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Katja Riemann
Katja Riemann im schrägen Interview wird zum Youtube-Hit - und spaltet Deutschland

22. März 2013

Interview mit Katja Riemann: "Ich tue was ich kann"

Katja Riemann 2007 vor der Benefiz-Gala "Cinema for Peace". Foto: dpa

Auch im FR-Archiv befindet sich ein Interview mit Katja Riemann, die mit ihrem heiß diskutierten Interview beim NDR in der Sendung "DAS!" mit Hinnerk Baumgarten so für Aufsehen sorgte. Wir dokumentieren unser Interview aus dem Jahre 2007, das viel über die Schauspielerin verrät.

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Frau Riemann, in Ihren Filmen spielen Sie meist Frauen, die emanzipiert sind, die ihren eigenen Weg gehen - diese Sehnsucht nach Selbstbestimmung verbindet man auch mit Ihnen.

Es freut mich, wenn ich so wahrgenommen werde.

Sie sagten einmal, Sie seien stark von der französischen Feministin und Schriftstellerin Benoîte Groult geprägt worden.

Es war eine große Ehre, dass ich diese Frau kennen lernen und mich mit ihr unterhalten durfte.

"Sie versucht nicht, weichgekochten Frauenbildern oder irgendwelchen Hera-Lind-Modellen zu folgen. Sie ist witzig, sie hat Stolz, sie hat Power" , schwärmte Grönemeyer mal von Ihnen.

Mensch, Herbert. Danke. Aber solche Aussagen sind immer eine Reduktion. Ich habe auch eine schwache Seite.

Karriere, Kind, Beziehungen, Trennungen - vor etwa zehn Jahren wirkten Sie wie eine Frau, die hart kämpfen muss, um sich zu behaupten. Ist das mittlerweile leichter geworden?

Es gibt eine Frage, die mir und meinen Kolleginnen immer wieder gestellt wird: Wie schaffen Sie das alles? Den Beruf als Schauspielerin und Musikerin, als Theaterfrau, alleinerziehende Mutter. Diese Frage wird Männern nie gestellt. Til Schweiger wird nicht gefragt: Wie schaffen Sie es, das alles in Einklang zu bringen? Seine Kinder leben ja auch nicht bei ihm. Es stört mich, dass Frauen meistens als Mütter, Männer aber selten als Väter wahrgenommen werden - und das 2007! Dabei sollte es normal sein, dass beide Eltern zu gleichen Teilen für das Kind sorgen. Damals, im Maxim-Gorki- Theater, waren wir zwölf Frauen. Den Probenplan machten wir nach den Terminen unserer Kinder. Den Sohn vom Karate abholen, die Tochter vom Balletttraining: Das hat funktioniert. Irgendwann musste ich lachen und sagte: "Stellt euch zwölf Männer vor, die ihre Proben nach den Kindern richten!"

Männer würden sich nicht so stark einschränken lassen?

Sie sind eitler. Sie fürchten, dass jemand einen seltsamen Eindruck bekommt, wenn sie sagen: Ich muss jetzt mein Kind von der Kita abholen. In einer Männergruppe wäre das uncool. Aber was heißt Coolness, wenn man essen kochen muss?

Bei den Vätern sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Nicht nur bei den Männern, auch bei uns Frauen. Wir müssen lernen: " Nein" zu sagen, und zwar ohne ein schlechtes Gewissen. Nicht immer: Ich schaffe das schon. Ich schaffe es eben auch oft nicht mehr, alles unter einen Hut zu bekommen.

In Ihrem neuen Film " Das wahre Leben" spielen Sie die berufstätige Mutter eines Jungen, der Bomben bastelt, der Mann verliert seinen Job, die Familie driftet auseinander. Was hat Sie an dieser Rolle interessiert?

Mich hat nicht nur meine Rolle interessiert, sondern die gesamte Handlung. Dass die Familie, genauer gesagt der Zerfall der Institution Familie, thematisiert wird. Es geht um diese Schwierigkeit, mit der Fassade zu leben, verschiedene Lebensentwürfe zu haben. Und auch um die Bedrohung, als Familie zu scheitern. Beide Ehepartner sind Anfang 40, also etwa in meinem Alter. Es wird eine Bildungsbürgerfamilie beschrieben, die scheinbar funktioniert. Und dann öffnet man die Tür und schaut: Wie sieht es dahinter aus?

