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Fukushima: Katastrophe im Atomkraftwerk
Erdbeben mit Tsunami in Japan, Beinahe-Super-Gau in Fukushima

13. März 2011

Gastbeitrag: Kernenergie – ein Weltexperiment

 Von Ulrich Beck
Das Experiment Atomkraft hat viele Gegner. Dieser hat sich als radioaktives Fass verkleidet.  Foto: dpa

Die Reaktorunfälle in Japan stellen auch unsere Sicherheitskonzepte fundamental infrage. Der Soziologe Ulrich Beck über alte und neue Risiken und warum es für Japan unbedingt erforderlich ist, die möglichen Alternativen zur Kernenergie erneut in Erwägung zu ziehen.

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Die Reaktorunfälle in Japan stellen auch unsere Sicherheitskonzepte fundamental infrage. Der Soziologe Ulrich Beck über alte und neue Risiken und warum es für Japan unbedingt erforderlich ist, die möglichen Alternativen zur Kernenergie erneut in Erwägung zu ziehen.

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Heißt es. Aber nach den bisherigen – dürftigen und wohl auch inszenierten – Informationen ist die Parallele zur 25 Jahre zurückliegenden Reaktorkatastrophe von Tschernobyl doch außerordentlich bedrückend.

Japan ist ein hochindustrialisiertes Land, eine, was Sicherheitsfragen angeht, extrem sensibilisierte Industrie. Dass hier so etwas – wir wissen noch immer nicht, was genau – passieren konnte, wird die Debatte über die Kernenergie neu in Gang setzen. Bei Tschernobyl sprach Franz Josef Strauß in einem fast genialen Schachzug von der „kommunistischen Reaktorkatastrophe“. Damit war Tschernobyl ausgegrenzt. Der dort eingesetzte Reaktor hatte nichts mit den bei uns verwendeten zu tun. Tschernobyl war eine Katastrophe, zu der der Kommunismus geführt hatte und die nur im Kommunismus möglich war. Die Katastrophe von Tschernobyl stellte – so gesehen – nicht die Sicherheit der westlichen, kapitalistischen Kernkraftwerke in Frage, sondern sie unterstrich sie.

        

Ulrich Beck ist emeritierter Professor für Soziologe. 1986 erschien sein Buch „Risikogesellschaft“.
Ulrich Beck ist emeritierter Professor für Soziologe. 1986 erschien sein Buch „Risikogesellschaft“.

Heute dagegen haben wir es mit der auch in ihren Sicherheitsvorkehrungen fortschrittlichsten Kernenergieindustrie der Welt zu tun. Die japanischen Kernkraftwerke sollten ja auch „erdbebensicher“ sein. Allerdings nur bis zu einer bestimmten Bebenstärke. Die Natur hat sich nicht an diese Sicherheitsregeln gehalten. Das Erdbeben war ein wenig stärker, und prompt versagen zwei der fünfzehn japanischen Kernkraftwerke.

Die Kernenergie ist ein Weltexperiment. Kernenergie hat die Welt zum Labor gemacht. Die Laborbefunde sind global präsent. Sie werden in allen kulturellen Kontexten, in allen Ländern der Welt nicht nur wissenschaftlich und technologisch, sondern auch politisch zur Kenntnis genommen werden müssen. Wie jetzt wo politisch reagiert werden wird, bleibt offen. Aber man wird das, was in Japan geschehen ist, nicht als ein spezifisch japanisches Unglück – analog zu den kommunistischen Reaktoren von Franz Josef Strauß – betrachten können. Man wird das Erdbeben, die Plattentektonik zwar als Ursache des Unglücks identifizieren, aber darum wird der Rest der Welt nicht einfach weiter machen können wie bisher. Die derzeitigen Sicherheitsnarrative werden geändert werden müssen.

Im Augenblick gelten die Fragen der Sicherheit als rein technische Fragen. Die Genehmigung hängt ab von technischen Voraussetzungen. Diese Sicherheitsphilosophie ist jetzt zusammengebrochen. Die Möglichkeit von Naturkatastrophen muss mit einbezogen werden in die Genehmigungsverfahren. In Japan haben wir gelernt, dass die Vorbereitung auf jeden bislang denkbaren Unglücksfall zu wenig ist. Auch das Undenkbare – zum Beispiel Attentate und Flugzeugabstürze – muss berücksichtigt werden. Wie das Unkalkulier-, ja das Undenkbare mit hinein genommen werden kann in die Genehmigungsverfahren, wird einer der wesentlichen Punkte der nun einsetzenden Debatte sein.

Risiken sind eben keine Gegenstände, keine Objekte, die wir anfassen, riechen und schmecken können. Risiken sind mit wissenschaftlichen Mitteln kulturell geprägte soziale Konstruktionen. Bei Risiken, wie denen der Kernindustrie, haben wir es mit einem neuen Typus von Risiko zu tun. Hier darf nichts schief gehen. Hier darf es auf keinen Fall zur Katastrophe kommen. Wir müssen also auf jeden Fall vorbereitet sein. Das ist aber nicht möglich. Das wissen wir. Es passieren fortwährend Ereignisse, die wir nicht vorausgesehen haben. Mal im Guten wie der Fall der Berliner Mauer, das Ende des Kommunismus. Mal im Bösen wie die Terroranschläge vom 11. September 2001.

Die Sicherheit der Kernkraft ist ein sehr relatives Gut. Hängt sie doch unter anderem auch von Ereignissen ab, die wir für undenkbar halten, die aber eintreten. Wenn das Undenkbare geschieht, können angesichts der menschheitsbedrohenden Konsequenzen möglicher Reaktorunfälle, die politischen und gesellschaftlichen Gefährdungen dieser Anlagen nicht länger außer Acht gelassen werden. Es wird angesichts dieser Situation zu einer Lagerbildung kommen. Auf der einen Seite wird die Kernenergie als prinzipiell unbeherrschbar abgelehnt werden. Auf der anderen Seite wird man versuchen, am Status quo festzuhalten. In einer globalen Perspektive gilt es zu beachten: Es gibt nicht nur das Risiko der Kernenergie. Es gibt zum Beispiel auch den Klimawandel. Bei der Abwägung der verschiedenen Großgefahren setzt manche Regierung auf die „umweltschonende“ Kernenergie.

Japan, das keine konkreten Pläne für ein nukleares Endlager hat, hat ganz auf die Kernenergie gesetzt. Achtzig Prozent des japanischen Energiebedarfs wird importiert. Zwanzig Prozent liefert die Kernenergie. Schon ein Drittel des japanischen Strombedarfs kommt aus der Kernenergie. Japan hat sich bewusst für die Kernenergie und gegen alternative Energien – Sonne und Wind zum Beispiel – entschieden. Das ist besonders fatal. Denn aus der Individualpsychologie wissen wir, dass Probleme so lange besonders vehement geleugnet werden, so lange keine Alternativen in Sicht sind. Sobald Alternativen zur Verfügung stehen, lassen sich Vor- und Nachteile rationaler abwägen.

Für Japan ist es also schon für eine vernünftige Risikoabwägung unbedingt erforderlich, die möglichen Alternativen zur Kernenergie erneut in Erwägung zu ziehen. Japan hat schon mehrfach gezeigt, dass es in der Lage ist aus Katastrophen zu lernen. Das macht mir Hoffnung.

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