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16. November 2012

Sozialere Unternehmen: Solidarität statt Gier

 Von Ingo Leipner
Weiniger Gier dafür mehr Solidarität. Eine Initiative will Unternehmen dazu bewegen, Egoismus und Konkurrenz zu überwinden Foto: dpa

Die Initiative „Kulturwechsel“ will Unternehmen bewegen, Egoismus und Konkurrenz zu überwinden

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„Profit ist eine angenehme Begleiterscheinung“, sagt Achim Kopp aus dem hessischen Lindenfels, „niemals darf er zum Unternehmensziel werden.“ Worte eines naiven Idealisten? Ganz und gar nicht, denn Kopp ist Geschäftsführer der „Kopp Schleiftechnik GmbH“. Sein Familienunternehmen ist mit 36 Mitarbeitern Hersteller und Servicebetrieb für hochpräzise Zerspanungswerkzeuge. Der geplante Umsatz beträgt in diesem Jahr ca. sechs Millionen Euro.

Für Christian Unrath hat der Unternehmer die Zeichen der Zeit erkannt. Der erfahrene Unternehmensberater und Motivations-Coach ist sich sicher: „Gewinnmaximierung und Konkurrenzkampf fördern ein egoistisch-rücksichtloses Verhalten, das den sozialen und ökologischen Frieden gefährdet.“ In den vielen Krisen der Gegenwart seien ganz andere Werte gefragt: Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation und Solidarität. Unrath: „Wissenschaftler haben gezeigt, dass ein solcher Anreizrahmen Menschen stärker motiviert als Konkurrenz und Egoismus.“

Diese Erkenntnis setzt der Unternehmensberater mit zwei Kollegen in die Tat um: Sie haben die Initiative „Kulturwechsel“ ins Leben gerufen, um ein europaweites Forum zu schaffen, das sich mit Fragen der Unternehmenskultur beschäftigt. Dabei arbeitet Unrath an einem breiten Angebot für die Öffentlichkeit (Informationen, Tagungen, Trainings oder Beratungsmöglichkeiten). Seine Initiative informiert, berät und begleitet Unternehmen, die Ihre Organisation zukunftsfähig machen wollen.

86 Prozent der Arbeitnehmer haben innerlich gekündigt oder machen „Dienst nach Vorschrift“

„Dieser Kulturwechsel liegt in der Luft“, sagt Unrath und nennt Zahlen aus dem „Gallup Engagement Index“: 2001 empfanden 15 Prozent der Beschäftigten gar keine Bindung an ihren Arbeitsplatz. Diese Gruppe hat innerlich gekündigt, und ihr Anteil ist bis 2011 auf 23 Prozent gestiegen, was einem Zuwachs von 53 Prozent entspricht. Gallup hat auch die Gruppe der Arbeitnehmer ermittelt, die eine geringe Bindung zu ihrem Unternehmen haben. 2011 waren das 63 Prozent, was in der Summe bedeutet: 86 Prozent aller Mitarbeiter haben innerlich gekündigt oder machen nur „Dienst nach Vorschrift“. Dabei schätzt Gallup den volkswirtschaftlichen Schaden auf über 122 Milliarden Euro. „Das sind erschreckende Zahlen“, so der Unternehmensberater, „weil die emotionale Bindung der Mitarbeiter von zentraler Bedeutung für den Erfolg eines Unternehmens ist.“

Das hat auch Achim Kopp erkannt. Er hat in seinem Betrieb viele Maßnahmen ergriffen, um eine „partnerschaftliche Unternehmenskultur“ zu entwickeln. So will der Geschäftsführer „Mitdenker“ gewinnen. Er hat bereits viele Verbesserungsvorschläge aus der Belegschaft umgesetzt, eine offene Kommunikation ist die Grundlage: Besprechungen mit den Mitarbeitern finden statt, es gibt Schulungen und Workshops. Regelmäßig erscheint eine Mitarbeiterzeitung, Infotafeln, Intranet und die Website des Unternehmens informieren über aktuelle Entwicklungen. Ebenfalls wichtig: Kopp ist häufig in der Fertigung unterwegs – und ein ständiger Ansprechpartner seiner Mitarbeiter. Für dieses Engagement hat ihm 2011 die „Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft“ (AGP) einen Preis verliehen: die „4 AGP Sterne“, eine Auszeichnung für „partnerschaftliche Unternehmenskultur“.

Beste Leistungen entstehen ohne Konkurrenzkampf

Doch der Weg ist weit zu dieser neuen Kultur in der Wirtschaft. Die „BundesPsychotherapeutenKammer“ (BPtK) stellt 2012 in einer Studie zur Arbeitsunfähigkeit fest: Die Zahl der Krankschreibungen wegen Burnout ist seit 2004 um 700 Prozent gestiegen, und die Zahl der betrieblichen Fehltage um fast 1.400 Prozent!

Diesem Trend will sich Unrath entgegenstellen, weil er überzeugt ist: „Die besten Leistungen kommen nicht durch Konkurrenzkampf zustande, sondern weil Menschen von einer Sache überzeugt oder fasziniert sind.“ Dazu sei eine neue „Führungs- und Beziehungskultur“ in den Unternehmen nötig. Miteinander statt Gegeneinander, Solidarität statt Gier: Für diese Ideen will Unrath immer mehr Führungskräfte begeistern. Und wer weiß? Vielleicht wird diese (Noch-)Utopie in einer gewandelten Gesellschaft wahr - und Profit eine „angenehme Begleiterscheinung“.

Weitere Informationen: www.kulturwechsel.eu

Nächste Veranstaltung
Forum „Kulturwechsel in Unternehmen“
Mittwoch, 30. Januar 2013
10.00 Uhr bis 19.30 Uhr
Schloss Schwetzingen

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