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Tepco-Chef: Unbeirrt im GAU

Atom-Boss Masataka Shimizu liefert in Japan ein desaströses Begleitprogramm zur Katastrophe. Klare Antworten haben in der Unternehmensphilosophie keinen Platz.

Ein gebrochener Mann: Tepco-Chef Masataka Shimizu.
Ein gebrochener Mann: Tepco-Chef Masataka Shimizu.
Foto: dapd

Die Haare sorgfältig gescheitelt, das Gesicht von Sorgenfalten zerfurcht: Auf den ersten Blick macht der 66-jährige Masataka Shimizu den Eindruck eines Managers, der sich Kankyakka zu Herzen nimmt, einen Leitsatz aus dem Zen-Buddhismus. „Kankyakka bedeutet: Achte darauf, was sich unter deinen Füßen befindet“, erläuterte der Top-Manager des größten japanischen Stromkonzerns Tepco 2009.

Die drittgrößte Industrienation litt damals wie die Welt an der Finanzkrise, und als stellvertretender Vorsitzender von Nippon Keidanren, der Vereinigung der Wirtschaftsbosse Japans, skizzierte der Manager die wichtigsten Merkmale eines Wirtschaftsführers in der Krise: „Er muss vor Ort sein, er muss über die Geschäftswirklichkeit auf dem Laufenden sein. Er muss auf den Boden unter seinen Füßen schauen und dann die richtige Richtung einschlagen.“

Ein paar Tage nach dem Ereignis vom 11. März, das als das „Große ostjapanische Erdbeben“ in die Geschichte eingehen wird, wandelte der 66-jährige Shimizu sein Motto etwas ab: Er schaute auf die Ruinen des Tepco-Atomkraftwerks Fukushima zu seinen Füßen – und verschwand aus der Öffentlichkeit. Als Grund nannte ein Sprecher Bluthochdruck und Schwindelanfälle. Während das öffentliche Leben in Japan zusammenbrach und der größte Stromkonzern des Landes nach dem GAU im Kraftwerk binnen Tagen an der Börse rund 27 Milliarden US-Dollar an Wert verlor, erholte Shimizu sich streng abgeschirmt im Krankenhaus, wie sein Unternehmen bekanntgab.

Gesundheit ist Privatsache

Schönwettermanager – den Ruf wird Shimizu nun so schwer loswerden wie Fukushima die Strahlung. Viele erinnert sein Verhalten an BP-Chef Tony Hayward, der segeln ging, als im vergangenen Jahr wochenlang Öl aus seiner Baustelle in den Golf von Mexiko sprudelte. Hayward räumte Wochen nach dem Desaster seinen Posten; Shimizu klammert sich noch fest. Doch auch er konnte den GAU nicht bewältigen, und seine Informationspolitik ist, passend zur Katastrophe, desaströs. Auch nach seiner Rückkehr in die Öffentlichkeit mochte der Manager sich nicht in die Karten schauen lassen.

Zur Person

Masataka Shimizu, geboren am 23. Juni 1944, ist seit knapp drei Jahren der Präsident des japanischen Energieversorgungsunternehmens Tepco. Außerdem sitzt der mächtige Strom-Manager im Vorstand des Arbeitgeberverbandes.

Seit der Atomkatastrophe nach dem Erdbeben vom 11. März in der japanischen Region Fukushima hat sich Shimizu selten in der Öffentlichkeit sehen lassen. Kritiker werfen ihm Versagen beim Krisenmanagement vor. So herrschte lange Unklarheit darüber, was im AKW passiert war. Auch sollen Arbeiter ohne entsprechende Schutzausrüstung zum Aufräumen in die verstrahlte Zone geschickt worden sein. (ill)

„Eine Privatsache“, antwortete er auf die Frage nach den Ursachen seiner Gesundheit. „Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um über meine Zukunft zu reden“, kanzelte er Journalisten ab, die wissen wollten, ob er zurücktritt. „Wir arbeiten an einem Zeitplan für die Beendigung der Atomkrise“, wich er Fragen nach der weiteren Entwicklung rund um das Atomkraftwerk Fukushima aus.

