Israel-Iran-Konflikt
Der Atomstreit zwischen Israel und Iran.

25. September 2012

Israels Ex-Vizegeneralstabschef Dan Harel: "Uns läuft die Zeit davon"

 Von Inge Günther
Israels Ex-Vizegeneralstabschef Dan Harel. 

Israels Ex-Vizegeneralstabschef Dan Harel über die militärische Option, eine Atombombe in Händen der Mullahs zu verhindern, die existenzielle Bedrohung Israels und das angespannte Verhältnis zu US-Präsident Obama.

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Israels Ex-Vizegeneralstabschef Dan Harel über die militärische Option, eine Atombombe in Händen der Mullahs zu verhindern, die existenzielle Bedrohung Israels und das angespannte Verhältnis zu US-Präsident Obama.

Der Iran-Konflikt spitzt sich zu und belastet inzwischen auch das israelisch-amerikanische Verhältnis. Mehr als einmal hat Israels Premier Benjamin Netanjahu mit einem Präventivschlag im Alleingang gedroht, um iranische Atomanlagen zu zerstören. Seine Forderung, Teheran „rote Linien“ aufzuzeigen, deren Überschreitung einen Militärschlag nach sich ziehen würde, kam allerdings bei Barack Obama schlecht an.

Der US-Präsident ließ wissen, dass „aus zeitlichen Gründen“ ein Treffen mit dem Israeli bei der UN-Generalversammlung nicht möglich sei. Washington hat Netanjahu im Verdacht, mit seinem Ruf nach einer schärferen Gangart Wahlkampfhilfe für den republikanischen Herausforderer Mitt Romney zu leisten. Israels Ex-Vizegeneralstabschef Dan Harel verteidigt Netanjahus Ungeduld und spricht von einer existenziellen Bedrohung für Israel.

Zur Person

Dan Harel, 57, hat eine lange Karriere in der Armee und im Verteidigungsministerium hinter sich.

Unter seinem Kommando zog sich Israel 2005 aus dem Gazastreifen zurück.

2006 wurde er Militärattache in Washington, ein Jahr später Vizegeneralstabchef der israelischen Streitkräfte.

Seit seinem Abschied 2009 lebt er als Zivilbürger in Modiin-Reut.

Warum ist Premier Benjamin Netanjahu derart ungeduldig, wenn es um den Iran-Konflikt geht? Wieso wartet er nicht einfach bis nach den Wahlen in den USA ab, wie es Barack Obama wünscht?

Weil uns die Zeit davonläuft. Die Iraner sind bereits seit den neunziger Jahr hinter einer Atombombe her, damals hat uns niemand geglaubt, dass sie an einem Nuklearprogramm arbeiten. In den letzten zehn Jahren, in denen ich als Militärattache in Washington und als Vize-Generalstabschef mit der Sache zu tun hatte, haben wir eine Menge Dinge herausgefunden, die die Iraner nicht zugeben mochten. Ihre Betrügereien haben Geschichte. Es gibt gute Gründe davon auszugehen, dass ihre Bemühungen das Endstadium erreicht haben. Wenn man sie noch eine Weile gewähren lässt, wird es für die Israel und auch die Welt zu spät sein, Iran zu stoppen.

"Der Fall ist tatsächlich weit komplizierter"

Der jüngste IAEA-Bericht belegt, dass Iran die Zentrifugen seit Mai noch einmal verdoppelt und die Menge angereichertes Uran erhöht hat. Keiner glaubt, dass das alles nur für einen medizinischen Reaktor gebraucht wird. Aber viele bezweifeln, ob sich die Ambitionen der Iraner mit militärischen Mitteln überhaupt stoppen lassen, wie es Netanjahu suggeriert.

Der Fall ist tatsächlich weit komplizierter als Irak 1981 und Syrien 2007 (als israelische Luftwaffe dort im Beginn befindliche Nuklearanlagen bombardierte, d. Red.). Aber die Hände in den Schoss zu legen, ist keine Alternative.

