kalaydo.de Anzeigen

Fukushima: Herrn Kogas Tabubruch

Shigeaki Koga hat einen mit dem Buch "Kollaps von Japans Zentralverwaltung" einen Überraschungs-Bestseller gelandet. Darin erklärt er das Versagen der Behörden nach der Atomkatastrophe in Fukushima - und setzt damit seine Karriere aufs Spiel.

Arbeiter dekontaminieren einen Kindergarten im radioaktiv verseuchten  Fukushima-Gebiet.
Arbeiter dekontaminieren einen Kindergarten im radioaktiv verseuchten Fukushima-Gebiet.
Foto: dapd
Tokio –  

Am schlimmsten ist es im Fahrstuhl. „Wenn ich in einen Lift komme, in dem schon ein Kollege steht, beschäftigt der sich sofort demonstrativ mit seinem Handy oder verfolgt angestrengt die Stockwerke“, erzählt Shigeaki Koga. „Hauptsache, er muss keinen Kontakt mit mir haben.“ Auf den Fluren des Tokioter Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie, kurz METI genannt, in dem er seit mehr als 30 Jahren arbeitet, wird Shigeaki Koga kaum noch gegrüßt.

Kollege Verräter

Shigeaki Koga, 55, hat einen Überraschungs-Bestseller geschrieben und damit seine Karriere aufs Spiel gesetzt. In seinem Buch „Kollaps von Japans Zentralverwaltung“ gibt der Mitarbeiter im Superministerium METI seinen Kollegen eine Mitschuld an der Misere des Landes - und auch an der verheerenden Atomkatastrophe von Fukushima.

Koga wurde in der Präfektur Nagasaki geboren, studierte an der Universität von Tokio und arbeitet seit 1980 am METI. Um den unerschrockenen Beamten mundtot zu machen, wurde Koga inzwischen in das Sekretariat des Ministers versetzt.

Vorgesetzte haben ihm den Rücktritt nahe gelegt. „Je höher jemand in der Hierarchie ist, umso mehr Angst hat er davor, mit mir gesehen zu werden“, sagt der 55-jährige Koga. „Nur einige der Jüngeren trauen sich noch, mit mir Kontakt zu haben und mir hinter vorgehaltener Hand zu sagen, dass sie in Wahrheit genauso denken wie ich.“

Ein überraschender Bestseller

Denn Koga hat ein Tabu gebrochen, an das sich in Japan noch niemand gewagt hat: Mit seinem Überraschungsbestseller mit dem Titel „Kollaps von Japans Zentralverwaltung“ hat sich der Top-Beamte mit dem eigenen System angelegt. Er gibt Japans Bürokratie die Verantwortung dafür, dass sich das Land seit mehr als zwanzig Jahren im Krisenmodus befindet.

Für alle nationalen Sorgenthemen – stagnierende Wirtschaft, explodierende Verschuldung, wachsende Sozialprobleme – könnte es längst Lösungen geben, würden die Beamten statt ihrer eigenen Interessen das Wohl des Landes verfolgen, glaubt Koga. „In Japan steuern die Bürokraten die gewählten Politiker – nicht umgekehrt, wie es eigentlich sein sollte.“

Vor allem das desaströse Krisenmanagement während der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März habe das Versagen des Systems bloßgestellt wie ein Offenbarungseid. Beamte seines Ministeriums, das für den Nuklearsektor verantwortlich und mit Firmen wie dem Fukushima-Betreiber Tepco eng verwoben ist, hätten dem Premierminister und der Öffentlichkeit entscheidende Informationen vorenthalten, sagt Koga. Unbequeme Erkenntnisse, die Widerstände gegen Kernenergie hätten schüren können, seien verschwiegen worden.

Munition gegen die Kernkraft

„Heute ist klar, dass dadurch Evakuierungsmaßnahmen verzögert und hunderttausende Menschen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden“, sagt der Beamte. Dass er damit an die Öffentlichkeit geht und Anti-AKW-Aktivisten sowie kritischen Medien Munition für ihren Kampf gegen die Kernkraft gibt, gilt im System als unerhörter Verrat. Doch Koga ist mit sich im Reinen, und der Erfolg seines Buches, das sich seit Erscheinen im Mai bereits 400000 Mal verkauft hat, zeigt, dass die japanische Gesellschaft Konformismus und Konfliktvermeidung nicht mehr als höchste Werte ansieht. „Das Thema hat einen Nerv getroffen“, erzählt er beim Gespräch in der Garderobe eines Tokioter Fernsehstudios.

