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Interview mit Hiroshima-Überlebendem: „Jeder Reaktor ist eine Atombombe“

Hideto Sotobayashi überlebte als 16-Jähriger den amerikanischen Atombombenangriff auf Hiroshima. Ein Gespräch über die soziale Ächtung der Opfer in seiner Heimat, die Lügen der Regierenden und die Katastrophe in Fukushima.

Hideto Sotobayashi
Hideto Sotobayashi

Herr Sotobayashi, wann waren Sie zuletzt in Japan?

Das war vor eineinhalb Jahren. Ich fahre alle zwei Jahre nach Hiroshima für eine gesundheitliche Untersuchung.

Wieso der weite Weg?

Alle Menschen, die von der japanischen Regierung als Atombomben-Geschädigte anerkannt sind, haben Anspruch auf eine regelmäßige kostenlose Untersuchung. Wir haben dafür einen eigenen Opfer-Ausweis. Der gilt aber nur für Japan, nicht für Deutschland.

Sind Sie gesund?

Nun, ich bin seit vielen Jahren zuckerkrank. Und einmal, vor etwa zehn Jahren, haben sie in meinem Darm Krebs entdeckt. Aber ich hatte Glück, es war noch in einem sehr frühen Stadium.

Wenn Sie die Bilder sehen, die nun schon seit Wochen aus Japan zu uns kommen – was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Ich bin sehr traurig. Sehr, sehr traurig. Es sind ja zwei Katastrophen passiert – eine Naturkatastrophe und eine von Menschen gemachte. Die Letztere beschäftigt mich besonders. Gegen Tsunami und Erdbeben kann man nichts machen, das ist wie eine Plage, so etwas passiert. Aber die menschliche Katastrophe, das war Fukushima. Man hätte sie verhindern können.

Wie?

Ich bin kein Fachmann auf diesem Gebiet. Aber sehen Sie, es gibt keine friedliche Nutzung von Atomkraft. Das Wort Frieden ist in diesem Zusammenhang ein völlig falscher Begriff. Jeder Reaktor ist eine Atombombe. Deshalb hätte man in Japan, ausgerechnet in Japan, niemals auf diese Technologie setzen dürfen. Seltsamerweise denken viele meiner Landsleute nicht so. Fast alle sind gegen Atombomben, aber die meisten sind gleichzeitig für die Atomkraft. Man erzählt den Menschen nicht die Wahrheit. Man spricht von sauberer Energie. Das ist total falsch. Ich bin Chemiker, ich weiß, wovon ich rede. Man erzählt uns seit Jahrzehnten Lügen. Es ist eine unglaubliche Schweinerei.

Zur Person

Hideto Sotobayashi wurde am 1. November 1929 im japanischen Nagasaki geboren. Er wuchs in Hiroshima auf. Als am 6. August 1945 die US-Amerikaner eine Atombombe über der Millionenstadt abwarfen, saß Sotobayashi gerade in der Schule. Er und sein Vater überlebten, die Mutter starb.

Seit 1957 arbeitete der Chemiker mit kurzen Unterbrechungen am Berliner Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft für physikalische Chemie. Seit 1994 ist er emeritiert. (ber)

Für Sie sind Atombomben und Atomkraftwerke das Gleiche?

Strahlenopfer sind Strahlenopfer – es ist dasselbe Prinzip. Wobei es natürlich erhebliche Unterschiede gibt. Als in Hiroshima 1945 die Bombe explodierte, wurde binnen weniger Sekundenbruchteile eine unglaubliche Strahlung freigesetzt. Nach kurzer Zeit war sie weg, aber sie hat natürlich Langzeitfolgen, die wir bis heute noch nicht endgültig überblicken. Fukushima dagegen ist eine Dauerbestrahlung, im Umkreis von 20 Kilometern oder 30.

Oder mehr.

Oder mehr, wer weiß.

Sie sind in Nagasaki geboren, in Hiroshima aufgewachsen und haben später jahrzehntelang am Fritz-Haber-Institut in Berlin gearbeitet. Es wurde in den 30er Jahren von Otto Hahn, dem Entdecker der Kernspaltung, geleitet. Haben Sie sich je gefragt, wieso Sie dem Thema Atomenergie nicht entkommen?

Das ist Schicksal. Ich bin ja an einem 1. November geboren. Wissen Sie, wann Paul Tibbets, der die Bombe über Hiroshima abwarf, gestorben ist?