Die Frau bleibt gelassen, als die Krise hereinbricht, der Mann scheint völlig hilflos. Entspricht das ihrer Lebenserfahrung?

Der Mann weiß plötzlich nicht mehr, wer er eigentlich ist. Weil er sich nur über die Arbeit definiert hat. Über seinen Status, also letztlich seine Potenz. Man sagt: Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt immer eine starke Frau. Und wenn sie auch erfolgreich sein will, dann wird es schwierig. Frauen leben wohl in einer Art Chaos.

Wie meinen Sie das?

Frauen kümmern sich meistens um die Kinder - und das bedeutet eine Menge Organisationsarbeit. Die bleibt zum größten Teil an den Frauen hängen, weil Kinder ihren Müttern emotional näher stehen als den Vätern. Das weiß ich aus eigener Erfahrung mit meiner Tochter Paula. Obwohl sie einen guten Vater hat. Frauen sind in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu regeln, weil sie müssen. Zum Beispiel mit dem Kind spielen, den Abwasch machen und gleichzeitig telefonieren.

Verfolgen Sie die aktuelle politische Debatte um die Rolle der Frau zwischen Job und Kinderbetreuung?

Natürlich nehme ich als Mutter Anteil daran. Aber ich halte sie für eine Scheindiskussion. In Wirklichkeit liegen die Probleme woanders. Deutschland fehlen die Kinder? Ich sehe, was in der Schule los ist, und meine Meinung ist ziemlich klar: Wir können die Kinder, die wir haben, noch nicht einmal richtig ausbilden. Wie soll das werden, wenn wir noch mehr kriegen?

Sie meinen, es werden so wenige Kinder geboren, weil die Bildungschancen so schlecht sind?

Nein, so meine ich das nicht. Aber das Bildungssystem wird den Ansprüchen der heutigen Kinder einfach nicht mehr gerecht. Es wurde im 19. Jahrhundert entwickelt. Heute gibt es 38 Fernsehprogramme, Computer, Handy, Globalisierung und Erderwärmung, ja, unsere Spezies ist bedroht! Vor diesem Hintergrund muss das Schulsystem für unsere Kinder im neuen Jahrtausend neu erfunden werden. Was könnten Lehrer besser machen? Ich glaube, dass Lehrer heutzutage überfordert sind. Sie haben Klassen mit 32 Kindern und schaffen es gerade mal, sich die Namen zu merken. Stellen Sie sich vor, die Klassen bestünden aus 12 Schülern und zwei Lehrer könnten sich kümmern, da würde ein völlig anderes Verhältnis entstehen, man könnte Kinder ganz anders fördern, viel individueller. Man könnte nicht nur Unterrichtsstoff, sondern auch Werte vermitteln.

Ist das nicht eher die Aufgabe der Familie?

Sicher haben Eltern eine Vorbildfunktion. Ob bewusst oder unbewusst, sie sind das Erste, was ein Kind sieht und imitiert. Das fängt mit der Sprache an. Was die Mama sagt, spricht man nach, sei es bayrisch oder chinesisch. Aber wenn Politiker wie Frau von der Leyen sagen: Eltern müssen ihre Kinder fördern, ist das leicht gesagt. Natürlich kann ich das. Aber in Neukölln zum Beispiel, im sozialen Brennpunkt von Berlin, wo ich fünf Jahre gewohnt habe, sprechen die Eltern nicht einmal deutsch. Wie sollen die ihre Kinder fördern? Da könnte Schule helfen.

Wie könnte das konkret aussehen?

Stellen Sie sich vor, Kinder gingen gern zur Schule. Weil sie gespannt sind, was heute nun wieder neues erzählt wird, weil das Lernen interessant ist, anstatt ermüdend.

Wäre die Ganztagsschule ein Modell?

Nein, glaube ich nicht. Nur dadurch, dass man länger am Tag zur Schule geht, ist das Lernen nicht zwangsläufig effektiver. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, wir könnten es uns wirklich leisten, in unsere Kinder zu investieren, damit sie eines Tages, im besten Falle, in die Welt investieren. Stellen Sie sich vor, es gäbe Unterrichtsfächer, die hießen: " Wie finde ich mich am Flughafen zurecht?" oder " Menschenrechte" . Was könnte man damit alles bewegen?

