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14. August 2012

Jobangst: Angst vorm Arbeitsplatz

 Von Andrea Frey
Magendrücken vorm Meeting? Manchmal steigert sich das zur Jobangst. Foto: Fotolia

Manche Berufstätige denken mit Grausen ans Büro. Das kann sich zur ernsten Krankheit auswachsen. An der Berliner Charité wird sie erforscht - und therapiert.

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Bammel vorm Büro

Angst-Arten
Die Jobangst-Forscher von der Charité unterscheiden
bei der Jobangst nach Panik und
Phobien, sozialen und generalisierten
Ängsten sowie posttraumatischen Belastungsstörungen,
die jeweils konkret auf den
Arbeitsplatz bezogen sind. Die Jobangst
äußert sich zum Beispiel in Vermeidungsverhalten,
Bedrohungs- und Beeinträchtigungsüberzeugungen,
der Tendenz zur
Hypochondrie, verschiedenen körperlichen
Symptomen, Veränderungs- sowie Existenzängsten.
Mehr dazu sowie der Kontakt zur
Forschergruppe Psychosomatische Rehabilitation
(FPR) ist im Internet zu finden.
www.charite.de/fpr/arbeitsplatz_angst.htm


Gesundheitsreport
Im vergangenen Jahr sind psychische
Erkrankungen mit einem Anteil von
13,6 Prozent an allen Arbeitsausfalltagen
auf Platz drei vorgerückt. Vor 15 Jahren
machten sie lediglich 6,6 Prozent aller Fehltage
aus und lagen auf Rang sechs. Inzwischen
sind jedoch nur noch Muskel-Skelett-
Erkrankungen (21,3 Prozent) und Atemwegsinfektionen
(16,8 Prozent) verbreiteter
als die seelischen Leiden. Verletzungen
folgen jetzt mit 13,1 Prozent an vierter
Stelle. „Die Zahlen zeigen, dass der
Handlungs bedarf für Betriebe bei Arbeitsorganisation
und Prävention wächst“, sagt
Herbert Reb scher, Chef der DAK-Gesundheit.
Stress und beschleunigte Arbeitsprozesse
gelten als Risikofaktoren für psychische
Erkrankungen. Den aktuellen „Gesundheitsreport“
kann man downloaden.
www.dak.de/content/filesopen/
Gesundheitsreport_2012.pdf

Juliane Berger (Name geändert) konnte nur noch mit Grausen ans Klassenzimmer denken. Die Grundschullehrerin hatte ihren Job immer gemocht, das Unterrichten und den Umgang mit Jugendlichen lange genossen. Nach einer mehrmonatigen Krankschreibung änderte sich das jedoch schlagartig. Juliane Berger hatte auf einmal Angst vor der Arbeit. Sie plagte sich mit dem Gefühl, dem Joballtag nicht gewachsen zu sein, und reagierte mit körperlichen Beschwerden auf die beruflichen Belastungen.

Wie Juliane Berger geht es zwei Dritteln der Patienten in der psychosomatischen Rehabilitation: Sie leiden an Arbeits-Angst. Das Krankheitsbild wird an der Charité in Berlin erforscht und therapiert. Der dort durchgeführten Studie zufolge leiden 67 Prozent der Menschen, die wegen psychosomatischer Beschwerden behandelt werden, daran. Der Bammel vorm Büro tritt altersunabhängig auf, betrifft aber Frauen (71 Prozent) deutlich stärker als Männer (54 Prozent).

„Die Vorstellung, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, löst bei den Betroffenen Herzrasen, Zittern und Panikgefühle aus“, beschreibt Beate Muschalla, Psychologin vom Rehabilitationszentrum Seehof, das sich auf die Behandlung arbeitsplatzbezogener Gesundheitsprobleme spezialisiert hat, die Symptomatik. Gemeinsam mit Michael Linden, dem Leiter der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation (FPR) an der Charité, geht sie dieser speziellen Störung auf den Grund, sucht nach Möglichkeiten der Diagnose und Behandlung.

