„Dann isset so“, sagt Adolf Sauerland in seinem breiten Ruhrdialekt, verschränkt die Arme vor der Brust und lächelt verschmitzt. Er sitzt in der Kreisgeschäftsstelle der Duisburger CDU, es geht um seine mögliche Abwahl und um die Unions-Kampagne dagegen. Sauerland lässt seine Worte kurz im Raum stehen, bevor er die Pointe hinterherschiebt: „Aber ich tue alles, damit et nich so is.“ Wieder dieses Lächeln, das an Jürgen von der Lippe erinnert.
Adolf Sauerland, 56, ist Oberbürgermeister von Duisburg und will das auch bleiben. Also plaudert er, macht Witzchen, ist demonstrativ guter Dinge. Eigentlich ein normales Verhalten im Wahlkampf. Wenn es ein normaler Wahlkampf wäre. Ist es aber nicht. Denn wenn am Sonntag, die 365 000 wahlberechtigten Duisburger entscheiden, ob sie diesen Oberbürgermeister behalten wollen, dann fällen sie auch ein moralisches Urteil über den Menschen Adolf Sauerland.
Schließlich ist der Grund der Abstimmung Sauerlands Verhalten nach der Loveparade-Katastrophe im Sommer vor anderthalb Jahren, als 21 Menschen umkamen und 500 schwere Verletzungen erlitten. Sauerland, der den Millionen-Umzug wegen der positiven Publicity unbedingt in seiner Stadt haben wollte, weigerte sich, die Verantwortung zu übernehmen. Er trat nicht zurück, er bat niemanden um Verzeihung und zeigte auch wenig Mitgefühl. Er nahm sich einfach einen Medienberater und machte weiter. Das löste Erstaunen und Entsetzen aus: Wieso geht der nicht? Was muss noch passieren? Wie kann ein Mensch so dickfellig sein?
Seitdem geht ein Riss durch die alte Stahl- und Arbeiterstadt Duisburg. Auf der einen Seite stehen Sauerland, seine CDU und ihre Anhänger, auf der anderen empörte Bürger und ein Abwahlbündnis, in dem sich SPD, Linke, Kirchenvertreter, Grüne, Gewerkschafter und Liberale zusammengetan haben.
Weißes Zelt des Neuanfangs
Jeden Donnerstag, jeden Freitag und jeden Samstag kann man den Riss sehen. Mitten in der Innenstadt. Dort, zwischen dem Büro der CDU und dem Lifesaver, einer gewaltigen quietschbunten Vogelfigur der Künstlerin Niki de Saint Phalle, steht ein großes weißes Zelt. Neben dem Zelt steht Gisela Dannehl, Rentnerin. Zwölf Jahre hat sie in der Stadtverwaltung gearbeitet, jetzt wirbt sie für die Abwahl Sauerlands. „Neuanfang für Duisburg“ heißt die Initiative, die den Abwahlversuch durch 80 000 Unterschriften in Gang gesetzt hat. Dessen Erfolg hängt jetzt davon ab, ob am Sonntag mindestens 91 478 Duisburger, ein Viertel aller Wahlberechtigten, abstimmen und sich gegen Sauerland entscheiden.
Eine hohe Hürde, das weiß auch Gisela Dannehl, aber „was nicht in Ordnung ist, ist nicht in Ordnung“. Dannehl ist eine nette ältere Dame, die in ihrer Freizeit Kindern vorliest. Sie hängt an ihrer Stadt und deshalb, so sagt sie, sei es ihr nicht egal, wie es weitergehe. „Der Oberbürgermeister lässt die Duisburger im Stich. So geht es nicht.“
Gisela Dannehl wohnt direkt am Ort der Katastrophe in Duisburg-Mitte. Als am Samstagnachmittag des 24. Juli 2010 Hunderttausende durch die Karl-Lehr-Straße ziehen, kann sie dem bunten, lärmenden Zug zusehen. Am späten Nachmittag hört sie nur noch Sirenen. Sie schaltet den Fernseher ein. Die Loveparade ist zur Katastrophe geworden. In den Unterführungen der Karl-Lehr-Straße stauen sich die Massen. Wer noch kann, flieht über eine Treppe.
