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17. Januar 2013

Wirtschaft: Die 1-Cent Frage

 Von Ingo Leipner
Sind Konkurrenz und Egoismus wirklich entscheidend für die Wirtschaft? Der Wettbewerbsdruck scheint anzusteigen. 

Konkurrenz und Egoismus sind entscheidend für die Wirtschaft. Wirklich? Selbst ein Nobelpreisträger zweifelt an diesem Glaubenssatz.

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Der Wettbewerbsdruck treibt in der Wirtschaft bizarre Blüten. Davon kann Coach Sabine Gilliar ein Lied singen, der eine Controllerin erzählt hat: In ihrem Unternehmen sei es inzwischen üblich, bei E-Mails auf jede Höflichkeit zu verzichten. Da heißt es nicht mehr: „Hallo Frau A., für die nächste Sitzung brauche ich eine Aufstellung zum Thema X. Schaffen Sie das bis zu diesem Datum?“. Nein – kurz und knapp ist nur noch zu lesen: „Frau A. Bis Freitag die Aufstellung zum Thema X.“ Reine Formsache? Effizienz durch eingesparte Worte? Gilliar sieht das anders: „Wie fühlt sich ein Mensch, der nur solche E-Mails bekommt?“ In ihren Augen geht auf diese Weise etwas sehr Wichtiges verloren - die Wertschätzung für Mitarbeiter. „Das hat fatale Folgen: Wer sich in seiner Persönlichkeit nicht wahr und angenommen fühlt, wird nie hohe Leistungen erbringen und Loyalität gegenüber seinem Unternehmen spüren“, so Gilliar, die sich für die Initiative „Kulturwechsel“ engagiert (siehe Kasten). Sie ist überzeugt: Immer mehr Menschen wollen aus dem Hamsterrad ausbrechen, das sich in der modernen Wirtschaft ständig schneller dreht – getrieben vom Existenzkampf der Unternehmen, die im globalen Wettbewerb stehen.

"Kulturwechsel"

In der Initiative „Kulturwechsel“ arbeiten Führungskräfte, Berater, Trainer und Wissenschaftler zusammen. Mit ihren Informations-, Tagungs-, Trainings- und Beratungsangeboten will die Initiative dazu beitragen, dass es zu einem optimalen Zusammenspiel von Unternehmen, Führungskräften, Mitarbeitern sowie Lieferanten und Kunden kommt. Weitere Themen: Wertewandel, Persönliche und soziale Kompetenz, kooperative Führung sowie Talent- und Gesundheitsmanagement.

Die erste öffentliche Veranstaltung: „Miteinander zum Erfolg – in 7 Schritten zu einer partnerschaftlichen Unternehmenskultur“. Der Geschäftsführer der „Kopp-Schleiftechnik GmbH“, Achim Kopp, berichtet über seinen preisgekrönten Führungsstil. Termin: Donnerstag, 11. April 2013, 17.45 bis 21 Uhr. Ort: „Carpe Diem“, Bensheim (http://www.carpediem-amteich.de) Anmeldung bis zum 01.04.2013 per E-Mail: info@kulturwechsel.eu

Die Initiative Kulturwechsel ist eine junge Initiative und braucht Ihre Unterstützung. Dies kann in vielfältiger Form geschehen. Informationen, wie Sie sich aktiv an der Initiative beteiligen können, erhalten Sie hier: www.kulturwechsel.de oder beim Gründer der Initiative, Christian Unrath, Telefon 06201/29 34 64.

Heilige Kühe der Marktwirtschaft

Wettbewerb, Konkurrenz, Egoismus – so heißen die heiligen Kühe der freien Marktwirtschaft. Sie grasen schon lange auf den Weiden der westlichen Welt. Ihre Bedeutung wird kaum hinterfragt, für viele Ökonomen bilden sie das ethische Paradigma des Kapitalismus. Das geht bei Adam Smith los, dem theoretischen Gründungsvater der Marktwirtschaft. 1776 erschien sein wichtigstes, ökonomisches Werk: „Wohlstand der Nationen“. Da heißt es klipp und klar: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“ Auf diese Weise wurde der Egoismus zur anthropologischen Grundkonstanten erklärt – und zum Fundament eines Wirtschaftssystems, das Wohlstand in erster Linie durch Konkurrenz erreichen will. So argumentiert auch Adam Smith mit seinem Konzept der „unsichtbaren Hand“: Wenn jedes Wirtschaftssubjekt sein Kapital so einsetzt, dass ein „höchster Wertzuwachs“ zu erwarten ist, dann wird auch das Volkseinkommen „im Jahr so groß wie möglich werden.“ Dabei wird der einzelne Mensch „von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat.“ Das erhoffte Resultat: allgemeine Wohlfahrt als nicht-intendierte Nebenfolge egoistischen Handels. Daran glaubten Generationen von Ökonomen, die später versuchten, dieses Gedankengebäude theoretisch zu untermauern - mit komplexen Modellen aus der Mathematik. Herauskam die Kunstfigur des „homo oeconomicus“: ein stets rational agierendes Wesen, das seinen persönlichen Nutzen oder Profit maximiert.

