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IT-Branche
Apple, Microsoft, SAP; RIM, Nokia, HTC - Nachrichten aus der IT-Branche.

30. November 2012

Apple-Kunden: Apple ist wie eine Religion

 Von Daniel Baumann
Apple wird geführt und erlebt wie eine Religion. Foto: Reuters/Yuriko Naka

Kinderarbeit, schlechte Arbeitsbedingungen und weitere Unzulänglichkeiten bei den Zulieferern können Apple nichts anhaben. Bei ihren Kunden genießt die Apfel-Marke Kultstatus, die Verkaufszahlen glänzen.

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Terry Gou hat ein Problem: Die Arbeiter in seinen Fabriken arbeiten zu langsam. „Wir können Apples Aufträge nicht erfüllen“, musste der vietnamesische Manager kürzlich einräumen. So schnell wie der Elektronikriese aus den USA das neue iPhone 5 verkauft, kann Terry Gou gar keine neuen Geräte produzieren. Und dabei hatte man bislang gedacht: Wenn einer das kann, dann Gou. Nun gibt sich selbst der König der Massenfertigung geschlagen.

Terry Gou, das ist der Chef von Foxconn. Ein Selfmade-Geschäftsmann, der in seinen chinesischen Fabriken 1,2 Millionen Menschen beschäftigt. Junge Menschen in weißen Kitteln mit ebensolchen Schirmmützen beugen sich schweigend über Fließbänder. Sie greifen nach Kameras, Schrauben und Bildschirmen. Nur gestört von einem wiederkehrenden Piepen, bauen sie Stunde um tunde Abertausende iPhones zusammen. Alles geht schnell, aber nicht schnell genug.
Faszination schlägt Verstand.

Anhaltende Kritik

Arbeitsbedingungen: Die Zustände bei Foxconn sorgten für Schlagzeilen, als im Jahr 2010 mindestens 18 Selbstmorde junger chinesischer Wanderarbeiter bekannt wurden.

Die Organisation Chinese Labour Watch kam in einer Studie im Frühjahr 2012 zu dem Ergebnis, dass es auch in anderen Apple-Zuliefererbetrieben aufgrund der Arbeitsbedingungen zu mehreren Selbstmorden gekommen war. Dort seien die Arbeitsbedingungen mitunter sogar noch schlechter.

Umweltsünder: Greenpeace kritisierte Apple kürzlich dafür, dass der Konzern kaum erneuerbare Energien für seine Rechenzentren einsetzt, sondern die Energie für die Cloud vor allem aus dreckigem Kohlestrom und Atomstrom stammen.

Im Juli 2012 erklärte Apple zwischenzeitlich, seine Produkte nicht mehr durch EPEAT auf ihre Auswirkungen auf die Umwelt überprüfen lassen zu wollen. Erst nach Kritik ruderte der Konzern zurück und erklärte, doch nicht auf das Umweltzertifikat verzichten zu wollen.

650 Dollar müssen die Kunden in den Vereinigten Staaten bezahlen, damit sie eines der begehrten iPhone 5 bekommen. Ein stolzer Preis für ein Stück Luxus, für ein Prestigprodukt, als Eintrittskarte in eine hippe, schillernde Welt. Die Arbeiter bei den Apple-Zulieferern erleben davon wenig.

Stattdessen berichtet Apple selbst von unwürdigen Arbeitsbedingungen in den Fabriken der Zulieferer: Kinderarbeit, Zwangsarbeit, überlange Arbeitszeiten, geringe Löhne, verspätete Lohnzahlungen, unzureichende Sicherheitsvorkehrungen. Kürzlich gab es Arbeiteraufstände und Massenschlägereien. Auch das gehört zur Apple-Welt dazu. Es ist die weniger schillernde Seite des Konzerns aus Cupertino in Kalifornien.

Missstände können Apple nichts anhaben

Die Missstände in der Produktion, sie können dem Image der Apfel-Marke nichts anhaben. Jedenfalls nichts, was in den Verkaufszahlen sichtbar würde. Apple glänzt. Apple strahlt. Die Apfel-Marke ist Kult.

Das ist durchaus nicht selbstverständlich. Der Sportartikelhersteller Nike ist in den 90er Jahren erheblich unter Druck geraten, als bekannt wurde, unter welchen Bedingungen bei den Zulieferern in den asiatischen Turnschuhfabriken gearbeitet wird. Berichte darüber führten damals zu Boykottaufrufen, denen die Kunden auch in Scharen folgten und schließlich zu Umsatzeinbrüchen bei Nike.

Proteste und Boykotte auch bei Shell: Als der Öl-Riese in den 90er Jahren den im Atlantik schwimmenden Öltank Brent Spa versenken wollte, kamen deutlich weniger Autofahrer an seine deutschen Tankstellen. Die Drogeriekette der Familie Schlecker hat sich schließlich nie mehr davon erholt, dass sie als schlechter Arbeitgeber gebrandmarkt war und ging in diesem Jahr schließlich pleite.

Vor vier Wochen diskutierten Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und der Chefredakteur des Handelsblattes, Gabor Steingart, in der Fernsehsendung Hart aber Fair bei Frank Plasberg über China. Alle wissen um die Missstände in chinesischen Zulieferbetrieben von Apple. Und alle drei haben ein iPhone – Rösler sogar schon die neuste Version.

Menschen ändern ihr Verhalten nicht

Die Menschen verändern ihr Kaufverhalten nicht. Selbst Proteste der Occupy-Aktivisten vor den Apple-Stores hält niemanden in der Warteschlange davon ab, in den die Läden zu stürmen, sobald die Türen öffnen. In den galeriehaften Läden wischen Menschen mit flinkem Finger über die Bildschirme. Missstände in den Fabriken scheinen an Apple abzutropfen, wie Wasser an dem eloxierten Aluminium des iPhone 5. Schlägt die Faszination den Verstand?