Aber Probleme wie die Gewalt an Schulen, würde man damit auch nicht lösen.

Das ist richtig, aber es gibt Modelle, die man an Schulen lehren könnte, um mit Gewalt anders umzugehen. Oliver Lück vom Anti-Gewalt-Zentrum in Berlin zum Beispiel hat ein Programm entwickelt, bei dem gewalttätige Jugendliche mit ihren Taten konfrontiert werden, man sich aber gleichzeitig auch um sie kümmert. Sein Modell funktioniert - aber es wird nicht genügend in diesem Bereich investiert. Traurig ist das.

Was kann ein Lehrer machen, wenn sich seine Schüler prügeln?

Wenn es Probleme gibt, muss man eben flexibel sein, den Mathe-Unterricht ausfallen lassen, sich zusammen setzen und reden: Was ist los? Was können wir in unserem Miteinander verbessern? Es geht doch darum, dass die Kinder lernen zu kommunizieren, den Zorn zu kanalisieren, sich zu entschuldigen, zu verzeihen, miteinander zu leben. So bildet sich eine Gesellschaft. Und das ist auch das Schwierige an der Demokratie. Es ist schwierig, eine Position zu finden, ein eigenes Statement. Man muss Freiheit ertragen können.

Frau Riemann, Sie arbeiten beim Film, als Musikerin, Theaterschauspielerin. Sie schreiben Bücher und engagieren sich außerdem für Unicef...

Ich bin bislang mit Unicef nach Moldawien, Rumänien, in den Kongo, Ruanda, Senegal gereist.

Was treibt Sie dorthin?

Ich bin neugierig, will begreifen, wie andere leben, will wissen, warum sind Menschen so wie sind? Womöglich hängt es auch mit meinem Sinn für Gerechtigkeit zusammen. Ich bin dankbar für diese Reisen und die Begegnungen, die ich machen durfte. Mit großartigen stillen Helden. Mit den Leuten, die im Feld arbeiten, auf der Straße, die jeden Tag im Krankenhaus helfen oder im " Open House" ... ...einer Einrichtung für Straßenkinder... Die Kinder bekommen dort etwas zu essen und Unterricht. Zuletzt habe ich das im Ostkongo gesehen. Es gibt dort eine Schneiderei, in der die Mädchen lernen zu nähen und die Jungs Autos zu reparieren, es gibt eine Tischlerei, eine Mahlmaschine, mit der sie ihr Korn mahlen. Und hier lernen sie, sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Es engagieren sich so viele Stars für Entwicklungsländer - was können Sie überhaupt damit erreichen?

Es beginnt mit einem Gedanken, den ich vielleicht ein paar Leuten näher bringen kann: Bewusst machen, dass es den Kongo überhaupt gibt, dass dort Menschen leben, die jeden Tag ums Überleben kämpfen. Wir gehen an die Öffentlichkeit, in Universitäten und Schulen. Ich halte Vorträge, erzähle von meinen Reisen. Das ist eine kleine Öffentlichkeit, aber ich tue, was ich kann. Zuletzt war ich im Kindermuseum in Berlin und las aus der Autobiografie meiner Freundin Fadumo Korn aus Somalia. Darin thematisiert sie unter anderem ihre Beschneidung. Wie zum Beispiel das ehemalige Fotomodel Waris Dirie vor ihr, andere Frauen thematisieren ihre Zeit als Kindersoldatin.

Leidensgeschichten aus Afrika vermarkten sich gut.

Das klingt zynisch. Man muss unterscheiden zwischen echten Erlebnisberichten und romantisierendem Kitsch. Haben Sie mal "Die weiße Massai" gelesen? Bislang nicht. Dann lassen Sie es. Eine weiße Frau geht nach Kenia und führt dort den Kapitalismus ein, nach dem Motto: Jetzt verkaufe ich mal Zucker im Busch. Das Fernsehen liebt solche Geschichten, ähnliche Afrikabilder vermitteln aufwendige Fernsehmehrteiler wie zuletzt "Afrika, mon Amour" .

Schauen Sie sich so etwas an?

Ich verfolge das überhaupt nicht. Ich gucke ja gar kein Fernsehen Ich weiß das nur von Plakaten und das reicht mir schon. Diese neue Afrikaromantik reproduziert ein Klischee. Ich finde das gefährlich.

