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Fukushima: Katastrophe im Atomkraftwerk
Erdbeben mit Tsunami in Japan, Beinahe-Super-Gau in Fukushima

20. März 2011

Interview mit Strahlenbiologe Lengfelder: „Nie wieder Sushi“

Unsichere Geschäfte: Japanische Fischhändler fürchten eine sinkende Nachfrage nach Meeresprodukten. Foto: AFP

Der renommierte Strahlenbiologe Edmund Lengfelder im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über belasteten bayrischen Schweinsbraten, das schreckliche Schicksal der Männer in den Fukushima-Reaktoren und die Vergiftung der Fischbestände im Pazifik.

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Der renommierte Strahlenbiologe Edmund Lengfelder im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über belasteten bayrischen Schweinsbraten, das schreckliche Schicksal der Männer in den Fukushima-Reaktoren und die Vergiftung der Fischbestände im Pazifik.

Herr Lengfelder, essen Sie noch Braten vom Wildschwein, das in Bayern geschossen wurde?

Ich habe ein paar Jäger in meinem Bekanntenkreis, deren Jagden weit weg von den durch Tschernobyl belasteten Gebieten sind. Und wenn ich zwei oder dreimal im Jahr Wildschweinbraten essen will, dann wird der systematisch auf Verstrahlung untersucht. Ich werde immer sicherstellen, dass keine Becquerel aus Tschernobyl in meinen Leib kommen.

Wie viel Becquerel könnten denn noch drin sein im Braten?

Es können 1000 Becquerel und mehr sein.

Ab welchem Wert sind Becquerel dem Menschen gefährlich?

Ich kann nur mit einem Vergleich antworten: Ab wie viel gerauchten Zigaretten wird es für den Menschen gefährlich – hier sollte man auch an kleine Kinder denken, auch ans Passivrauchen.

Welche Gebiete in Bayern sind besonders belastet?

Zum Beispiel im Bayrischen Wald der Streifen entlang der tschechischen Grenze, das Berchtesgadener Land, südlicher Landkreis Miesbach und eine große Zone westlich von Augsburg – überall dort, wo es Ende April 1986 starke Regenfälle und Gewitter gab.

Wildbret, Beeren und Pilze aus den Wäldern dort sollten wir also immer noch nicht essen?

Zur Person
        

uni München

Edmund Lengfelder ist Leiter des Otto-Hug-Strahleninstituts. Zuvor war er Professor am Strahlenbiologischen Institut an der Universität in München.

Vor 20 Jahren gründete er den Deutschen Verband für Tschernobyl-Hilfe. In der weißrussischen Stadt Gomel, einem der am meisten kontaminierten Gebiete, baute er ein Schilddrüsenzentrum auf und behandelt Patienten mit Schilddrüsenkrebs. (ber)

Beeren sind nicht so tragisch. Aber Pilze können noch deutlich hoch belastet sein. Besonders der Maronenröhrling, weil der ein Mehrfaches der Cäsiumnuklide aufnimmt, anders als Pfifferlinge und Steinpilze.

Würden Sie Milch aus der Region trinken?

Für Milch gibt es bei uns einen Grenzwert von 370 Becquerel pro Liter, der kontrolliert wird. Allerdings sind Grenzwerte grundsätzlich nicht die Grenze zwischen schädlich und unschädlich. Mit dem Grenzwert toleriert der Gesetzgeber aus wirtschaftlichen Gründen bereits ein gewisses kleines, mögliches gesundheitliches Schadensausmaß. Deshalb ist es sinnvoll, auf Kontaminationswerte weit unterhalb der Grenzwerte zu achten.

25 Jahre nach Tschernobyl glauben viele Menschen gar nicht, dass es bei uns in Deutschland noch so hoch belastete Zonen gibt. Warum haben wir so schnell vergessen?

