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22. Oktober 2013

Im Dauer-Wettbewerb: Wer nichts mehr leistet, fliegt raus

 Von Ingo Leipner
Immer mehr Mitarbeiter müssen Verantwortung für Prozesse übernehmen, auf die sie keinen Einfluss haben. Verantwortung ohne Macht – das führt in die Ohnmacht. Womit der Weg zur inneren Kündigung vorgezeichnet ist.  Foto: dpa

Der Psychoanalytiker Paul Verhaeghe beschreibt, wie die moderne Wirtschaft eine gnadenlose Auslese betreibt - und die Menschen damit in einen ständigen Wettbewerb stürzt. Eine Abrechnung mit dem Neoliberalismus.

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„The World´s Greatest Company“ nannte sich der amerikanische Konzern „Enron“ - und sorgte 2001 für einen der größten Wirtschaftsskandale in den USA. Das Management hatte im großen Stil Bilanzen gefälscht, etwa den Gewinn um 1,2 Milliarden Dollar zu hoch ausgewiesen. Der Energie-Konzern verschwand von der Bildfläche – und mit ihm Betriebsrenten für seine Mitarbeiter in Höhe von zwei Milliarden Dollar.

Autor Paul Verhaeghe ist überzeugt: Der Neoliberalismus durchdringt unser Leben bis in den letzten Winkel.
Autor Paul Verhaeghe ist überzeugt: Der Neoliberalismus durchdringt unser Leben bis in den letzten Winkel.
 Foto: Pressefoto

Eine grandiose Pleite, die der Psychoanalytiker Paul Verhaeghe auf eine „sozialdarwinistische Praxis“ in der Personalpolitik zurückführt. Er ist Professor an der Universität Gent und schreibt in seinem neuen Buch „Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft“: Die „Enron“-Mitarbeiter mit der höchsten Produktivität hätten alle Boni erhalten. Wer am wenigsten geleistet hatte, wurde gefeuert. Das nannte sich „Rank and Yank appraisal system“, was wörtlich zu verstehen ist - „to yank“ bedeutet „rausschmeißen“.

Es gab einen kontinuierlichen Wettbewerb; ein internes Ranking ermittelte die zehn Prozent aller Mitarbeiter, die am schlechtesten abgeschnitten hatten. Sie wurden jedes Jahr automatisch entlassen. Verhaeghe: „Innerhalb kürzester Zeit fälschten fast alle Mitarbeiter ihre Zahlen; es herrschte totale Paranoia.“ Die Folgen sind bekannt.

Konzerne wenden die 20/70/10-Regel an

Der Psychoanalytiker nennt in diesem Zusammenhang die 20/70/10-Regel, die große Konzerne weltweit anwenden: 20 Prozent der Mitarbeiter gelten als hochmotiviert, 70 Prozent halten den Betrieb am Laufen – und zehn Prozent sind jährlich zu feuern, weil sie nicht die erwartete Leistung bringen. Egal, ob das Unternehmen Gewinne oder Verluste einfährt. Verhaeghes Erklärung: „Ziel des Sozialdarwinismus wie der neoliberalen Meritokratie ist das Überleben der bestangepassten Individuen (survival of the fittest), wobei den Besten der Vorrang gebührt und die Übrigen aussortiert werden.“

Eigentlich sei die „Meritokratie“ ein vernünftiger Ansatz gewesen, der Begriff lässt sich als „Herrschaft der Fähigen“ übersetzen: „Die eigene Leistungsfähigkeit in Verbindung mit kontinuierlicher Anstrengung wurde zum neuen Kriterium für gesellschaftlichen Erfolg“, so Verhaeghe. Grundlage war die Hoffnung, dass alle Menschen dieselben Bildungschancen erhalten.

Doch der Neoliberalismus hat diese Hoffnungen zerstört: Er sorgte für große Verheerungen in der Gesellschaft, weil er absolut an die Macht freier Märkte glaubt - und den Gedanken an das Gemeinwohl verdrängt. Diese Ideologie habe der ursprünglich sinnvollen „Meritokratie“ das Wasser abgegraben: Die erhoffte Chancengleichheit entpuppte sich als Illusion, weil (immer noch) der Geldbeutel über den Bildungsweg entscheidet. Und es entsteht eine neue Elite, „die die Tür vor denen, die nach ihnen kommen, sorgfältig verschließt.“ Verhaeghes Analyse: „Innerhalb kürzester Zeit kommt die soziale Mobilität zum Stillstand, die Kluft zwischen Unter- und Oberschicht wächst, und die Freiheit muss einer allgemeinen Paranoia weichen.“

