Die Mutter am Herd, Papa im Büro. Dieses Muster hat ausgedient, wie die Zahlen belegen: Nach der Datenlage des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden nimmt nahezu jeder vierte junge Vater in Deutschland Elterngeld in Anspruch. Bundesweit bezogen 23,6 Prozent der Väter der 2009 geborenen Kinder den staatlichen Zuschuss, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. 2008 waren es nur 21 Prozent gewesen.
Eine positive Entwicklung gegenüber den drei Prozent Elternzeitvätern im Jahr 2006. Über die Motivation der neuen familienorientierten Väter sprachen wir mit dem Soziologen Stefan Reuyß. Er ist Gründungsmitglied des Instituts für sozialwissenschaftlichen Transfer in Berlin und Co-Autor einer von der Hans-Böckler-Stiftung finanzierten Studie, die zeigt, wie Väter die Elternzeit nutzen.
Herr Reuyß, hat ein Bewusstseinswandel unter den Vätern stattgefunden?
Einige Unternehmen verzeichneten seit der Einführung des Elterngeldes 2007 einen Anstieg von 600 Prozent, also eine Versechsfachung bei der Zahl der Väter in Elternzeit, in manchen Betrieben ist dies fast schon zu einem Muss geworden. Mit der Elternzeitregelung scheint den Vätern ein variables Instrument an die Hand gegeben worden zu sein, das es ihnen ermöglicht, sich nach der Geburt ihres Kindes stärker in die Fürsorge einzubringen. Nun haben Väter die Möglichkeit, ihrem Interesse an einem Leben jenseits der Erwerbsarbeit mehr Raum zu geben.
Was bewegt die Männer zu diesem Schritt?
Entgegen der Alltagswahrnehmung nutzen Elterngeld-Väter die Zeit ganz unterschiedlich und folgen verschiedenen Motiven: Es gibt nicht „den“ Elterngeld-Vater, sondern eine Vielzahl. Den Vätern geht es sowohl um das Familienleben als Ganzes als auch ganz konkret um die Partnerin, die sie unterstützen möchten. Auch eine bessere Vater-Kind-Beziehung spielt eine Rolle. Die Väter wollen Familienaufgaben übernehmen, ohne dieses Interesse mit beruflichen Nachteilen zu bezahlen. Vielmehr erwarten sie, dass es im Betrieb die Möglichkeit geben muss, Fürsorgeaufgaben in der Familie parallel zum Beruf zu übernehmen.
Was arbeiten diese Väter?
In allen möglichen Berufen und Branchen – das Spektrum reicht vom Stahlarbeiter bis zum Professor.
Wie reagieren die Unternehmen auf den Elternzeit-Wunsch?
Der von vielen befürchtete Karriereeinbruch tritt nur sehr selten ein.
Welche Schwierigkeiten haben Führungskräfte zu meistern?
Allgemein heißt es, die Vereinbarkeit sei umso schwieriger zu gestalten, je höher ein Beschäftigter in der betrieblichen Hierarchie steht. Dies gilt so pauschal für die Elterngeldmonate nicht.
Wie gelingt der Wiedereinstieg?
Meistens klappt der problemlos. Allerdings haben wir noch keine Erfahrungswerte: Drei Viertel der männlichen Elterngeldbezieher steigen nur für wenige Monate aus dem Arbeitsleben aus.
Interview: Kirsten Niemann
Ausbildung & Weiterbildung, Familie & Beruf, Arbeitsrecht & Gehalt