Kontra: Nicht alle Eier in einen Korb
Manchmal mag der Griff in die Mottenkiste ja etwas Brauchbares zu Tage fördern. Die Beteiligung von Beschäftigten am Kapital "ihrer" Unternehmen gehört nicht dazu.
Warum taugt der Ansatz nichts? Weil er erstens den Beschäftigten, die sich an der "eigenen" Firma beteiligen, ein doppeltes Risiko aufbürdet: Gerät das Unternehmen in Schwierigkeiten, droht ihnen der Verlust nicht nur des Arbeitsplatzes, sondern auch ihres Kapitals.
Dies verletzt jene kluge, auch für diesen Fall angemessene Regel der Geldanlage, die besagt, "nicht alle Eier in einen Korb" zu legen, sondern die Risiken zu verteilen. Was passieren kann, zeigt die Pleite des US-Konzerns Enron, die tausenden Belegschaftsaktionären neben dem Job die komplette Altersvorsorge kostete.
Zweitens trägt das Konzept nicht dazu bei, das Problem der ungleichen Verteilung von Vermögen zu lösen, sondern verschärft es noch. Bevorzugt wird zum einen das Personal von wenigen großen Aktiengesellschaften, die derartige Programme relativ leicht umsetzen können. Die Mehrheit der Beschäftigten arbeitet aber in mittelständischen, oft als Personengesellschaften geführten Firmen, für die eine Beteiligung entweder grundsätzlich nicht in Frage kommt oder zu kompliziert ist.
Zum anderen wächst die Kluft innerhalb der Belegschaften, weil sich Arbeitnehmer in unteren Lohngruppe mit ihrer ohnehin geringeren Sparquote kaum Unternehmensanteile leisten können.
Drittens führt das Modell zu einem unlösbaren Dilemma. Als Miteigentümer unterwerfen sich die Beschäftigten, auch wenn sie es nicht wollen, den Regeln der Finanzmärkte - zum eigenen Schaden. Denn um ihr Kapital und dessen Verzinsung zu sichern, sind sie unter Umständen gezwungen, Lohnkürzungen oder dem Abbau von Arbeitsplätzen zuzustimmen.
Diese perverse Logik lässt sich schön am Verhalten der US-Pensionsfonds ablesen, die auf der Jagd nach Rendite Unternehmen zu Entlassungen anhalten, um die Renten auch der davon Betroffenen zu sichern.
Viertens erleichtern Beteiligungskonzepte, wie sie etwa der IG Metall vorschweben, die Lohndrückerei. Genau deshalb hat sich der Münchner Ökonom Hans-Werner Sinn bereits vor Jahren für "Sparlohn statt Barlohn" ausgesprochen. Zu befürchten ist, dass die Arbeitgeber das Tauschgeschäft nutzen, um die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte voranzutreiben, die Grundlöhne zu senken und den Flächentarif weiter auszuhöhlen.
Die Tatsache, dass Gewerkschaften dabei jetzt letztendlich mitspielen, lässt das Ausmaß ihrer Verzweiflung und Schwäche erahnen. Sie haben offenbar die Hoffnung aufgegeben, höhere Einkommen durchsetzen zu können.
Fünftens bringen die Modelle die Wirtschaft nicht voran. Die Bundesrepublik leidet nicht unter einer zu geringen Sparquote, sondern am Mangel an Nachfrage. Mag der Tausch Lohn gegen Kapitalbeteiligung auch einzelnen Unternehmen helfen, der Volkswirtschaft insgesamt bescheren die Einkommensverluste immensen Schaden.
Wer eine Gewinnbeteiligung will, sollte die Löhne mit der Produktivität steigen lassen. Und das Problem der Vermögensverteilung sollte über entsprechende Steuern gelöst werden.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Robert von Heusingers Plädoyer pro Beteiligung: Arbeiter zu Kapitalisten.