Quoten führen zu immer mehr „Fastfood-TV“

Diese „Paranoia“ breitet sich in allen Bereichen der Gesellschaft aus, die dem Diktat der Ökonomie unterworfen werden. Rankings, wohin der Blick auch schweift - ob in Schule und Universität, Krankenhäusern oder in der Wissenschaft. Ein Instrument dafür sind die allgegenwärtigen Erfolgskontrollen, vornehm „Evaluation“ genannt: „Messung und Messbarkeit bestimmen, was Qualität ist, und was nicht messbar ist, zählt nicht“, so der Psychoanalytiker. Das hat verheerende Konsequenzen für die Praxis: „Eine veränderte Messlatte zieht stets eine Änderung des Qualitätsbegriffs nach sich und lenkt dadurch das Verhalten der Betroffenen.“ Beispiel: die Quoten beim Fernsehen, die zu „Fastfood-TV“ führen, wie es Verhaeghe nennt.

Diese Zahlengläubigkeit verstellt den Blick für die wirkliche Qualität von Bildung oder Pflege. Verhaeghe fragt: „Sagt die Zahl der Sterbefälle etwas über die Qualität eines Krankenhauses aus? Oder eher etwas über die Art der Patienten, die dort aufgenommen werden?“ Entscheidet eine solche Evaluation über Subventionen, „wird so manches Krankenhaus nicht zögern, Patienten im Endstadium woanders unterzubringen“, so die düstere Diagnose des Autors.

Die Objektivität wird nur vorgegaukelt

Das betrifft auch die Arbeitsorganisation in Unternehmen: „Zahlenfixierte Evaluationen ersticken Einfallsreichtum und Motivation der Mitarbeiter. Sie gaukeln eine Objektivität vor, die in Wirklichkeit schädlich für Unternehmen ist“, sagt Jürgen Frehse, IT-Experte und Gründer der „onlineuniversity24“. Er engagiert sich auch im Netzwerk culture²business.

Hinzu kommt: Die Mode des „Lean Management“ hat zu einem Abbau von Hierarchien geführt, „Chefs haben einen direkten Kontakt zur operativen Ebene“, so Frehse. Das stellt auch Verhaeghe in seinem Buch fest: „Die Diktatur der Zahlen sorgt im Verein mit der Informatik dafür, dass Beschlüsse von 'oben' direkt 'unten' ankommen, ohne große Chance auf Mitwirkung.“ Die Folge: Immer mehr Mitarbeiter müssen Verantwortung für Prozesse übernehmen, auf die sie keinen Einfluss haben. Verantwortung ohne Macht – das führt in die Ohnmacht. Womit der Weg zur inneren Kündigung vorgezeichnet ist.

„Echte Wertschätzung für geleistete Arbeit“

Für Frehse wäre es ein großer Fortschritt, wenn Evaluationen aufdecken würden, über welche Potenziale ein Mitarbeiter verfügt: „Stärken und Bedürfnisse sind zu entdecken, verbunden mit einer echten Wertschätzung für geleistete Arbeit.“ Dazu gehöre aber auch ein Klima der Kooperation und Selbstbestimmung, das genaue Gegenteil zur 20/70/10-Regel, die zur sozialdarwinistischen Auslese führt.

Ganz klar: Wer die Welt nur in ökonomischen Kennziffern erfasst, verändert auch seine ethische Grundhaltung: „Die neue Norm heißt Effizienz, das Ziel ist materieller Gewinn, und die dazugehörige Tugend heißt Habgier“, schreibt Verhaeghe. Sie werde gefördert, weil der Neoliberalismus auf sozialdarwinistischen Ideen aufbaut – und auf diese Weise die egoistische Seite des Menschen stark macht. Obwohl gilt: Der Mensch ist zugleich Egoist und Altruist - ein Gemeinschaftswesen mit kooperativen Verhaltensweisen, das auch den eigenen Vorteil sucht. Daher ist es für eine Gesellschaft entscheidend, einen Ausgleich zwischen diesen seelischen Ausprägungen zu schaffen.

Doch im Zeitalter des Neoliberalismus ist das Pendel klar in eine Richtung ausgeschlagen; es tobt der „Kampf aller gegen alle“. Vor diesem Hintergrund fordert Verhaeghe: „Wenn wir die Balance von Gleichheit und Verschiedenheit, Gemeinschaftssinn und Autonomie wiederherstellen wollen, dann müssen wir die heutige Arbeitsorganisation tatsächlich ändern und Wirtschaft anders denken.“

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