Fukushima könnte Tschernobyl übertreffen

Bildergalerie ( 24 Bilder )

Nach seinem Arbeitstag im Ministerium war er am Abend zu Gast in der Talkshow eines Online-Fernsehsenders. Eine Rekordzahl von 20000 Zuschauern hat das Gespräch verfolgt. „Die Menschen sind ratlos, wie es mit dem Land weitergehen soll, und haben schon lange das Vertrauen in die Politik und die Bürokratie verloren“, sagt Koga. „Dass nun erstmals jemand aus dem System über die Probleme schreibt, macht alles viel klarer.“ Dabei galt Japans Bürokratie einst als größter Garant des Erfolgs. Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg beruhte maßgeblich auf der effektiven Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft. Das heute vielgescholtene Superministerium METI spielte dabei eine Schlüsselrolle.

Doch je steiler es mit Japans Wirtschaft bergauf ging, umso schneller expandierte auch der Verwaltungsapparat. „In den Boomjahren fand niemand etwas dabei, dass die Beamten auch von den Früchten des Erfolgs profitierten“, sagt Koga. „Aber als das Wachstum Ende der 80er nachließ und es an den Beamten gewesen wäre, Wege aus der Krise zu finden, konzentrierten sie sich stattdessen nur noch darauf, möglichst viele von ihren Privilegien zu sichern.“ Dass die seit 1955 ununterbrochen regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) engstens mit der Bürokratie verwoben war, machte Reformen auf Kosten des Beamtenstandes unmöglich.

Hoffen auf die Jugend

Erst 2009 gelang es der Demokratischen Partei (DPJ) mit dem Versprechen, die Vorherrschaft der Bürokratie zu brechen, die Macht zu übernehmen. „Dass die DPJ die Bürokratie zu ihrem Gegner erklärte, war eine gute Wahlkampfstrategie, aber als sie dann an der Regierung war, musste sie feststellen, dass sie gegen die festgefahrenen Strukturen wenig ausrichten kann“, erklärt Koga.

Das Regierungsviertel Kasumigaseki habe sich zu einem „Friedhof der Talente“ entwickelt, in dem Japans hellste Köpfe darauf getrimmt würden, ihre Karriere systeminternen Stellungskriegen um Macht und Privilegien zu widmen.

Der Schock von Fukushima biete nun die rare Gelegenheit, öffentliche Unterstützung für echte Reformen zu mobilisieren. Tatsächlich versucht der bisher glücklose Premierminister Naoto Kan mit einem neuen Energiekonzept wieder die Gunst der Wähler zu gewinnen. Kürzlich übertrug er die AKW-Aufsicht dem Umweltministerium – für Kogas nuklearfreundliche Kollegen im METI eine harte Niederlage. Das reicht aber als wirkungsvoller Neuanfang nicht. „Um wirklich etwas zu verändern, braucht das System starke Talente, Vorbilder und Führungsfiguren“, sagt Koga. „Aber da davon derzeit nichts zu sehen ist, bin ich leider pessimistisch.“

Autor:  Bernhard Bartsch
Datum:  20 | 8 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Linktipps
Messsonden auf dem Schauinsland

Informationen zur Messung sowie Links auf aktuelle Daten der Messstationen in Deutschland.

Twitter
 
Satellitenbilder
Satllitenbilder verdeutlichen das Ausmaß der Katastrophe.

Satellitendaten aus Deutschland helfen bei der Bewältigung der Naturkatastrophe in Japan.

Video

Adressen
Blick auf Rikuzentakata. Die Stadt in der Miyagi-Präfektur ist von der gewaltigen Tsunami-Welle weitgehend zerstört worden.

Hilfsorganisationen und Internetkonzerne sammeln Geld für die Tsunami-Opfer. Adressen und Kontonummern in der Übersicht.

AKW-Betreiber
Vertreter der Betreiberfirma von Fukushima schützen sich selbst besser als die Bewohner.

Tepco, Betreiber von Fukushima, hat bei einigen Atomunfällen gelogen. Asiens größter Stromversorger, der drei große Nuklearkomplexe mit 17 Reaktorblöcken betreibt, stand immer wieder wegen seiner Informationspolitik am Pranger.

Fotostrecke
Atomkraft trägt rund ein Viertel zum Energiebedarf in Deutschland bei. Doch der radioaktive Abfall muss irgendwo untergebracht werden. FR-online zeigt die Meiler und Endlager in Deutschland, welche Störfälle es gab und wo endgelagert werden soll. Hier ein Castorbehälter, mit einer Wärmekamera fotografiert.

Deutsche Kernkraftwerke und Atomlager werden wieder heftig diskutiert, nachdem in Japan der GAU droht.

Infografik
Atomkraftwerke in Europa unterschieden nach Betriebsphasen.

Wo gibt es überall Atomkraftwerke in Europa? Welche sind in Betrieb und wo wird gebaut - unsere Infografik beantwortet diese Fragen.

Nachgefragt

Schon 1946 wurde das erste Mal darüber nachgedacht, welches Symbol für die neue Energieform steht. Wir haben nachgefragt.

FR-Spezial

Solarstrom aus der Wüste? Windenergie von der Nordsee? Oder doch lieber auf hiesige Atomkraft und Gas aus Russland setzen? Diskutieren Sie mit!