Rückkehr an den Arbeitsplatz wird vermieden

Das Grauen vorm Büro – das kennen in harmloser Form viele Berufstätige: Sonntags abends wünscht man sich eine Verlängerung des Wochenendes, weil am Montag eine schwierige Präsentation ansteht, oder man sieht einem Meeting mit Magenschmerzen entgegen. Die meisten überwinden das schnell. Doch wann wird aus solchen Sorgen eine ernst zu nehmende Krankheit? „Die Betroffenen haben nicht einfach nur Ängste, sondern handfeste, auf den Arbeitsplatz bezogene Phobien. Sie führen dazu, dass sie die Rückkehr an den bisherigen Arbeitsplatz mit allen Mitteln vermeiden wollen – und zugleich darunter leiden“, erklärt Muschalla.

Arbeitsangst ist eine von mehreren psychischen Erkrankungen, die zu längeren Episoden der Dienstunfähigkeit, nicht selten auch zur Frühverrentung führen kann. Das belegen Zahlen der neuesten Gesundheitsstudie der DAK: Nicht nur, dass der Krankenstand 2011 mit 3,6 Prozent auf den höchsten Stand seit 15 Jahren anstieg, der Anteil psychischer Erkrankungen an Arbeitsausfällen ist zudem von 12,1 auf 13,4 Prozent angewachsen. Der Anteil seelischer Erkrankungen am Krankenstand hat sich somit in den zurückliegenden 15 Jahren verdoppelt. „Die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung bei psychischen Leiden liegt bei rund 30 Tagen. Ein Monat Arbeitsausfall ist ein betriebswirtschaftliches Risiko“, sagt Herbert Rebscher, Chef der DAK-Gesundheit.

Ein noch größeres ökonomisches Risiko ist es allerdings, wenn – wie bei den Arbeitsplatzängsten nicht unwahrscheinlich – die Rückkehr in den Beruf gänzlich misslingt. Dann droht die Frühverrentung. Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind dafür eine der Hauptursachen, das belegen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV). 2010 etwa traten 71.000 Arbeitnehmer aus diesem Grund den Ruhestand an, bevor sie die Altersgrenze von 65 Jahren erreichten. Im Jahr 2009 waren es 64.00 Arbeitnehmer, die vorzeitig aus dem Berufsleben ausschieden. Der Anteil der Frührentner, die seelische Leiden arbeitsunfähig machten, liegt somit bei 40 Prozent der insgesamt 180.000 Fälle verminderter Erwerbsfähigkeit.

Der Schritt zurück kann gelingen

Einerseits nimmt also die Zahl der psychischen Erkrankungen zu, andererseits verlängert sich die Lebensarbeitszeit. Es ist umso wichtiger die eigene Arbeits- und Leistungsfähigkeit möglichst lange zu bewahren – oder zurückzugewinnen. Doch wie kann das gelingen, wenn der Schritt zurück in den Betrieb beinahe unmöglich scheint? Zu Beginn ist es wichtig, das Krankheitsbild von anderen Formen der Angststörung abzugrenzen: „Ob eine Arbeits-Angst vorliegt oder die Angst andere Auslöser hat, muss genau diagnostiziert werden“, so Muschalla.

Zur Unterstützung der Diagnostik kann ein an der Charité ein eigens entwickelter Fragebogen, die Job-Angst-Skala, verwendet werden. Er hilft, den beruflichen Belastungen auf die Spur zu kommen, listet Situationen und Gefühle auf, die häufig im Zusammenhang mit Arbeitsplatzängsten auftreten. Muschalla hat inzwischen die Beschwerden von mehreren Hundert Patienten untersucht. Es stellte sich heraus, dass die Angst vorm Arbeitsplatz meist in bestimmten Situationen auftritt, zum Beispiel bei der wöchentlichen Dienstbesprechung oder bei der Zusammenarbeit mit bestimmten Kollegen. Sie kann aber, wie bei Juliane Berger, auch in dem Gefühl zum Ausdruck kommen, dem Berufsalltag nicht mehr gewachsen zu sein.

Inzwischen hat Juliane Berger ihre Arbeits-Angst gebannt. Solche Erfolge sind im Seehof keine Seltenheit: „Nach einer aktuellen Erhebung, die wir kürzlich erstellt haben, kehren etwa zwei Drittel unserer Patienten wieder an einen Arbeitsplatz zurück. Die Arbeits-Angst muss also nicht zwangsläufig zu einer längeren Arbeitsunfähigkeit führen“, sagt Muschalla.

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