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Verzicht gegen Besitz: Die neue Volks-Wirtschaft

Belegschaftskapital könnte ein wichtiger Schritt sein hin zu einer neuen Wirtschaft, in der Firmen nicht auf kurzfristigen Profit ausgerichtet sind, sondern auf eine langfristig stabile Entwicklung. Von Eva Roth

Bergbauarbeiter der Grubenwehr stehen nach der Betriebsversammlung der RAG Deutsche Steinkohle (DSK) in Saarbruecken zusammen und diskutieren.
Bergbauarbeiter der Grubenwehr stehen nach der Betriebsversammlung der RAG Deutsche Steinkohle (DSK) in Saarbruecken zusammen und diskutieren.
Foto: ddp

Ist es vorstellbar, dass Großaktionäre von Unternehmen nicht maximalen Gewinn fordern, sondern zum Beispiel mehr Ausbildungsplätze? Dass sie auf Investitionen in Forschung pochen und sich mit aller Macht gegen eine Verlagerung von Fabriken in Niedriglohnländer stemmen? Klar ist das vorstellbar, meint Dietmar Hexel vom DGB-Bundesvorstand. Und zwar dann, wenn die Großaktionärin die Belegschaft ist.

Gewerkschafter denken zurzeit darüber nach, welche Lehren aus der Wirtschaftskrise zu ziehen sind und wie der ungezügelte Kapitalismus zu bändigen ist. Dass der Staat künftig eine stärkere Rolle spielen muss, dass er strengere Regeln aufstellen muss, ist mittlerweile gesellschaftlicher Konsens.

Arbeiter des Automobilzulieferers Rege Motorenteile GmbH Magdeburg stehen mit ernsten Mienen auf einer Betriebsversammlung.
Arbeiter des Automobilzulieferers Rege Motorenteile GmbH Magdeburg stehen mit ernsten Mienen auf einer Betriebsversammlung.
Foto: dpa

Doch auch Beschäftigte müssen eine stärkere Rolle spielen, meinen Gewerkschafter und fordern einen Ausbau der klassischen Mitbestimmung. Einige, zu denen Hexel gehört, plädieren zudem für mehr Kapital in Arbeitnehmerhand. Und das ist keineswegs selbstverständlich.

Denn bislang haben Gewerkschaften die Kapitalbeteiligung von Beschäftigten eher skeptisch beurteilt. Doch die Krise hat eine neue Debatte darüber ausgelöst, ob es doch eine gute Idee ist, Belegschaften an Unternehmen zu beteiligen.

Viele Firmen werden die Krise nur überleben, wenn ihre Beschäftigten als Investoren einsteigen, prophezeit DGB-Vorstand Hexel im FR-Gespräch. Zudem meint er: Belegschaftskapital könnte auch ein wichtiger Schritt sein hin zu einer neuen Volks-Wirtschaft, in der Firmen nicht auf kurzfristigen Profit ausgerichtet sind, sondern auf eine langfristig stabile Entwicklung. In der Beschäftigte mehr Einfluss haben und ihre Jobs attraktiver und sicherer sind als heute.

Raus aus dem Schlamassel

Auslöser für die Debatte waren akute Krisenfälle wie Opel. Der Betriebsrat des Autobauers hat sich frühzeitig bereit erklärt, Lohneinbußen zu akzeptieren, wenn die Beschäftigten im Gegenzug Aktien erhalten. Bei anderen Firmen in Not will die IG Metall ähnlich verfahren: "Wenn Arbeitnehmer in der Krise Beiträge leisten, muss eine Gegenleistung her.

Das kann eine Kapitalbeteiligung sein, das kann auch über ein festverzinsliches und gut abgesichertes Darlehen geregelt werden", sagt ihr Vizechef Detlef Wetzel der Frankfurter Rundschau. "Es kann doch nicht sein, dass Arbeitnehmer jetzt die Zeche zahlen, die ihnen andere eingebrockt haben. Und später kassieren andere die Rendite."

Dass es weitere Problemfälle geben wird, steht für Peter Donath außer Frage. "Schon relativ bald werden weitere Unternehmen im Automobilsektor und Maschinenbau in finanzielle Schwierigkeiten kommen und Beiträge von Arbeitnehmern einfordern", sagt der Leiter des Bereichs Betriebspolitik in der IG-Metall-Zentrale. Donath fürchtet, dass es dabei um "höhere Beträge" gehen wird.

Hürden und Haken

Bei der Umsetzung der Idee "Verzicht gegen Besitz" sei noch einiges unklar. So müsse man mit den Mitgliedern diskutieren, ob wirklich alle Beschäftigten einen Teil ihres Lohns entbehren können. Offen sei auch, ob man eine Kapitalbeteiligung per Tarifvertrag verpflichtend machen könne.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall betrachtet die Idee höchst skeptisch und pocht auf Freiwilligkeit: "Niemand kann dazu gezwungen werden, sein Vermögen in unternehmerisches Kapital anzulegen, (und) niemand kann gezwungen werden, andere am Kapital seiner Firma zu beteiligen", sagt Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser der FR.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Wenn ein Unternehmen die Löhne senkt, verschafft es sich einen Wettbewerbsvorteil. "Wir diskutieren darüber mit den Betriebsräten der betroffenen Branchen", erzählt Donath. Problematisch wäre etwa, wenn Opel Lohnabschläge und Staatshilfe nutzt, um Preise zu senken. Andererseits verstünden es die meisten Betriebsräte, wenn Kollegen aus Konkurrenzfirmen Zugeständnisse machen, um eine Pleite zu verhindern. "Hier gibt es keine einfache Lösung."

Aus Wettbewerbssicht unbedenklich ist die Sache in prosperierenden Unternehmen. Hier geht es nicht um Lohnabschläge. Hier könnten Beschäftigte beispielsweise eine Gewinnbeteiligung in eine Kapitalbeteiligung umwandeln und in der Firma anlegen, erläutert Donath.

Das Ziel: Eine neue Firmenpolitik

Ob in schwächelnden oder erfolgreichen Firmen - der IG Metall geht es nicht darum, dass einzelne Beschäftigte ein paar mehr Belegschaftsaktien erwerben. Es geht ihr vielmehr darum, die Anteile zu bündeln und eine "strategische Beteiligung" zu erlangen. Denn nur so können die Arbeitnehmer Einfluss auf die Firmenstrategie nehmen. "Wir wollen ein Umsteuern in der Unternehmenspolitik", betont Donath.

Die Orientierung der Konzerne auf schnellen Gewinn hat dazu beigetragen, dass die Weltwirtschaft jetzt darniederliegt, meint auch DGB-Mann Hexel. Künftig sollte das Management nicht mehr vorrangig für den Reichtum der Aktionäre arbeiten, sondern auch die Interessen der anderen "Stakeholder", der Lieferanten, Kunden und Beschäftigten, berücksichtigen. "Das erreichen wir nicht mit gutem Zureden, sondern nur mit einer Verschiebung der realen Macht- und Eigentumsverhältnisse."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was ist mit dem doppelten Risiko? Wenn die Firma pleite geht, verlieren die Leute ihren Job und ihre Geldanlage.

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Autor:  EVA ROTH
Datum:  19 | 6 | 2009
Seiten:  1 2
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