Umsatzdruck und Arbeitsverdichtung

Dieses Denken in der ökonomischen Wissenschaft hinterlässt Spuren, wie Sabine Gilliar feststellt: „Sozialkompetenz ist auf der Karriereleiter häufig weniger gefragt als Umsatzstärke.“ Ständig steigende Umsätze würden mit „unternehmerischem Denken“ gleichgesetzt. Eine Fähigkeit, die viele Stellenanzeigen bei hohen Positionen fordern. In Gilliars Augen scheitern so viele Versuche einer neuen Unternehmenskultur, weil in den oberen Etagen die egoistische Haltung des „homo oeconomicus“ dominiert. „Durch Umsatzdruck und Arbeitsverdichtung werden häufig die besten Vorsätze zunichte gemacht“, so Gilliar, „es ändert sich nichts, wenn Führungskräfte und Mitarbeiter permanent unter Druck stehen.“ Doch die Tage des „homo oeconomicus“ könnten gezählt sein, wenn es nach Christian Felber geht. Der freie Publizist ist u. a. Dozent an der „Wirtschaftsuniversität Wien“ und schreibt in seinem Buch „GemeinwohlÖkonomie“: Der „Werte-Widerspruch zwischen der Wirtschaft und der Gesellschaft“ ist aufzuheben, „indem in der Wirtschaft dieselben Verhaltensweisen und Werte belohnt und gefördert werden sollen, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen gelingen lassen: Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen.“ Felber fordert, die Wirtschaftswissenschaften „aus den ideologischen Fängen des Sozialdarwinismus zu lösen, in denen der Mainstream immer noch gefangen ist.“ Der Autor ist auch Sprecher von „Attac Österreich“ und führt sozial- und naturwissenschaftliche Studien ins Feld, die zeigen: Egoismus und Konkurrenz sind nicht in den Genen des Menschen verankert. Vielmehr sei er ein empathisches und hilfsbereites Wesen, das zur Kooperation neigt – mit einem sehr ausgeprägten Empfinden für Gerechtigkeit. Eine Erkenntnis, der die experimentelle Ökonomie bereits auf die Spur gekommen ist. Einer ihrer Erfinder ist Prof. Reinhard Selten, der einzige deutsche Ökonom, der bislang den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten hat. Selten sprach mit der Zeitschrift „Institutional Money“ und sagte über das Menschenbild des „homo oeconomicus“: „In einem früheren Stadium der Wissenschaft war es vielleicht sehr vernünftig, von diesem Bild auszugehen, aber inzwischen muss man erkennen, dass dieses Bild nicht mehr tragfähig ist und durch ein anderes ersetzt werden muss.“

Fairness beim „Ultimatumspiel“

Seltens Argumentation: Wirtschaftstheoretische Modelle würden in der Regel voraussetzen, „dass die Menschen nur ihren eigenen materiellen Nutzen maximieren wollen.“ Seine Experimente haben aber ein ganz anderes Verhalten nachgewiesen. Der Wissenschaftler fand heraus, „dass es durchaus eine interaktive Motivation gibt, bei der Fairness, Vertrauen und Reziprozität eine sehr wichtige Rolle spielen.“ Zum Beispiel beim „Ultimatumspiel“: Zwei Spieler müssen sich über die Aufteilung von 10 Euro verständigen. Proband A entscheidet über die jeweiligen Beträge, Proband B kann nur zustimmen oder ablehnen. Würde Proband A wie ein „homo oeconomicus“ handeln, gibt er dem Mitspieler einen Cent – und behält den Rest. Das entspräche der gängigen Wirtschaftstheorie, und Proband B müsste aus rationalen Gründen den Vorschlag akzeptieren, da ein Cent mehr Kaufkraft bringt als gar kein Geld … Aber: In der Wirklichkeit lehnt Proband B meistens Summen ab, die unter 1,50 Euro liegen – egal, ob er dann nichts bekommt. Denn sein Gerechtigkeitsempfinden ist stark verletzt. Und: Proband A ist in der Regel bereit, mindestens 30 Prozent der Summe abzugeben, um eine annähernd gerechte Aufteilung zu erreichen. Vor diesem Hintergrund fordert Selten, „viele verankerte Denkmuster“ aufzulösen, „wie man sie in der Wissenschaft heutzutage noch vorfindet.“ Genau an diesem Punkt setzt Christian Felber an, der nicht bei einer Kritik am „homo oeconomicus“ stehen bleibt: „Der Anreizrahmen für die individuellen Wirtschaftsakteure muss umgepolt werden von Gewinnstreben und Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben und Kooperation.“

Rechtliche Vorteile durch Gemeinwohl-Punkte

Kernstück des neuen Denkens ist eine „Gemeinwohlbilanz“, die bei Unternehmen neben die Finanzbilanz treten soll. Denn: „Die Gemeinwohl-Ökonomie schafft weder die Finanzbilanz ab, noch verbietet sie privaten Unternehmen, Gewinne zu erzielen.“ Doch die „Gemeinwohlbilanz“ soll Auskunft geben, wie sich das wirtschaftliche Handeln auf die Gesellschaft auswirkt. Sie orientiert sich an den Werten: Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit sowie Demokratie, Mitbestimmung und Transparenz. Felber schlägt vor, diese Bilanz mit Punkten zu bewerten: „Je mehr Gemeinwohl-Punkte ein Unternehmen erzielt, desto mehr rechtliche Vorteile soll es genießen“. So ließe sich ein grundlegender Wertewandel in der Gesellschaft anstoßen. Das Projekt „Gemeinwohl-Ökonomie“ schwebt nicht im luftleeren Raum: 2011 erstellten 55 „Pionierunternehmen“ eine Gemeinwohlbilanz, 2012 wuchs die Zahl der Unternehmen auf über 300 – und mehr als 700 Unternehmen unterstützen bereits die Idee einer am Gemeinwohl orientierten Wirtschaft.

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