Christian Blümelhuber enthüllt in seinen Büchern, wie Konzerne mit Marketing die Konsumenten zu steuern versuchen. Der Marketingprofessor an der Freien Universität Brüssel hat auch untersucht, wie sich ethisches Fehlverhalten von Unternehmen bei den Kunden auswirkt. „Die meisten Apple-Produkte haben einen hedonistischen und einen sozialen Nutzen für den Kunden“, so Blümelhuber. Sie steigern die Lebensfreude des Besitzers. Und sie bringen ihm soziales Ansehen. Es ist cool ein iPhone zu haben.

„Ich bin die Quelle für diese Gefühle, sie kommen aus mir selbst heraus“, erklärt Blümelhuber. Das sei ein sehr starkes Argument, vor allem sei es ein sehr viel stärkerer Grund für eine Kaufentscheidung, als das Geschäftsgebaren des Herstellers der Produkts. „Ob ein Unternehmen ethisch korrekt handelt, erfahre ich nur aus der Presse. Das ist weniger glaubwürdig und weniger nah an mir dran.“ Und während man bei Schlecker den Fuß in die Läden gesetzt hat, wo die Arbeitsbedingungen schlecht waren, sind die asiatischen Fabriken weit weg.

Verkaufsstart wie ein Gospel-Gottesdienst

Merkwürdiges spielte sich ab, als das iPhone 5 vor einigen Wochen in den Verkauf kam: In manchen Läden wurden die Verkäufer richtig angeheizt, bis sie begeistert und jubelnd auf und absprangen, fast wie bei einem Gospel-Gottesdienst. Als die Türen öffneten, standen die Mitarbeiter Spalier für die Kunden und empfingen sie mit High-Five.

Apple gilt Werbern als sogenannte „Brandreligion“, als Markenreligion. „Die werden geführt und erlebt wie Religionen“, erklärt Blümelhuber. „Schon das Schlangestehen vor dem Apple-Store ist wie der Gang zur Hostie in der Kirche.“ Die Inszenierung ist ein bedeutender Teil des Produktinhaltes. „Das ist von Apple sehr, sehr gut gemacht.“

Für eine Filmdokumentation über die stärksten Marken der Welt haben Journalisten der britischen BBC zusammen mit Gehirnforschern Apple-Fans mit Magnetresonanztomographen untersucht. Als sie Begriffe wie iPhone 5 oder iPad 3 erwähnten, wurden bei den Probanden die gleichen Gehirnregionen aktiviert, wie bei gläubigen Menschen.

„Apple tritt fast schon wie eine Kirche auf“, sagt der Wissenschaftler Kai-Uwe Hellmann, der das Institut für Konsum- und Markenforschung leitet. Apple-Fans sind für ihn Gläubige und Jünger. „Der Glaube fordert Opfer“, sagt Hellmann. Sie sind derart, dass ausgeblendet werden muss, was nicht in das Apple-Bild passt. „Der Glaube kann nicht existieren, wenn er sich fortlaufender Kritik stellen muss.“

Marken außerhalb der Konkurrenz

In einer Liga mit der Marke Apple spielen für die Marketingexperten nur noch Marken wie Harley Davidson – oder Fußballvereine. Auch der Besuch im Stadion, etwa im Ruhrpott, ist von Wissenschaftlern schon als Ersatzreligion identifiziert worden. „Diese Marken stehen außerhalb regulärer Konkurrenz“, sagt der Brüsseler-Forscher Blümelhuber.

Erst wenn Apple eine konventionelle Marke geworden sei, entstehe die Voraussetzung für aufgeklärten Konsum. Auf dem Weg dahin befindet sich Apple dem Experten zufolge gerade. „Apple wird es in Zukunft unglaublich schwer haben. Heute nutzen zu viele und die falschen Leute Apple, als dass es cool sein könnte.“ Es kann gut sein, dass Apple das verstanden hat. Der Konzern legt Missstände offen und hat öffentlich erklärt, sie zu beheben. Mit dieser Entscheidung setzt sich Apple an die Spitze der Elektronikbranche.

Schließlich steht auch Apple-Rivale Samsung wegen schlechter Arbeitsbedingungen bei Subunternehmen in der Kritik. Selbst der aufgeklärte Smartphone-Käufer hat bisher gar keine Wahl zwischen gutem und schlechtem Konsum, nur zwischen Konsum und Nicht-Konsum. Kein Smartphone zu haben, ist für viele Menschen aber keine Option mehr.

Blümelhuber sagt schon voraus: „Die ethisch korrekte Herstellung könnte für Apple noch ein Rettungsschirm werden.“

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Smartphone-Markt
Wer gewinnt den Smartphone-Wettbewerb?

Mit dem Galaxy S4 legt Samsung nach. Werden die Südkoreaner den Wettbewerb mit Apples iPhone gewinnen?

Ja, sehr bald: Der Funktionsumfang des Galaxy S4 ähnelt dem iPhone - aber es dürfte günstiger sein.
Ja, mittelfristig: Viele Leute werden zunächst noch aus Gewohnheit zu Apple greifen.
Nein: Fürs iPhone gibt es mehr und bessere Apps.
Nein: Entscheidend sind nicht Funktionen oder Preis-Leitungs-Verhältnis - sondern der von Apple gepflegte Kult.
Ich bin da noch nicht ganz sicher.

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