Als an einem Julitag der vierte Taifun des Sommers an der japanischen Ostküste tobt und das Wasser auf die Straßen von Sendai peitscht, flüchten sich die Fußgänger in Hauseingänge und Geschäfte, die Taxifahrer halten den Fahrgästen die Türen nicht mehr auf. Bloß kein Wasser abbekommen. Zwei Worte stehen für das, was den Menschen hier mehr Angst macht als der ganze Wirbelsturm: Kuroi ame. Schwarzer Regen.
Sendai ist die Hauptstadt der Präfektur Miyagi. Der Tsunami vom 11. März hat in dieser Gegend eine hundert Kilometer lange, zehn Kilometer breite Schneise der Verwüstung hinterlassen. 15.000 Menschen starben in dieser Präfektur, fast 20.000 Gebäude wurden vernichtet, sechs Millionen Tonnen Trümmer hinterließ das Wasser. Etwas mehr als die Hälfte der Toten wurde gefunden und identifiziert, die andere Hälfte nahm der Tsunami mit sich. Fukushima und seine atomare Katastrophe sind gut achtzig Kilometer entfernt, zwei Stationen mit dem Schnellzug Shinkansen. Anders als dort hat man in Miyagi zunächst keine Angst vor Strahlung gehabt, zu groß war das durch den Tsunami verursachte Unglück, als dass die Kraft für eine weitere Katastrophe vorhanden gewesen wäre.
Bis zu dem Tag, an dem die ersten Taifune des Sommers anrollten und ein sich ständig verbeugender Mitarbeiter des Energiekonzerns Tepco im Fernsehen verkündete, der zu erwartende Regen werde atomare Partikel aus dem Boden lösen, der Wind werde diese über das Land tragen, Kuroi ame bringen. Wie groß die Gefahr wirklich ist, erwies sich am Montag, als Tepco melden musste, dass am havarierten Atomkraftwerk die höchste Radioaktivität seit dem Erdbeben gemessen wurde.
Schwarzer Regen – für die meisten Japaner ist das ein Wort aus der Vergangenheit, es meint jenen Niederschlag, der nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki fiel. „Davon hörten wir im Geschichtsunterricht,“ sagt Haruka Mira, ein 17-jähriges Mädchen. „Nie hätte ich gedacht, dass dieser Begriff Gegenwart werden kann.“
Drei Tage allein
Der Schwarze Regen nach Fukushima ist durchsichtig. Glitzernd rollt er an den Fenstern der Bahnhofshalle von Sendai herab, wo sich Hunderte gestrandete Pendler auf für die Nacht einrichten. Längst fahren keine Züge mehr. Haruka Mira steht mit ihren Freundinnen zusammen. Sie alle sind Schülerinnen einer Privatschule und helfen jetzt einander, mit Tüchern die Tropfen von ihren Schuluniformen, aus den Haaren und aus dem Gesicht zu wischen. Die Mädchen lachen dabei, doch es ist ein hysterisches Gelächter. „Hast du deine Lippen gut abgetupft?“ fragt Haruka Mira ihre Freundin. „Stell dir vor, du kriegst dieses Zeug in den Mund.“ Haruka Mira ist eine der vielen Heldinnen der Katastrophe. Ein alberner Teenager sei sie gewesen, sagt sie. Dann überrollte eine zwanzig Meter hohe Welle ihre Heimatstadt Ishinomaki, eine dreiviertel Stunde nördlich von Sendai gelegen. Nirgends war die Welle so hoch, nirgends hat es so viele Tote gegeben wie in Ishinomaki.
Das Wasser strömte durch das Erdgeschoss von Miras Zuhause. Die Eltern waren arbeiten, und das Mädchen rettete sich in den ersten Stock. Dort verbrachte sie drei Tage alleine, sah, wie die Nachbarhäuser mitsamt ihren Bewohnern fortgerissen wurden. Sie hatte schrecklichen Durst, weil kein Trinkwasser da war. „Ich dachte, ich muss sterben. Ich habe immer nur geweint. Ich wusste ja nicht, wann das Wasser mich mitnehmen würde, und ich wusste nicht, ob meine Eltern noch leben.“ Am vierten Tag sei endlich ihre Mutter gekommen: schwimmend.
Seite 2: Bulldozer häuften Trümmer an