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Fukushima: Katastrophe im Atomkraftwerk
Erdbeben mit Tsunami in Japan, Beinahe-Super-Gau in Fukushima

14. Oktober 2013

Fukushima: Am Reaktor herrscht das Chaos

 Von 
Die Arbeiter am japanischen Unglückreaktor Fukushima kämpfen gegen immer neue Lecks, aus denen radioaktiv verseuchtes Wasser strömt.  Foto: dpa/Tepco

Die Fehler bei den Aufräumarbeiten am Unglücksreaktor von Fukushima häufen sich. Experten befürchten eine neue Katastrophe. Japan bittet jetzt um internationale Unterstützung.

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Fukushima –  

Es war eine äußerst gefährliche Brühe: Sie enthielt 37 Milliarden Becquerel Strahlung pro Liter, zumeist Betastrahler wie Strontium. Fast eine Stunde lang sprudelte das belastete Wasser in der japanischen Atomruine Fukushima aus, bevor das Leck abgedichtet werden konnte. Sieben Tonnen davon liefen auf den Boden, zum Glück gab es eine Barriere aus Beton, die einen Austritt verhinderte.

Arbeiter eines Subunternehmens hatten vorige Woche aus Versehen ein Rohr an einer Entsalzungsanlage abmontiert, die zu einer Dekontaminierungsanlage für Kühlwasser gehört. Sechs Arbeiter der elf Arbeiter wurden dabei verseucht, obwohl sie Regenjacken über ihren Schutzanzügen trugen. Der Strahl des unter Druck stehenden Wasser hatte sie erwischt.

Die Arbeiter wurden schnell dekontaminiert und medizinisch untersucht. Die Strahlendosis, die sie eingefangen hatten, betrug bis zu 1,35 Millisievert pro Stunde. Bislang sollen sie keine gesundheitlichen Probleme zeigen. Der Fukushima-Betreiber Tepco beeilte sich, Problembewusstsein zu demonstrieren. Er kündigte an, er werde die Anstrengungen verstärken, um eine Wiederholung solcher Zwischenfälle zu verhindern.

Das scheint auch bitter nötig. Gut zweieinhalb Jahre nach dem Super-GAU an der japanischen Ostküste häufen sich die Pannen bei den Aufräumarbeiten, die auch mit Fehlbedienungen zu tun haben. Die japanische Atombehörde NRA sprach ein Warnung aus: Die Arbeitsmoral der Aufräumarbeiter sinke zunehmend – und das sei eine der Ursachen für die vielen Probleme für die Unachtsamkeit, die mangelnde Sorgfalt.

Immer wieder Lecks

Tatsächlich sind in der Ruine hanebüchene Dinge sind jüngst passiert: Anfang voriger Woche schaltete ein Arbeiter irrtümlich eine Umwälzpumpe ab, wodurch die Kühlung einer der teilweise geschmolzenen Reaktorkerne vorübergehend ausfiel. Vorher war das Filtersytem mehrfach ausgefallen, das radioaktive Stoffe aus dem Wasser holt – einmal, weil ein Arbeiter eine Gummimatte darin vergessen hatte. Immer wieder, zuletzt vorige Woche, traten Lecks an den rund 1 000 Tanks auf, in denen verseuchtes Kühlwasser gelagert wird, weil sie nicht ordentlich kontrolliert worden waren. Einmal liefen sogar 300 Tonnen aus. Und nun also der Fehler an der Entsalzungsanlage.

Tepco hat neben dem eigenen Personal bis heute viele tausende Leiharbeiter auf der Atomruine eingesetzt. Da sie nur jeweils relativ kurze Zeit dort arbeiten, bleibt ihre Strahlenbelastung unter den Grenzwerten. Spezialisten für den Job sind es allerdings keine, und die Vorstellung, in einer verseuchten Umgebung arbeiten zu müssen, dürfte der Qualität der Arbeit auch nicht gerade zuträglich sein.

Der Chef der Atomaufsichtsbehörde NRA, Shunichi Tanaka, zeigte sich verärgert über Tepcos Krisenmanagement. Die Konzernspitze und die eigenen Mitarbeiter müssten mehr Verantwortung für den Aufräumjob in Fukushima zeigen, sagte er. Tepco schlug vor, mehr besser ausgebildete Arbeiter von anderen Atomkraftwerken zur Atomruine zu holen, um gegen die Wasserlecks anzugehen. Auch in der Regierung in Tokio wächst die Einsicht, dass Tepco und Japan die Krise nicht allein bewältigen können. Premier Shinzo Abe bat jetzt auf einer internationalen Wissenschaftler-Konferenz in Kyoto um Hilfe. Er sagte: „Wir sind sehr offen, das umfassendste Wissen vom Ausland in Anspruch zu nehmen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Mein Land braucht Ihr Wissen und Ihre Expertise.“

Damit räumte er ein, dass die bisherige Strategie gescheitert ist. Tokio hatte bisher behauptet, es habe zwar „einige Besorgnis wegen des Austretens von kontaminiertem Wasser in Fukushima“ gegeben, man werde die Lage aber in den Griff bekommen. Auch die Olympischen Spiele in Tokio könnten ohne jede Bedenken durchgeführt werden.

