Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Karriere
Infos zu Jobs, Berufseinstieg, Gehalt, Elternzeit und Weiterbildung sowie Tipps zum Thema Bewerbung, Lebenslauf, Studium und Ausbildung

27. Mai 2015

Potenzial für die Wirtschaft: Flüchtlinge wollen nicht Däumchen drehen

 Von 
Deutschkurs für Flüchtlinge: Der Zugang zu Arbeit ist für Asylsuchende von großer Bedeutung.  Foto: dpa

Demografischer Wandel, Fachkräftemagel – Probleme, die wir mit einer echten Willkommenskultur, Sprachkursen und Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge lösen können. Schon jetzt helfen viele Bürger, wo es geht. Aber in der Politik muss ein Umdenken stattfinden.

Drucken per Mail

Echte Unternehmer: Der Aufbruch zu neuen Ufern ist für sie Programm. Mutig packen sie an, wo andere nur klagen. Und: Eigeninitiative und Durchhaltevermögen zeichnen sie aus. Denn sie brennen für ihre Ziele und stehen schnell wieder auf, wenn Knüppel zwischen ihre Füße fliegen. So haben sie auch lange Durststrecken überwunden, immerhin mussten viele die Hitze der Sahara überleben. Sie sind echte Unternehmer, die ihr Leben in die Hand nehmen – wertvoll für die deutsche Wirtschaft.

Doch große Teile der Öffentlichkeit verkennen das Potenzial dieser tatkräftigen Menschen, die vor Not und Unterdrückung nach Deutschland fliehen. Dabei sagte schon der Schweizer Unternehmer Branco Weiss: „Der Unternehmer sieht Chancen, die andere nicht sehen. Er überwindet die Angst vor dem Neuen.“ Auch Johann Wolfgang von Goethe stellte vor rund 200 Jahren fest: „Erfolgreich zu sein, setzt zwei Dinge voraus: Klare Ziele und den brennenden Wunsch, sie zu erreichen.“

Ein „klares Ziel“ sollte immer der Arbeitsmarkt sein: Wer für sich selbst sorgt, integriert sich leichter in der neuen Heimat. Vor dieser Ziellinie stellt aber der Gesetzgeber einige Hürden auf, die seit November 2014 etwas niedriger geworden sind. Trotzdem bringen sie immer noch Flüchtlinge zum Straucheln. So verkürzt zwar ein neues Gesetz das generelle Arbeitsverbot von neun auf drei Monate. Aber eine wesentliche Einschränkung bleibt erhalten: der „nachrangige Arbeitsmarktzugang“, wie die offizielle Bezeichnung lautet.

Flüchtlinge nehmen in Germersheim (Rheinland-Pfalz) in der Universität an einem deutschen Sprachkurs der Studenteninitiative „Crossborders“ teil.  Foto: dpa

Genauer heißt das: „Nach wie vor muss für eine konkrete Beschäftigung eine Erlaubnis bei der Ausländerbehörde beantragt werden“, schreibt der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg. Diese Behörden haben darauf die „Zustimmung durch die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit“ einzuholen.

Wie komplex dieses Verfahren ist, zeigt der ausführliche Beitrag auf der Website des Flüchtlingsrats: An dieser Stelle soll es nur um die „Vorrangprüfung“ gehen, die bis zu einer Dauer des Aufenthalts von 15 Monaten vorgeschrieben ist. Sie gehört zu den „Zustimmungsvoraussetzungen“, wie sie die Bundesagentur für Arbeit in einem Merkblatt schildert („Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland“).

Die Agenturen haben vor Ort zu prüfen, ob „bevorrechtigte Bewerber zur Verfügung stehen“. Dazu zählen neben deutschen Arbeitnehmern:

- Staatsangehörige aus EU-Staaten

- Staatsangehörige aus EFTA-Staaten (Schweiz, Island, Liechtenstein und Norwegen)

- Rechtlich gleichgestellte Arbeitnehmer (Andorra, Australien, Israel, Japan, Kanada, Monaco, Neuseeland, Südkorea, San Marino oder USA)

Konsequenz: Ein Flüchtling will nicht mehr Däumchen drehen und sucht sich nach drei Monaten einen Job (Eigeninitiative!). Völlig sinnlos, sobald die Arbeitsagentur einen „bevorrechtigten Bewerber“ findet, nachdem sich der potenzielle Arbeitgeber des Flüchtlings gemeldet hat. Er hat nämlich die Vorrangprüfung“ anzustoßen: „Dafür ist ein detailliertes Stellenangebot, das insbesondere Auskünfte zu den vorgesehenen Beschäftigungsbedingungen gibt, rechtzeitig der Agentur für Arbeit zu unterbreiten“, heißt es in dem Merkblatt.