Klare Antworten hat es noch nie in der Geschichte des Tepco-Konzerns gegeben – und diese Unternehmensphilosophie wurde Shimizu praktisch von klein auf eingetrichtert: Der Vater hatte bereits jahrelang in der Tepco-Spitze gearbeitet, als Masataka Shimizu 1968 im Alter von 22 Jahren nach dem Studium an der elitären Keio-Universität in Tokio als Verwaltungsangestellter bei dem Stromkonzern anfing.

Sein steiler Aufstieg führte ihn 2008 auf den Chefsessel des Konzerns. Sein Vorgänger hatte – Ironie der Geschichte – wegen eines Unfalls im Atomkraftwerk Kashiwazaki den Job verloren. Shimizu trug zu dem Zeitpunkt bereits den Spitznamen „Cost Cutter“ (etwa: Kostensenker) im Konzern. In einem Interview brüstete er sich 2009 mit den Einsparungen unter seiner Führung.

So selbstbewusst der Manager aber an die Konzernspitze strebte, so sehr mangelt es ihm offenbar in der Krise an Courage. Jetzt fehlt ihm der Mut, den Heimatlosen in die Augen zu schauen, die seit mehr als vier Wochen in Notaufnahmelagern auf ein Ende des GAUs warten: Statt sich bei ihnen zu entschuldigen, besucht Shimizu am 11. April lieber die Leute, bei denen sein Wort bisher das Gewicht eines Gesetzes besaß: die Amtsverwaltung der Präfektur von Fukushima. Doch sein Plan schlägt fehl – der Besuch gerät zur öffentlichen Demütigung. Umlagert von Pressefotografen darf Shimizu nur seine Visitenkarte im Vorzimmer abgeben; der Gouverneur lässt den Strommanager abblitzen.

Regierungschef stürmte wutentbrannt in die Tepco-Zentrale

Solche Inszenierungen leiten in Japan oft das Ende illustrer Karrieren ein. Bevor Shimizu, wie es nun nahezu unausweichlich erscheint, vom Tepco-Thron gestoßen wird, durfte er im Namen des Konzerns aber erst noch einmal Abbitte leisten. „Ich entschuldige mich zutiefst für die großen Probleme, die unser Unternehmen verursacht hat“, erklärte Shimizu mit versteinerter Miene.

Damit wird er bei Premierminister Naoto Kan nicht weit kommen. Der Regierungschef war höchstpersönlich wutentbrannt ins Hauptquartier des Unternehmens gestürmt, als kurz nach der Katastrophe bei Tepco alles drunter und drüber ging, und schrie: „Was ist hier los?“ Kan hatte aus dem Fernsehen erfahren, dass sich in Fukushima eine Explosion ereignet hatte. Die Tepco-Manager hatten, ganz wie sie es während der vergangenen Jahre gewohnt waren, die unangenehme Nachricht lieber für sich behalten.

Die Retourkutsche des Konzerns folgte umgehend. Weil Kan nach Beginn der Katastrophe mit einem Hubschrauber über Fukushima geflogen war, um sich einen persönlichen Eindruck über das Ausmaß des GAUs zu verschaffen, lancierte Tepco die Information, man habe wegen des Flugs dringend nötige Rettungsmaßnahmen aufschieben müssen. Der Premierminister von der Demokratischen Partei gilt in Japan als Außenseiter. Shimizu aber ist Teil des Netzwerkes von Bürokraten, Politikern und Wirtschaftsbossen, die seit Jahrzehnten das Schicksal Japans unter sich ausmachten.

Den Menschen im verstrahlten Gebiet hat Shimizu übrigens inzwischen Entschädigung zugesagt: 8300 Euro pro Familie. Die Höhe der Summe, ließ er wissen, habe die Regierung festgelegt.

Autor:  Willi Germund
Datum:  19 | 4 | 2011
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