Fukushima: Katastrophe im Atomkraftwerk
Erdbeben mit Tsunami in Japan, Beinahe-Super-Gau in Fukushima

11. Juni 2011

Japan: Knochenkiller in Fukushima

 Von Joachim Wille
Arbeiter in Fukushima sprühen chemische Substanzen auf Wand und Dach der Unglücksanlage.  Foto: afp/Tepco

Drei Monate nach dem Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima ist die Lage noch immer nicht unter Kontrolle – und die Regierung wiegelt weiter ab. Jetzt ist Strontium aufgetaucht, das Blutkrebs auslösen kann.

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Drei Monate nach dem Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima ist die Lage noch immer nicht unter Kontrolle – und die Regierung wiegelt weiter ab. Jetzt ist Strontium aufgetaucht, das Blutkrebs auslösen kann.

In elf Bodenproben haben Experten rund um Fukushima den „Knochenkiller“ Strontium gefunden. Genommen wurden die Proben zwischen Ende März und Mitte Mai, aber erst jetzt wurde mitgeteilt, dass auch die Stadt Fukushima selbst betroffen ist. Sie liegt 60 Kilometer vom gleichnamigen AKW entfernt im Landesinnern. Die radioaktive Verseuchung, schließen Experten daraus, ist viel weiträumiger als bisher angegeben.

Der radioaktive Stoff Strontium 90 lagert sich beim Menschen in den Knochen an, weil der Körper ihn mit dem Gerüststoff Calcium „verwechselt“. Strontium schädigt das Knochenmark und kann in höhere Dosen Leukämie, also Blutkrebs, auslösen.

Doch wie so oft in den drei Monaten seit dem Beginn der Atom-Havarie in Japan lieferte die zuständige offizielle Stelle gleich eine Entwarnung mit. Es sei „unwahrscheinlich“, dass die gemessenen Strontium-Mengen eine „unmittelbare Gefahr“ für die Gesundheit der Bevölkerung darstellten, teilte das Wissenschaftsministerium in Tokio mit. Die Werte seien minimal − verglichen mit denen, die für radioaktives Cäsium gefunden worden seien, ergänzte die Atombehörde Nisa.

Nicht alle sehen das so. Der Strahlenmediziner Osamu Saito, Arzt an einem Krankenhaus in Fukushima, widersprach der Einschätzung, wie der TV-Sender NHK berichtete. Auch geringe Mengen könnten gefährlich sein, da sich das Nuklid in den Knochen anreichere. Die Regierung müsse dringend mehr Messstationen in der Region einrichten, forderte er.

Genau ein Vierteljahr ist es her, seitdem im AKW Fukushima Daiichi nach dem Erdbeben in gleich drei der sechs Reaktoren der Super-GAU geschah, die gefürchtete Kernschmelze. Doch der Betreiber Tepco ist immer noch weit davon entfernt, die Anlagen unter Kontrolle zu bekommen. Die Aufräumarbeiten gehen langsam voran, und in den „heißen Zonen“ ist Arbeiten extrem gefährlich.

Die Strahlung in den havarierten Blöcken ist teilweise so hoch, dass Arbeiter dort allenfalls für Minuten eingesetzt werden können. In dieser Woche wurde in Reaktor eins der bisher höchste Wert in der zerstörten Anlage gemessen: 4000 Millisievert pro Stunde. Wer sich hier aufhielte, bekäme binnen einer Viertelstunde bereits die für Strahlenarbeiter erlaubte Jahresdosis ab.

Unerwartete Rückschläge

Und immer wieder gibt es unerwartete Rückschläge. So fiel am Mittwoch auf den Leitwarten der Reaktoren 1 und 2 die Stromversorgung zeitweise aus. Tepco teilte mit, die Kühlung der Reaktoren sei nicht betroffen gewesen. Allerdings funktionierten die Messgeräte nicht, mit denen zum Beispiel die Temperatur und die Strahlung in den Anlagen gemessen werden.

Kein Wunder also, dass der Konzern die Hoffnung aufgegeben hat, die Atomruine bis Ende des Jahres unter Kontrolle bringen zu können. Das hatte Tepco im April noch angekündigt. Auch der Plan, relativ bald mit dem Bau eines Beton- oder Stahl-Sarkophags wie in Tschernobyl zu beginnen, musste fallengelassen werden. Tepco will die havarierten Reaktoren nun mit einem gewaltigen Zelt aus Polyester-Kunststoff abdecken, um so zu verhindern, dass weiter Radioaktivität in die Umgebung austritt.