Nein.

Am 1. November 2007.

Unglaublich.

Ja, es ist seltsam. Ich wollte eigentlich nie etwas mit diesem Thema zu tun haben. Meine Eltern wollten, dass ich Arzt werde. Aber ich kann kein Blut sehen. Deswegen habe ich mich für die Chemie entschieden und bin 1957 in Berlin gelandet.

Sie haben viel mehr Blut als die meisten Menschen sehen müssen. Als Hiroshima am 6. August 1945 zerstört wurde, hatten Sie da jemals von so etwas wie einer Atombombe gehört?

Nein. Das ist der große Unterschied zu heute. Heute wissen wir genau, wie gefährlich Uran und Plutonium sind. Damals wussten wir nichts. Am 6. August fiel die Bombe auf Hiroshima, am 9. auf Nagasaki, am 15. hat Japan kapituliert, danach kamen wir lange Zeit unter US-amerikanische Besatzung. Es war damals verboten, darüber zu sprechen. Wir hatten nur von einer „Bombe neuen Typs“ gehört, die im Umkreis von Kilometern alles zerstört. Aber was für eine Bombe das war, wussten wir nicht. Wir konnten auch niemanden fragen. Die Zeitungen haben auch nur von diesem „neuen Typ“ geschrieben. Und als eine internationale Delegation des Roten Kreuzes nach Hiroshima und Nagasaki wollte, hat man sie nicht reingelassen. Man hat uns nur regelmäßig Blut abgenommen, was damit gemacht wurde, welche Ergebnisse dabei herauskamen, hat man uns nicht verraten. Das war alles geheim.

Wo waren Sie am Morgen des 6. August?

In der Schule. Zusammen mit 24 Klassenkameraden. Wir waren auf einer Eliteschule, deswegen hatten wir an dem Tag überhaupt Unterricht. Die meisten anderen Jugendlichen waren da schon längst zu Arbeitsdiensten in Kriegsfabriken abkommandiert worden. Wir durften trotz des Krieges lernen. Wir waren im ersten Stock eines Holzgebäudes, als ich plötzlich den Eindruck hatte, dass draußen jemand eine riesige Lampe eingeschaltet hat. Es war ein Blitz und fast gleichzeitig Donner. „Pika-Don“ haben wir später immer dazu gesagt. Pika heißt Blitz, Don steht im Japanischen für Donner. Mehr habe ich erst einmal nicht mitbekommen, weil ich bewusstlos wurde. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Trümmerhaufen, war erstaunlicherweise aber unverletzt.

Waren die anderen Schüler tot?

Nein, die meisten haben überlebt. Wir hatten unglaubliches Glück. Unsere Schule lag nur etwa eineinhalb Kilometer vom Detonationszentrum entfernt, das heißt in der Theorie hätten wir zu 99 Prozent alle tot sein müssen. Die Wucht der Bombe hat sich aber in andere Richtungen ausgebreitet. Ein paar Meter weiter lag einer meiner Freunde, er war eingeklemmt. Ich habe ihn ausgegraben, er war verletzt, sein Ohr baumelte nur noch am Kopf, er konnte aber laufen.

Wohin sind Sie gelaufen?

Wir haben versucht, nach Hause zu kommen. Aber das war nicht so einfach. Wissen Sie, Hiroshima ist wie Venedig von etlichen Flüssen und Kanälen durchzogen. Die Brücken waren aber alle aus Holz. Die waren weg. Also habe ich ein kleines Boot gesucht und meinen Freund durchs Wasser gezogen. Nachdem ich ihn in einem provisorischen Lazarett abgeliefert hatte, bin ich nach Hause gegangen und habe festgestellt, dass wir wieder Glück hatten. Unser Haus war anders als viele andere nicht abgebrannt. Mein Vater war da und hatte das Feuer löschen können. Wir sind dann losgezogen, um meine Mutter zu suchen. Das heißt, vorher mussten wir Okimasu finden, das war der Sohn von Freunden meiner Eltern, der gerade zu Besuch war. In Japan heißt es immer: der Gast zuerst. Also haben wir zunächst nach ihm gesucht. Wir wussten, wo er arbeitet. Seine Fabrik lag nur etwa 100 Meter vom Epizentrum der Bombe entfernt. Ich bin losgelaufen – und dann habe ich alles gesehen.

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Datum:  15 | 4 | 2011
Seiten:  1 2
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