Die Zweifel, ob Tepco die Arbeiten weiter steuern sollte, wachsen. Der kritische US-Atomexperte Arnold Gundersen, ein Ex-Nuklearingenieur, kritisierte: „Tepco ist eine Betreiber-Firma. Sie können Kernkraftwerke betreiben, aber sie haben keine Ingenieure, die ein solches Problem lösen können.“ Ein weiterer Grund, warum die Sache auf eine neue Katastrophe zusteuere, seien Finanzprobleme. Tepco habe kein ausreichendes Budget, um die Reaktoren zu sichern und abzuschotten. „Premier Abe verschweigt seinem Volk, was es kosten würde, Fukushima zu sanieren“, sagt Gundersen. Er taxiert die Kosten auf 500 Milliarden US-Dollar. Tepco habe das Geld nicht, und der Staat Japan auch nicht. Doch auch in der japanischen Atombehörde gibt es grundsätzliche Kritik. Einer ihrer Wissenschaftler sagte: „Den Tepco-Leute scheint das Grundwissen über Radioaktivität zu fehlen. Sie müssen sich Hilfe aus dem Ausland holen.“

Dabei steht demnächst eine weitere extrem heikle Aufgabe an: Während die Kühlung der teilgeschmolzenen Reaktoren 1 bis 3 weiterlaufen muss, will Tepco in den nächsten Wochen damit beginnen, das Lagerbecken im obersten Stockwerk von Reaktor 4 zu leeren, in dem über 1 300 abgebrannte Brennelemente mit einem hohen radioaktiven Inventar lagern. Das Gebäude dieses Blocks ist seit dem Super-GAU und den nachfolgenden Explosionen massiv geschädigt. Ob die Statik ausreicht, ist unklar; es wurde zwar ein Gerüst mit einer Art Hülle darüber konstruiert, dabei handelt es sich aber nur um einen Witterungsschutz. Inzwischen hat Tepco einen neuen Kran installiert, mit dem die Brennelemente einzeln herausgezogen und in Castor-Behälter umgepackt werden sollen.

"Es geht ums Überleben"

Der US-Umweltaktivist Harvey Wasserman macht derzeit mit dramatischen Warnungen Furore. Er hat eine Internet-Petition gestartet, in der die Vereinten Nationen aufgefordert werden, das Bergungsprojekt zu übernehmen. Über 87 000 Unterzeichner gibt es bisher. In einem Artikel bezeichnet Wasserman die Bergung gar als den „gefährlichsten Moment für die Menschheit“. Die Brennelemente könnten im Extremfall 15 000-mal so viel Radioaktivität freisetzen wie die Hiroshima-Bombe. Wasserman verweist auf den Atomkritiker und früheren japanischen Botschafter Mitsuhei Murata, der seit langem vor dem Problem in Reaktor 4 warnt. Er sprach von einer Frage des „Überlebens der Menschheit“.

Andere Experten halten solche Apokalypse-Szenarien für weit übertrieben. „Die Lage an Block 4 ist sehr kritisch, solche Warnungen sind aber Unsinn“, sagte der Geschäftsführer des Öko-Instituts und Entsorgungsexperte Michael Sailer der „Frankfurter Rundschau“.

Falle die Kühlung der Brennelemente aus – etwa, weil das Lagerbecken bei den Arbeiten oder durch ein neues Erdbeben undicht würde –, könne es durch Überhitzung der Elemente nach etwa einer Woche zur Freisetzung von radioaktiven Stoffen wie Xenon, Krypton und Cäsium kommen. Im Extremfall, schätzt Sailer, wäre eine Ausbreitung der Radioaktivität wie nach dem Super-Gau im März 2011 möglich.

Das wäre keine weltweite, aber immerhin eine erneute regionale Katastrophe. Wieder müssten riesige Gebiete evakuiert werden – und falls der Wind in die Richtung Tokio zieht, könnten 35 Millionen Menschen betroffen sein..

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