nationalsozialismus ist lang.

Raphael Gross, Schweizer Historiker, leitet das Leo Baeck Institut in London sowie das Jüdische Museum Frankfurt am Main.

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