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Israel-Iran-Konflikt
Der Atomstreit zwischen Israel und Iran.

05. April 2012

Ex-Botschafter von Israel Primor: "Günter Grass versteht nicht, worum es geht"

Avi Primor sagt, Grass schätze den Konflikt mit Iran falsch ein.  Foto: imago

Israel würde den Iran "niemals!" mit Atomwaffen angreifen, sagt der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor. Auch richte sich das iranische Atomprogramm nicht gegen Israel. Trotzdem müsse man sich auf einen Krieg einstellen.

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Herr Primor, was sagen Sie zu der massiven Kritik, die Günter Grass an Israel übt?

Ich habe viel von Günter Grass gelesen, ich schätze ihn und um das klipp und klar zusagen: Ich halte Günter Grass weder für einen Antisemiten noch für einen Feind Israels.

Und was halten Sie von der Art, wie Grass diese Kritik äußert?

Er scheint bislang eine Menge Kritik zurückgehalten zu haben, an der israelischen Politik, an der israelischen Regierung. Aus Scheu, aus Befangenheit. Jetzt ist das aus ihm herausgebrochen. Und genau das ist es, was man ihm vorwerfen kann: Dass er nicht immer offen und ehrlich redete, dass er sich offenbar nicht traute. Aber man kann, man muss Israel kritisieren – sei es die Siedlungspolitik, sei es die Besatzung. Denn nur wenn man uns offen und sachlich kritisiert, können wir uns damit auseinandersetzen und uns bemühen, etwas zu ändern.

In diesem Gedicht steckt viel Kritik an Israels Politik gegenüber dem Iran.

Ja, aber Günter Grass schätzt den Konflikt mit dem Iran falsch ein. Er versteht nicht, worum es hier geht. Israel ist der einzige Staat auf Erden, der offen mit Vernichtung bedroht wird – und zwar von der iranischen Führung. Diese Leute könnten nicht nur selbst Atomwaffen bauen wollen, sondern sie dann auch an Terrororganisationen weitergeben. Damit geriete die Situation für Israel völlig außer Kontrolle.

        

Avi Primor, früherer Botschafter Israels in Deutschland.
Avi Primor, früherer Botschafter Israels in Deutschland.
 Foto: dapd

Würde Israel – wie Grass mit seinen Erstschlags-Ausführungen suggeriert – Atomwaffen gegen den Iran einsetzen?

Niemals! In den Diskussionen ist auch keine Rede davon, den Iran zu vernichten. Es geht immer nur um die Atomanlagen.

Viele teilen das Unbehagen über die aktuelle Angriffs-Debatte ...

Auch ich habe diese Angst und bin gegen mögliche Angriffe. Diese Debatte ist in Israel durch ehemalige Befehlshaber der Streitkräfte und Geheimdienste ausgelöst worden – und sie haben sich strikt gegen israelische Präventivangriffe ausgesprochen, wie auch die Mehrheit der Israelis.

Die Israelis meinen zwar, dass man eine atomare Bewaffnung des Iran verhindern muss – aber niemals sollten wir allein handeln, die USA müssen das anführen.

Ließe sich der Iran durch Angriffe von seinen Plänen abbringen?

Nein, das glaube ich nicht. Für Waffen und Rüstung fehlt keinem Staat das Geld, geht es seiner Wirtschaft und seiner Bevölkerung auch noch so schlecht. Und die Mehrheit der Iraner mag das Regime hassen, aber fast alle unterstützen die Atompläne. Das ist für sie eine Frage der nationalen Ehre. Mit Angriffen könnte man viel Schaden anrichten, aber den Iran nicht vom Ziel abbringen.

Halten Sie die iranische Führung für so verrückt, Israel mit Atomwaffen anzugreifen?

Das iranische Atomprogramm richtet sich nicht gegen Israel. Die Ajatollahs hassen uns aus ideologischen Gründen, aber die Vernichtung Israels gehört nicht zur Staatsräson. Sie benutzen Israel als Propagandamittel im Kampf um die arabischen Massen, im Machtkampf innerhalb der islamischen Welt. Die arabischen Nachbarn des Iran machen sich denn auch große Sorgen. Wenn nämlich der Iran seinen Einfluss auf den Irak ausweiten und die Oberhand über Saudi-Arabien und die Golfstaaten bekommen könnte, würde der Iran 57 Prozent der globalen Ölreserven kontrollieren. Doch eine verbale Eskalation kann erfahrungsgemäß zu einem Krieg führen, auch wenn ihn keiner will. Und darauf müssen wir uns einstellen.

Ist es von Deutschland klug, in dieser Situation an Israel U-Boote zu liefern?

Deutschland hat eine moralische Pflicht, Israel zu helfen, sich verteidigen zu können und einen neuen Holocaust zu verhindern. Nichts anderes versucht Israel.

Angriffe auf iranische Atomanlagen hätten verheerende Folgen. Aber wie sonst könnte der Konflikt gelöst werden?

Es lässt sich wohl nicht verhindern, dass der Iran Atomwaffen haben wird, wenn er es denn will. Aber die Frage ist, in welche Händen diese Nuklearwaffen kommen. In den Händen der Ajatollahs wären sie eine Gefahr. In den Händen einer demokratischen Regierung wären sie das nicht. Was man also tun muss, ist, die iranischen Strömungen zu unterstützen, die das Regime hassen und stürzen wollen. Und das ist die Mehrheit der Iraner.

Das Gespräch führte Martina Doering.

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