Experten sagen, dass ein Angriff nur die iranische Nuklearentwicklung um wenige Jahre verzögern würde. Politisch gesehen, könnte es Iran danach sogar leichter haben, sein Atomprogramm offen zu rechtfertigen – nach dem Motto: der Angriff hat gezeigt, warum wir Atomwaffen brauchen.

Es geht doch immer nur um Aufschub, auch im Irak war das so. Das Wissen, das Know-how behalten die Iraner ja, bis sie eine neue Initiative wagen. Die Sache ist nur die: Im Umgang mit dem Iran-Konflikt gibt es eine schlechte und eine schlechtere Option.

Welche wäre denn die schlechte?

Natürlich die militärische Option. Schlecht ist sie schon deshalb, weil Israel in jedem Fall den iranischen Gegenschlag abbekommt, egal wer den Präventivschlag führt: wir, die USA, die Nato oder alle miteinander. Aber was ist denn die Alternative? Die iranischen Raketen reichen doch schon bis nach Europa. Was will man denn dort tun, wenn Iran eine Atommacht ist.

Europa wartet - auf Israel?

Kein ernsthafter europäischer Politiker hält bislang einen Angriff auf Iran für notwendig.

Stimmt, sie warten auf jemanden, der ihnen die Kohlen aus dem Feuer holt.

Nein, sie setzen auf Sanktionen und die politische Diplomatie.

Und wenn das nicht funktioniert, so wie im Fall Nordkorea? Die Iraner haben vielleicht noch ein oder zwei Jahre, um eine nukleare Supermacht zu werden. Die Zeit, die uns bleibt, ist noch kürzer. Denn es gibt eine zeitliche Differenz zwischen dem ersten Tag, an dem iranische Nuklearwaffen einsatzfähig sein werden, und dem letzten Tag, an dem wir die Nuklearanlagen erfolgreich zerstören können. Wenn die Iraner erst mal ihre Nuklearwaffen in Bergfelsen lagern, sind sie vor einem Angriff geschützt.

Weder die Europäer noch die restliche westliche Welt warten nur zu, sondern arbeiten im Vorfeld der UN-Generalversammlung daran, die Sanktionsschraube noch mal anzuziehen.

Einverstanden, nur ist das zu spät und zu wenig, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Die Iraner sind doch jetzt wie Pferde, die den Stall riechen. Die sagen sich, okay, wir leiden noch ein Jahr, dann kann uns niemand mehr etwas anhaben. Die Konsequenzen eines nuklearen Iran sind aber nicht nur ein israelisches Problem sondern haben Folgen für die ganze Region und darüber hinaus. Der Atomwaffensperrvertrag wird den Bach runtergehen. Wenn die Iraner Nuklearwaffen haben, werden die Saudis auch welche wollen, die Türkei ebenso. Auf dem Energiemarkt könnten die Iraner machen, was sie wollen. Iran strebt eine schiitische Hegemonie über den gesamten Nahen Osten an. Die Hisbollah in Libanon ist faktisch ein iranisches Organ, die Hamas in Gaza steht finanziell unter iranischem Einfluss.

"Eine Atommacht Iran ist nicht eindämmbar"

Die palästinensische Hamas ist sunnitisch. Für sie sind die Ägypter und Türken viel wichtiger als Iran.

Der Punkt ist doch der: Seitdem Ajatollah Khomenei 1979 an die Macht kam, versuchen die Iraner die Revolution zu exportieren. Eine Atommacht Iran ist nicht eindämmbar. Davon ist in Israel jeder überzeugt, so kontrovers die Debatte um einen Präventivschlag ist. Deshalb sind wir so ungeduldig.

Vielleicht strebt Iran ja eine nukleare Ambivalenz an? Einige Experten vermuten, dass Iran die Bombe bauen können will, aber sich die letzte Entscheidung, es zu tun, offenhält.

