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Fukushima: Katastrophe im Atomkraftwerk
Erdbeben mit Tsunami in Japan, Beinahe-Super-Gau in Fukushima

10. März 2012

Fukushima: Frappierende Ähnlichkeiten

 Von Astrid Ludwig
Der havarierte Block von Tschernobyl. (Archivbild April 1999)  Foto: dpa

An der Goethe-Uni vergleichen Wissenschaftler die Folgen von Fukushima und Tschernobyl. Das Muster, Informationen zu verschleiern, ist gleich.

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Steffi Richter war 30 Jahre alt, als im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl das geschah, was als Super-GAU in die Geschichte einging. Ihre Familie lebte in der DDR , als die radioaktive Wolke über Europa hinwegzog. „Uns wurde damals gesagt, wenn ihr den Salat wascht, ist alles in Ordnung“, erinnert sich die Japanologie-Professorin, die heute an der Uni Leipzig lehrt. Die Dramatik sei ihnen nicht bewusst gewesen. „Aber wir hatten Angst, weil wir ahnten, da passiert etwas Gefährliches. Alle haben West-Fernsehen geschaut, aber so doll war die Aufklärung da auch nicht.“

25 Jahre später, beim Tsunami und Super-GAU im japanischen Fukushima am 11. März 2011, fühlt sich die Wissenschaftlerin auch nicht viel besser informiert als damals. „Die Informationspolitik aller Atomstaaten ist ähnlich. Sie wollen die Dramatik eher verdecken“, sagt sie.

Das ist nur eine Parallele, die Wissenschaftler aus Deutschland, Japan, den USA, der Schweiz und der Ukraine bei ihrer Tagung an der Goethe-Universität ausgemacht haben. Rund 20 internationale Forscher sind auf Initiative des „Interdisziplinären Zentrums für Ostasienstudien“ der Goethe-Uni und des „Gießener Zentrums östliches Europa“ zusammengekommen. Sie vergleichen die Atomunfälle Fukushima und Tschernobyl, ihre sozialen und kulturellen Folgen und stoßen laut Richter zum Teil „auf frappierende Ähnlichkeiten in Verlauf und Umgang“.

Verschleiernde Informationsmuster

Die Muster einer eher verschleiernden Informationspolitik sind die gleichen. „Aber Fukushima ist eine Katastrophe im Internet-Zeitalter. Da funktioniert das nicht mehr“, sagt der Japaner Arata Takeda, Literaturwissenschaftler an der University of Chicago. Beeindruckt hat ihn die Stimmenvielfalt in den Blogs und Internet-Foren, in denen sich Betroffene, Wissenschaftler, Künstler, Intellektuelle in Japan und weltweit über den Reaktorunfall ausgetauscht haben.

„Das ist ein großer Unterschied zu Tschernobyl, diese Form der Öffentlichkeit gab es damals noch nicht“, sagt Richter. Eine regelrechte Gegenöffentlichkeit habe sich in Japan etabliert, berichtet Professor Lisette Gebhardt, Japanologin an der Goethe-Uni. In Frankfurt und Leipzig haben Studenten und Dozenten deshalb eine „Textinitiative Fukushima“ im Web gestartet, wo sie Beiträge von Intellektuellen und Wissenschaftlern ins Deutsche übersetzen.

Takeda berichtet aber auch von Erzählungen in Japan und Korea, die den Atomunfall als eine göttliche Strafe darstellen. Er findet es „alarmierend, die Schuldfrage auf eine metaphysische Ebene zu heben, ohne die menschliche Verantwortung zu hinterfragen“. Doch das sind Einzelphänomene. Seit einem Jahr überwiegen die Proteste im Land. „Es geht um die Traumabewältigung, um das Leben nach Fukushima“, sagt Gebhardt. Und die Forderung, dem Wissen auch energiepolitisch Taten folgen zu lassen. Eins ist sicher, sagen Takeda und Richter: „Die Katastrophe in Fukushima ist nicht abgeschlossen. Der Reaktor strahlt weiter, die Menschen leiden weiter.“ Auch das eine Parallele zu Tschernobyl.

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