Es fehlt noch immer an Geld für Integrationsprogramme, Sprachkurse und sonstige Hilfen.  Foto: dpa

Es sei denn, bestimmte Ausnahmen liegen vor: Der Flüchtling will eine staatlich anerkannte Berufsausbildung aufnehmen; hochqualifiziert als Führungskraft oder Wissenschaftler arbeiten oder einen Freiwilligendienst absolvieren. Bestimmte Praktika sind ebenfalls zulässig – und die Vorrangprüfung“ fällt genauso weg, wenn sich der Flüchtling vier Jahre ununterbrochen in Deutschland aufgehalten hat.

Wer aber kommt durch dieses Nadelöhr? Wenn die Deutsch-Kenntnisse der Flüchtlinge in der Regel bei Null liegen? Sprachbarrieren seien „oftmals die größte Hürde“, stellt die Bundesagentur für Arbeit fest, „die Sprache ist die Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt.“

Bundesregierung kürzt bei Sprachkursen

Eigentlich müsste die Bundesregierung mehr von diesen Eintrittskarten verteilen, angesichts stark steigender Flüchtlingszahlen – doch Merkel und Co. machen genau das Gegenteil. Ein echter Missstand: Zunächst reduzierte die Europäische Kommission die Gelder aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF), die Deutschland zufließen. Dann kürzte die Bundesregierung ihr ESF-Budget für Sprachkurse um 130 Millionen Euro.

2015 bis 2017 gibt es nur 180 statt 310 Millionen Euro, um Deutsch-Unterricht für Ausländer zu finanzieren – „ohne dass es bislang einen Ersatz aus nationalen Mitteln gibt“, wie die Süddeutsche Zeitung im April 2015 schreibt, „Geld für sogenannte ‚Vorschaltkurse‘, der erste Schritt auf dem Weg zu Deutsch-Kenntnissen bis zur Stufe A1, ist aus diesem Topf deshalb keines mehr da.“

Stattdessen plane die Bundesregierung, die ESF-Mittel gezielt zur Förderung berufsbezogener Sprachkenntnisse auszugeben, wenn Menschen bereits Grundlagen der deutschen Sprache mitbringen. Die Folge: Wer dem Sprachkontrolleur schon eine „Eintrittskarte“ zeigen kann, wird gefördert – alle übrigen Flüchtlinge bleiben auf der Strecke, wahrscheinlich die große Mehrzahl.

Sprache ist der Schlüssel zur Integration, doch hier hat die Bundesregierung den Rotstift angesetzt.  Foto: dpa

Ein weiteres „erhebliches Manko“ kritisiert der Flüchtlingsrat: Die Bundesregierung schließe Flüchtlinge „von der Teilnahme an den regulären Integrationskursen“ aus: „Auf diesem Wege wird eine frühzeitige Teilhabe, für die Sprache ein entscheidender Faktor ist, erschwert.“ Zwar habe die neue Gesetzgebung für Flüchtlinge die Chance verbessert, „Arbeit zu finden, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu können und damit von staatlichen Transferleistungen unabhängig zu werden.“

Aber: „Tatsächlich wird eine größere Teilhabe und Integration in den Arbeitsmarkt nur dann gelingen, wenn gleichzeitig auch die Möglichkeiten der Sprachförderung früher ansetzen und verbessert werden“, so der Flüchtlingsrat. Ziel müsse es sein, aufeinander aufbauende Angebote zu entwickeln, um Flüchtlinge früh beim Spracherwerb zu fördern.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

1 von 3
Nächste Seite »

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Ausbildung & Weiterbildung, Familie & Beruf, Arbeitsrecht & Gehalt


Top Stellenangebote

Anzeige

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen