„An die Stelle klassischer Beschäftigungsmodelle treten zunehmend befristete Arbeitsverhältnisse, Zeitarbeit und Teilzeitjobs“, sagt Eric Thode, der Co-Autor besagter Studie. Waren diese Beschäftigungsverhältnisse über Jahrzehnte noch Sonderformen, machen sie derzeit immerhin schon 40 Prozent der Anstellungen aus. Tendenz steigend. In Branchen wie dem Dienstleistungssektor ist mittlerweile nur noch jeder zweite Arbeitnehmer unbefristet als Vollzeitkraft beschäftigt.
Arbeitgeber weichen aus
Jeder Arbeitnehmer hat das Recht, von Teilzeit auf Vollzeit umzustellen – und umgekehrt. Ein Arbeitnehmer in Teilzeit kann den Arbeitgeber bitten, Vollzeit arbeiten zu dürfen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: Der Betrieb hat mehr als 15 Mitarbeiter, er ist seit mindestens sechs Monaten dort angestellt und macht seinen Anspruch mindestens drei Monate vorher geltend. Dasselbe gilt anders herum, sofern keine betrieblichen Gründe dagegen sprechen. Aber: Wer einmal Teilzeit vereinbart hat, der hängt darin fest, denn einen Anspruch, wieder auf eine volle Stelle aufzustocken, gibt es nicht.
Der Trend zur befristeten oder reduzierten Beschäftigung sei jedoch keine nationale Besonderheit, sagt Eric Thode. „Diese Entwicklung ist in allen Industriestaaten zu beobachten, die bereits vor der Osterweiterung der EU angehörten.“ Neben Deutschland verzeichnen besonders Spanien, Belgien und Italien einen Anstieg von befristeten Arbeitsverhältnissen. Das sind Staaten, die traditionell einen starken Kündigungsschutz besitzen, der durch die neuen Arbeitsverträge umgangen werden kann. Arbeitgeber weichen gern auf befristete Verträge aus, um rascher auf eine veränderte Marktsituation reagieren zu können.
Mit einer Überraschung wartet der Blick in Richtung Osten auf. In den neuen Mitgliedstaaten der Europäischen Union verläuft die Entwicklung genau entgegengesetzt. Nach Jahren hoher Arbeitslosigkeit und ungeregelter Beschäftigung steigt dort derzeit die Zahl regulärer Arbeitsverhältnisse. „Die dortigen Gesellschaften durchliefen in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Transformationsprozess“, sagt Eric Thode. In diesen Staaten sei es eher so, dass erst in den letzten Jahren Strukturen aufgebaut werden konnten, die feste Anstellungen möglich machten – und auch für Arbeitgeber sinnvoll erscheinen.
Doch wie wirkt sich eine Umformung der Beschäftigungsverhältnisse eigentlich auf die Arbeitswelt aus? In den Niederlanden verfügt man über eine längere Erfahrung mit Teilzeitarbeit. Dort sind Vollzeitkräfte längst in der Minderheit. „Es erfordert natürlich eine genaue Absprache und gute Zusammenarbeit, wenn sich zwei Personen einen Arbeitsplatz teilen“, beschreibt Thode die dortige Situation. Für Arbeitgeber sei es teils einfacher und unkomplizierter mit einer Vollzeitkraft zu arbeiten, stellt der Arbeitsmarktexperte fest.
Teilzeit zu arbeiten, das erscheint vielen Arbeitnehmern – solange das Gehalt für den Lebensunterhalt ausreicht – durchaus erstrebenswert. So bleibt mehr Zeit für Familie und Freizeit, das klingt ja auch zunächst einmal recht verlockend. Für andere bedeutet Teilzeit einen Kampf um jeden Euro. Denn ganz anders sieht es beim Thema Zeitarbeit und den sogenannten 400-Euro-Jobs aus. Auch Eric Thode verweist an dieser Stelle auf einen fundamentalen Unterschied. „In Deutschland sehen wir den Studienergebnissen zufolge eine Zweiteilung der Erwerbstätigen. Es gibt Insider und Outsider auf dem Arbeitsmarkt.“ Zu den Außenseitern zählen neben den Erwerbslosen auch geringfügig oder befristet Beschäftigte und Zeitarbeiter. Obwohl es sich auch dort lohnt, genauer hinzuschauen: „Für Akademiker ist es heute durchaus üblich, dass sie nach dem Studium zunächst eine befristete Anstellung bekommen“, sagt Thode, „das macht sie aber nicht gleich zur Randgruppe auf dem Arbeitsmarkt.“
Die Studie der Bertelsmann-Stiftung konstatiert neben der Abnahme an klassischen Vollzeitstellen auch einen im europäischen Vergleich sehr niedrigen Anstieg der Löhne für Geringverdiener im vergangenen Jahrzehnt. Dies ist ein Effekt der Zunahme von niedrig entlohnten Arbeitsverhältnissen. So wird der durchschnittliche Verdienst gesenkt und die Zunahme der Nettorealeinkommen vermindert. Gleichzeitig sind Geringverdiener bei uns in Deutschland im internationalen Vergleich überproportional von hohen Steuern und Sozialabgaben betroffen.
Entlastung der Geringverdiener
Neben einer besseren beruflichen Qualifikation der Arbeitnehmer sieht Studien-Verfasser Eric Thode auch hier Handlungsmöglichkeiten. „Man könnte überlegen, die im Niedriglohnsektor Beschäftigten stärker von der Sozialversicherung zu entlasten.“ Zudem würden bessere Betreuungsangebote für Kinder es Alleinerziehenden erleichtern, eine Vollzeitstelle zu besetzen. Die eigentliche Entwicklung aber, sagt Thode, sei hingegen gar nicht so negativ zu werten wie es auf den ersten Blick vielleicht erscheine. „Zunächst einmal wird die Beschäftigungsquote durch die Flexibilität bei den Arbeitsmodellen gestärkt.“
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