Wissen, das nicht dem Vergessen anheimfallen soll, muss ständig wiederholt werden. Das ist ja nicht anders als beim Einmaleins. Wenn Sie 25 Jahre nicht gerechnet haben, müssen Sie bei den Grundrechenarten wieder nachdenken. So ist der Mensch gestrickt. Was wir als Standardwissen gebrauchen wollen, müssen wir uns ständig wieder in Erinnerung rufen. Unsere Jugend weiß ja nur noch wenig über die Katastrophe in Tschernobyl, nur wenige der Alten haben noch darüber geredet. Und unsere Politiker, die Atomenergie fördern, haben überhaupt kein Interesse daran, die Erinnerung wachzuhalten.

Die meisten von uns haben weggeguckt und blicken jetzt voller Furcht und Schrecken auf die Apokalypse in Japan. Brauchen wir Katastrophen, um uns der Gefahren bewusstzuwerden?

Der Mensch ist so gebaut, dass er unangenehme Wahrheiten verdrängt. Das wird heutzutage noch verstärkt durch die ungeheure Flut von Eindrücken und Informationen, sei es über Fernsehen und Rundfunk, Internet und Handy. Aber wenn wir uns nicht mehr erinnern können, dann können wir aktuelle Krisen, wie jetzt in Japan, auch nicht mehr einschätzen.

Das stimmt. Dann frage ich Sie als Strahlenbiologen, was bedeutet es, dass Japans Regierung die Grenzwerte der gesundheitsgefährdenden Strahlung für die Männer, die in den Reaktoren von Fukushima arbeiten, von 100 Millisievert auf 250 Millisievert hochgesetzt hat?

Grenzwerte gelten für diese Männer sowieso nicht mehr. Uns hilft wieder ein Blick nach Tschernobyl. Die Sowjets haben damals 800 000 zumeist junge Soldaten eingesetzt, beginnend von den unmittelbaren Schutzversuchen am havarierten Reaktor bis zur Evakuierung der Bevölkerung und dem Waschen von Städten.

Was heißt „Städte waschen“?

Die jungen Männer sind durch die Orte gezogen, haben Häuser abgewaschen, Farbe abgekratzt und Putz abgeklopft in der Hoffnung, die Städte und Dörfer wieder bewohnbar zu machen. Denn der Neubau einer Stadt kostet sehr viel Geld und dauert Zeit. Auf den Reaktor selbst wurden Männer geschickt, die waren mit Bleischürzen am Körperstamm notdürftig geschützt. Sie durften dort wegen der extrem hohen Strahlung nur jeweils 45 Sekunden arbeiten. Für die japanische Regierung und die Betreiberfirma der Fukushima-Reaktoren tritt das Leben der Männer in den Hintergrund. Das ist wie im Krieg, da werden auch Menschenleben geopfert für ein angeblich höheres Ziel.

Welche Strahlendosis haben die Liquidatoren, wie man die Soldaten im Ersteinsatz nennt, in Tschernobyl abbekommen?

Das waren Werte bis 15.000 Millisievert.

Werden die japanischen Liquidatoren sterben?

Wir wissen, dass sie in einem Strahlungsfeld von 400 Millisievert pro Stunde Strahlendosis gearbeitet haben. Es ist etabliertes und in Tschernobyl bestätigtes Wissen, wenn eine Gruppe von zehn jüngeren Leuten zwölf Stunden einer solchen Dosisleistung ausgesetzt ist, werden 50 Prozent davon, also fünf Männer, den akuten Strahlentod sterben.

Wie müssen wir uns den vorstellen? Brechen die Männer einfach zusammen?

Nein. Wir haben in unserem Körper ein paar Organe, die sind besonders strahlenempfindlich. Dazu gehört das rote Knochenmark, der Ort, wo unser Blut gebildet wird. Strahlenempfindlich sind auch die feinen Blutgefäße und die Epithelien, also die Schleimhäute, beispielsweise des Magen-Darmtrakts. Wenn die durch die Strahlung zerstört werden, gelangen Millionen Bakterien aus dem Darm und vergiften den Menschen von innen. Durch Zerstörung des blutbildenden Systems kollabiert das Immunsystem.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Symptome sich zeigen und wie verstrahlte Gebiete dekontaminiert werden können.

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