Ja, manche Leute glauben an Märchen. Wenn es nur noch allein die Entscheidung Teherans ist, ist uns das Heft aus der Hand genommen.

Die militärische Drohung ist also notwendig, um den Iranern klarzumachen, dass die Welt es ernst meint?

Genau. Sanktionen und militärische Option ergänzen sich. Ohne glaubhafte Drohung sagen sich die Iraner doch, wir ducken uns weg, bis uns niemand mehr etwas tun kann. Sie machen es Indien, Pakistan und Nordkorea nach. Aber eine Nuklearmacht Iran wäre noch gefährlicher: Nicht, weil sie die Atombombe benutzen will, sondern weil sie die geopolitische Lage verändert. In einem Jahr sitzen wir vielleicht im Cafehaus und sagen, es ist zu spät, wir hatten die Gelegenheit, aber haben sie nicht genutzt.

In einem Jahr wird Ahmadinedschad wahrscheinlich nicht mehr iranischer Präsident – er ist ja kein Kandidat bei den nächsten Wahlen.

Kein Unterschied, wer in Teheran regiert

Das macht keinen Unterschied, wer in Teheran regiert. Alle kommen aus der Schule von Ali Chamenei. Man kann sich ausmalen, was Chamenei tun wird, wenn er die Bombe hat. Wer wird dann wohl in Irak regieren, was wird mit den Arabischen Emiraten passieren? Die werden sich doch vom Westen entfernen, auf dem Zaun sitzen oder sogar zur iranischen Seite überwechseln. Kurz gesagt: der Welt wird es ohne iranische Nuklearwaffen besser gehen.

Der Nahe Osten steckt auch so mitten in einem politischen Umbruch, siehe Ägypten, Libyen, Tunesien, vielleicht auch Syrien. Die Chancen, die sich dadurch bieten, könnte eine militärische Intervention in Iran zunichte machen.

Mag sein. Aber wir Juden haben ein Sprichwort: Wenn du eine bessere Zukunft willst, sei auf das Schlimmste vorbereitet. Israel liegt nun mal weit näher an Iran als der Westen. Aus Teheran hören wir, das man Israel austilgen will. Wir verstehen das als existenzielle Bedrohung.

Netanjahus öffentliche Anspielungen, auch einen militärischen Alleingang zu wagen, wurden allerdings auch schon als Einmischung in den US-Wahlkampf zugunsten von Mitt Romney verstanden. Ist das nicht ein Fehler, Obama derart unter Druck zu bringen, statt auf die klassische stille Diplomatie zu setzen?

Ich stimme zu, die meisten Diskussionen sollten hinter geschlossenen Türen stattfinden. Persönlich denke ich nicht, dass wir uns nicht leisten können, es uns durch Parteinahme mit den USA zu verderben. Trotzdem, Netanjahu ist vom Ernst der Lage ehrlich überzeugt. Eines hat er ja auch erreicht: Die Welt hat das Problem erkannt. Differenzen gibt es nur, wie gegen Iran vorzugehen ist.

Israel ist auf amerikanische Unterstützung angewiesen. Die USA haben mit ihrer Flotte im Golf, ihrer Airforce, ihren Bunker-Blusters ohnehin ganz andere Möglichkeiten. Warum nimmt Netanjahu ein derart schlechtes, von Misstrauen erfülltes Verhältnis zur Obama-Administration in Kauf?

Zunächst einmal: Israel wäre militärisch zu einem Alleinschlag in der Lage. Ob weise oder nicht ist eine andere Frage. Das Dilemma dabei: Wenn wir warten, bis Iran alle Atomanlagen in Bergstollen verschanzt hat, können wir nur noch hoffen, dass Obama Wort hält. In existenziellen Fragen hat sich Israel allerdings noch nie nur auf andere verlassen. Schauen Sie, niemand geht in einen Krieg, wenn er nicht muss. Es sei denn, die Alternative ist noch schlimmer.

Interview: Inge Günther

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