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Werkzeugbauer Meissner: Auch die Oma hat bei der Rettung geholfen

Der Werkzeugbauer Meissner stand in den 1990er Jahren vor dem Aus - doch dann haben die Beschäftigten das Unternehmen übernommen. Von Jutta Maier

Sieht alles ganz normal aus, ist es aber nicht: Die Firma Meissner gehört mehrheitlich den Beschäftigten.
Sieht alles ganz normal aus, ist es aber nicht: Die Firma Meissner gehört mehrheitlich den Beschäftigten.
Foto: Boeckheler

Biedenkopf-Wallau. "Ihr Arbeitsplatz kann nur besetzt werden, weil sich die Beschäftigten 1997 mit ihrem Privatvermögen für den Erhalt des Betriebs eingesetzt haben." Diesen Satz bekommen neue Mitarbeiter vom Betriebsrat der Meissner AG garantiert zu hören.

Ziel ist es, die Leute auf das Beteiligungsmodell der 300-Mitarbeiter-Firma im nordhessischen Biedenkopf-Wallau einzuschwören: Neulinge sollen eines Tages ebenfalls Anteile an dem Werkzeug- und Modellbauer kaufen und Anteilseigner werden, sagt Betriebsratschef Ewald Achenbach.

Rund 85 Prozent der Angestellten halten Aktienpakete an dem Unternehmen, das knapp 40 Millionen Euro im Jahr umsetzt. Direkt oder indirekt beziehen praktisch alle großen Autobauer Gießereiwerkzeuge und Kunststoffformen für Tanks oder Fahrzeugauskleidungen von Meissner.

Geld oder Job!

Anders als 1997 haben die Beschäftigten heute die Wahl, ob sie Aktionäre werden wollen oder nicht. Damals setzte die Geschäftsführung den Mitarbeitern notgedrungen die Pistole auf die Brust: Sie wurden massiv gedrängt, 10.000 D-Mark pro Nase in Aktien zu investieren, andernfalls hätten sie ihren Arbeitsplatz verloren. "Wir haben gesagt, jeder muss mitmachen, sonst gibt es einen Erosionsprozess", sagt Vorstandsvorsitzender Tilman Löffelholz rückblickend.

Die Gründung einer Aktiengesellschaft mit Mitarbeiterbeteiligung war der letzte Ausweg für die Firma, die bereits 1994 vor dem Aus stand. Danach wurde der Geschäftsbetrieb zwei Jahre lang im Konkurs fortgeführt - mit empfindlichen Einschnitten: Die Maschinenbausparte wurde geschlossen, zwei Drittel der Belegschaft entlassen. Obwohl Meissner danach betriebswirtschaftlich "wieder in Schuss" war, fand sich kein Käufer. Für eine Heuschrecke sei Meissner zu klein, für einen anderen Werkzeugbauer zu groß gewesen, sagt Löffelholz.

Mitarbeiterbeteiligungen waren in den 1990ern noch ungewöhnlicher als heute. Doch aus Angst um ihren Arbeitsplatz trieben alle - bis auf die Auszubildenden und die Reinigungskräfte - das Geld auf, obwohl sie bereits drei Monate keinen Lohn bekommen hatten. Der eine pumpte die Oma an, der nächste plünderte das Sparbuch, manche nahmen sogar Kredite auf.

Betriebsratsvize Markus Scharf hatte gerade seine Lehre beendet und wohnte noch zu Hause. "Für mich waren 10.000 D-Mark viel Geld", erinnert er sich. Doch in einem Jahr Arbeitslosigkeit hätte er in etwa genauso viel verloren, rechnete sich Scharf aus. Seine Eltern liehen ihm schließlich den Betrag.

Im Januar 1997 wurde die Aktiengesellschaft gegründet. 160 Mitarbeiter kauften sogenannte vinkulierte Namensaktien zu je 100 D-Mark, damit war das Grundkapital von 1,6 Millionen Euro zusammen. Diese Aktien dürfen nur mit Zustimmung der Gesellschaft übertragen werden, um zu verhindern, dass die Anteile an Wettbewerbsunternehmen verkauft werden. Im September 1997 - pünktlich zum 75. Firmenjubiläum - übertrug der Insolvenzverwalter das operative Geschäft an die AG.

Das unternehmerische Risiko der Mitarbeiter zahlte sich aus, das Geschäft lief immer besser. Bis heute hat Meissner 100 Jobs geschaffen und beinahe ebenso viele Auszubildende eingestellt.

Die Gesellschafter konnten in den vergangenen zwölf Jahren immer auf eine Dividende bauen, wenngleich 80 bis 90 Prozent des jährlichen Gewinns reinvestiert werden. "Wir brauchen immer die neueste Technik, um wettbewerbsfähig zu bleiben", sagt Geschäftsführer Löffelholz.

Über die Jahre haben sich die Eigentümerverhältnisse verändert: Die Beteiligungsgesellschaft des deutschen Ingenieurs Klaus Faber hat ihr Aktienpaket von 25 auf 37 Prozent aufgestockt. Den Mitarbeitern gehört der große Rest, ihren Einfluss sichern sie sich durch zwei Vertreter im dreiköpfigen Aufsichtsrat.

Anders als früher sind nicht mehr alle Beschäftigten Aktionäre, zudem ist die Teilhabe heute bereits für kleines Geld zu haben: Jüngere Mitarbeiter können mit kleinen Aktienpaketen einsteigen und müssen nur 500 Euro investieren. Einzige Voraussetzung: Eine unbefristete Anstellung und mindestens ein Jahr Betriebszugehörigkeit.

An der Börse gehandelt werden die Meissner-Aktien zwar nicht. Doch es hat sich eine Art interne Börse entwickelt: Die einen suchen Aktien, die anderen wollen welche abgeben. Zum Beispiel die Anteile von scheidenden Angestellten und Ruheständlern, die Meissner zurückkauft und neuem Personal anbietet. "Der Preis findet sich", sagt Löffelholz.

Von außen betrachtet unterscheide sich Meissner im Tagesgeschäft nicht von anderen Unternehmen, erklärt der Geschäftsführer. Es gebe eine klare Führungsstruktur, und vor notwendigen Investitionen werde nicht lange gefackelt: Die Meissner AG sei "kein Debattierclub".

Doch die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen sei hoch und der Krankenstand niedrig, schwärmt Löffelholz, es gebe so gut wie keine Fluktuation und man sei stets ohne Arbeitsgericht ausgekommen. Obwohl die Löhne auf Tarifniveau lägen - Lohnerhöhungen werden gemeinsam beschlossen - sei man nicht an diesen gebunden, wodurch sich "vieles ohne Streiks" umsetzen lasse.

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Autor:  JUTTA MAIER
Datum:  23 | 6 | 2009
Seiten:  1 2
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