Sie sehen sich eher als Berichterstatterin?

Das ist mein Beruf: Geschichten zu erzählen. So simpel oder kindlich dieser Gedanke sein mag: Ich möchte nichts verkaufen. Ich tue es auch nicht für mein Image, sondern um den Leuten etwas nahezubringen. Ich zeige ihnen meine Bilder aus dem Senegal: Die von den Frauen, die durch die Dörfer ziehen und dazu auffordern, dass Mädchen nicht mehr beschnitten werden. Sie arbeiten bei der "Tostan" einer Organisation, die meine Freundin Molly Melching gegründet hat. Ich bin in den Dörfern gewesen, im Senegal und auch im Kongo.

Was haben Sie dort erlebt?

In Bukavu im Ostkongo habe ich "Halt Sida" besucht, eine Organisation, die AIDS-Aufklärung macht. Laienschauspieler stellen Szenen nach, um die Gefahr von HIV zu verdeutlichen: Wie ein Mann zu einer Hure geht, wie man sich schützt. Man kann dort Kondome kaufen und sie zeigen mit einem Holzphallus, wie man sie überzieht. Dann stellt sich einer in die Mitte und sagt: "Was geht uns Aids an? Wir haben nichts zu essen!" Dann sagt ein anderer: " Pass mal auf, wenn ihr Aids habt, dann sterbt ihr und müsst euch um Essen auch nicht mehr kümmern." Die Leute fangen wirklich an, sich zu organisieren.

Können Schauspieler und Musiker Einfluss auf die Weltpolitik nehmen?

Das sieht Bob Geldof als seine Aufgabe. Er arbeitet politisch, nicht wie ich auf der Menschenrechtsbasis. Er setzt Politiker unter Druck, mit diesem gigantischen Apparat, den er hinter sich hat. Er kann damit viel Geld akquirieren, das an Hilfsorganisationen geht. Im Mai werde ich auf einer Konferenz in Berlin sein und mir anhören, was er zu sagen hat.

Könnten Sie sich vorstellen, sich stärker zu engagieren?

Ich könnte mir sogar vorstellen, beispielsweise eine Weile in den Senegal zu gehen, um für "Tostan" eine Zeit lang vor Ort zu sein und im Feld zu arbeiten. Ich will noch so viel lernen. Irgendwann, wenn meine Tochter aus dem Haus ist.

Ihre Tochter ist 13 Jahre alt, Sie leben seit neun Jahren mit ihr als alleinerziehende Mutter in Berlin. Haben Sie sich nie nach einer klassischen Familie gesehnt?

Man lebt in einem Haus zusammen, Vater, Mutter, Kind, Auto, Kühlschrank, meinen Sie das? Das ist doch auch wieder ein Klischee. Schließlich gibt es auch andere Formen von Familie.

Auf Ihrer Webseite steht: "Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie aber ist auf ihre eigene Art unglücklich."

Sagt Tolstoi.

Was macht Glück aus für Sie?

Ich habe gemerkt, je älter ich werde, umso weniger brauche ich, um glücklich zu sein. Ich bin froh, wenn man mir von außen nicht weh tut. Mein größtes Unglück ist Öffentlichkeit. Das ist natürlich blöd, als Schauspielerin. Ich bin glücklich, dass ich so tolle Menschen kenne. Meine Freunde, meine Kollegen, meine Familie. Sie begleiten mich.

Und verscheuchen die einsamen Momente?

Allein ist man sowieso. "Die Einsamkeit ist absolut" , hat Ingmar Bergman mal gesagt. Jeder Mensch ist einsam. Man muss es akzeptieren und begreifen, dass es dem anderen genauso geht. Wie wohltuend, dass man die Einsamkeit hin und wieder teilen kann.

Romy Schneider, die Sie verehren, hat mal bekannt: "Ich kann alles auf der Leinwand, aber nichts im Leben."

Dem würde ich mich nicht anschließen, weil ich ein paar Sachen in meinem Leben hingekriegt habe. Aber ich kann das Gefühl verstehen. Als Schauspielerin und Sängerin bin ich glücklich. Spielen ist eine unglaubliche Freiheit. Und ich bin glücklich, wenn die Sonne scheint.

Interview: Maxi Leinkauf (aus dem FR-Archiv vom 10.03.2007).

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