Die Arbeiten dazu sollten noch in diesem Monat an Block 1 beginnen. Reaktorexperten rechnen aber damit, dass die komplette „Einsargung“ des Fukushima-Komplexes samt Entsorgung und Endlagerung der teilweise oder sogar ganz geschmolzenen Reaktorkerne noch mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte dauernd wird.

Grundsätzlich entspannt sich die Lage inzwischen dadurch, dass die „Nachzerfallswärme“ im Brennstoff, die zur Kernschmelze führte, nach drei Monaten auf unter ein Hundertstel der ursprünglichen Reaktorleistung gesunken ist und weiter sinkt. Die Wärme kann durch die behelfsmäßige Kühlung abgeführt werden. Nur: Damit hängt auch das größte aktuelle Problem zusammen. Die Reparaturtrupps pumpen seit drei Monaten riesige Wassermengen in die Reaktorbehälter, die durch den Kontakt mit dem geschmolzenen Brennstoff stark radioaktiv verseucht werden und sich in den „Kellern“ der Anlagen sammeln.

Rund 100000 Tonnen der Strahlenbrühe haben sich Tepco zufolge im AKW-Fukushima angesammelt. Das Wasser droht überzulaufen und das Meer weiter zu verseuchen. Die Tanks in der Anlage sind voll, und die Kapazität des Tankfloßes, das in den Hafen vor dem AKW geschleppt wurde, ist fast erschöpft. Tepco plant deswegen, rund 3000 Tonnen schwach belastetes Wasser ins Meer abzulassen, um so Platz für die „heißen“ Tonnen zu bekommen. Die Atombehörde in Tokio versicherte, die Grenzwerte für das Meerwasser würden nicht überschritten.

In der nächsten Woche soll dann auf dem Fukushima-Gelände eine Anlage in den Testbetrieb gehen, mit der das Strahlen-Wasser dekontaminiert werden soll. Das würde, wenn es funktioniert, Entlastung bringen. Das Wasser soll dann in einer Art Kreislauf wieder zur Kühlung benutzt werden.

Allerdings müssen die ausgefilterten Spaltprodukte unter hohen Sicherheitsvorkehrungen entnommen und sicher zwischengelagert werden. Im August will Tepco trotzdem einen weiteren Wassertank für 100000 Tonnen aufstellen.

Sicher ist, dass die Gesamtkosten des Fukushima-Katastrophe gigantisch sein werden − mindestens eine dreistellige Milliardensumme kommt auf Tepco und den japanischen Staat zu. Ein Forschungsinstitut, das Japan Center for Economic Research, hat jetzt Zahlen dazu vorgelegt: Danach dürfte allein der Rückbau der Reaktoren bis zu 126 Milliarden Euro kosten, zusätzlich veranschlagen die Ökonomen 36 Milliarden für den Ankauf stark belasteter Flächen in der 20-Kilometer-Evakuierungzone um den Reaktor.

Für Entschädigungszahlungen an die Menschen aus den 23000 Haushalten, die bisher aus der 20-Kilometer-Umkreiszone und einigen anderen radioaktiven „Hotspots“ evakuiert wurden und nicht mehr zurückkönnen, sind laut der Studie 5,4 Milliarden für die nächsten zehn Jahre vorgesehen. Diese Summe könnte aber deutlich steigen, da die Regierung wegen hoher Strahlenwerte eine Ausweitung der Sperrzone erwägt.

Unter den Japanern wächst die Kritik am Krisenmanagement der Regierung. Drei Viertel der Bürger sind laut Umfragen unzufrieden − offenbar eine Folge von Desinformation, Abwiegelung und verspätetem Handeln. Der innenpolitische Druck wächst. Inzwischen hat auch Tokio offiziell zugegeben, dass die Kernschmelzen bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben am 11. März einsetzten. Die Atombehörde soll unabhängiger werden. Und in dem in dieser Woche vorgelegten Bericht der Regierung an die Internationale Atombehörde IAEA wird sogar eine nationale Debatte über das „gesamte Konzept von nuklearer Energie“ gefordert.

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