„Schäbig im Stich gelassen“
„Mein Neffe war dabei“, erzählt Gisela Dannehl. Gruselige Szenen spielten sich damals ab: Menschen erstickten, wurden niedergetrampelt, zerquetscht – und ein paar hundert Meter entfernt ging die Party weiter, weil man im Fetenlärm nichts mitbekam. „Ich habe all diese verstörten jungen Leute gesehen“, sagt Dannehl. „Ich höre noch, wie sie schreien: Wir wollten doch nur feiern!“
Eineinhalb Jahre liegt das zurück und die Justiz versucht immer noch das Puzzle der Katastrophe zusammenzufügen. Sie ermittelt gegen elf Mitarbeiter der Stadtverwaltung, aber nicht gegen Sauerland. Vor Anfang 2013, so die Staatsanwaltschaft, werde es keine Ergebnisse geben.
Doch eines weiß man heute schon: Die Loveparade hätte niemals genehmigt werden dürfen. Dafür hat sich Sauerland vor einem Jahr entschuldigt, eigene Fehler wollte er aber nicht einräumen. Dabei soll er von den schweren Sicherheitsbedenken einiger Rathaus-Mitarbeiter gewusst haben. Schon als Duisburg über die Loveparade nur nachdachte, waren Ordnungsamt, Polizei und Feuerwehr strikt gegen die Massenveranstaltung auf dem durch Bahngleise und Autobahn abgeschnürten Gelände des alten Güterbahnhofs. Duisburg habe keinen passenden Platz für so viele Menschen, hieß es. Die Bedenken wurden verdrängt. Am Ende waren im Stadtrat alle dafür.
Kurz nach der Katastrophe war der Bürgermeister unerwünscht in der eigenen Stadt. Angeblich soll er eine Morddrohung erhalten haben. Er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, wenn er dennoch irgendwo auftauchte, hagelte es Buhrufe und Pfiffe. An der Gedenkfeier im Fußballstadion im Jahr nach dem Unglück nahm er nicht teil. Auch weil die Angehörigen der Toten ihn dort auf keinen Fall haben wollten.
Obwohl die Webseite der Stadt bis heute nicht mitteilt, wo der Rathauschef auftritt, hat sich die Stimmung mittlerweile ein wenig gedreht. Niemand kann sagen, ob die Abwahl gelingt. Viele Leute wollen nichts mehr von der Katastrophe hören. Und Sauerland mischt wieder einigermaßen munter mit im Stadtleben. Kürzlich, erzählt Dannehl, sei der OB bei einem Karnevalsverein gewesen und habe einen unfallfreien Umzug gewünscht. „Diese Wortwahl hat wieder eine Menge Leute aufgeregt.“ Er kann sagen, was er will. Fast immer ist es falsch.
An der Karl-Lehr-Straße hinter den Unterführungen ist ein kleiner Gedenkort entstanden. Natürlich aus dickem rostigem Stahl, von Thyssen-Lehrlingen gemacht. Geradlinig und solide ist die Skulptur, wie die Menschen, die hier leben. Eine mächtige Platte, davor 21 Stelen, die zur Seite kippen. Eine Buchenhecke umfasst das Mahnmal.
Jürgen Hagemann aus Duisburg-Rheinhausen hat mitentschieden darüber. Er ist 48, arbeitet in einem Unternehmen für Industriedichtungen. Seit dem Sommer 2010 ist er zusätzlich Gründer und Vorsitzender eines Vereins für Traumaopfer.
Seine 16-jährige Tochter Virginia war damals unter den Hunderttausenden auf der Loveparade, gemeinsam mit einer Freundin und deren Eltern. Irgendwann steckten alle in dem Menschenknäuel an der kleinen Treppe bei den Unterführungen fest. Virginia Hagemann fiel, geriet unter die Menge, erlitt schwere Quetschungen, verlor mehrfach das Bewusstsein. Aber, erzählt ihr Vater, sie hatte noch Glück, wurde herausgezogen.
Eine Woche Krankenhaus, danach Tage im Rollstuhl. „Sie hat sich halbwegs berappelt“, sagt er. Aber dann sei das Trauma aufgetreten. Schlaflosigkeit, Angstzustände. Mehrere Wochen in stationärer Behandlung. „Ausgeheilt ist das bis heute nicht.“
Sein Verein vertritt 90 Opfer oder Angehörige von Toten. Man hat sich Gerhart Baum, den früheren FDP-Innenminister, als Anwalt genommen. Es geht um Schmerzensgeld, um Versicherungsleistungen, um Leute, die nicht mehr arbeiten können. „Man hilft sich, wie man kann“, sagt Jürgen Hagemann.
Seite 2: Als das Loveparade-Denkmal enthüllt wurde, war Sauerland nicht da