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Der Limburger Bischof Tebartz-van Elst steht in der Kritik: hohe, verschleierte Baukosten für die Bischofsresidenz und ein Meineid sind die Vorwürfe.

09. April 2014

Katholische Kirche: „Kirche wird schwulenfreundlicher“

 Von 
Joachim Valentin ist Kenner der katholischen Kirche und ein gefragter Diskutant.  Foto: Michael Schick

Joachim Valentin, Direktor des katholischen Zentrums Haus am Dom in Frankfurt, spricht im FR-Interview über homosexuelle Partnerschaft, Adoptionsrecht und eine menschenfeindliche Sexualmoral. Am Donnerstag, 10. April, diskutiert er mit anderen in Frankfurt über Regenbogenfamilien.

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Frankfurt. –  

Professor Valentin, die Äußerungen von Papst Franziskus und das Papier der evangelischen Kirche zum heutigen Familienbild zeugen von einem neuen Ton im Umgang mit Homosexuellen. Wird die Kirche schwulen- und lesbenfreundlicher?

Ja, das kann man so sagen. Wobei die evangelische Kirche der katholischen schon immer ein Stück voraus war. Immerhin hat aber auch die katholische Kirche 1986 ganz klar ein Diskriminierungsverbot für Homosexuelle ausgesprochen und die homosexuelle Veranlagung als natürlich gegeben anerkannt und sie eben nicht mehr als Krankheit definiert.

Da hat sich die Kirche also richtig einen Ruck gegeben.

Homosexualität ist ein Thema der Moderne. Auch die säkulare Öffentlichkeit hat sich schwergetan damit, den Paragrafen 175 abzuschaffen, der homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Das passierte in den 70er Jahren. Komplett abgeschafft wurde der Paragraf sogar erst 1994.

Der homosexuelle Vollzug aber, also gelebte Sexualität, ist nach katholischem Verständnis noch immer geächtet.

Das erscheint im konkreten Fall sicher menschenfeindlich, aber so ist schlicht die Lehre. Das Volk sieht das anders, es ist offen für Verhütung, die Zulassung Wiederverheirateter zur Kommunion, auch für homosexuelle Partnerschaften. Das hat die weltweite Umfrage gezeigt, die Papst Franziskus initiiert hat.

Die Autorin des Buchs „Regenbogenfamilien“, Katja Irle, spricht vom Adam-und-Eva-Prinzip und meint damit die Vorstellung, dass Familie nur mit Vater-Mutter-Kind wirklich Familie sein könne. Gibt es für die Kirche eine natürliche Grenze, was die Akzeptanz von homosexuellen Beziehungen angeht, sobald dort Kinder sind?

Die katholische Kirche sagt nicht, dass Kinder da nicht sein dürfen. Das gilt dort, wo ein Partner die Kinder aus einer heterosexuellen Beziehung mitbringt. Auch die Möglichkeit zur wechselseitigen Adoption steht nicht grundsätzlich infrage. Allerdings gibt es schon die starke Meinung, dass es für Kinder besser ist, mit Vater und Mutter aufzuwachsen.

Wie wird das begründet?

Die eigene sexuelle Identität von Kindern wird auch dadurch geprägt, dass sie sich vom einen Elternteil abstoßen und an das andere anschließen können. Das leuchtet mir auch ein. Zwei Eltern gleichen Geschlechts bedeuten da einfach weniger Möglichkeiten zur eigenen Entwicklung. Was das allgemeine Adoptionsrecht angeht, habe ich deshalb schon Bauchgrummeln. Und biologisch kommen Kinder nun mal in heterosexuellen Beziehungen zustande.

Die Zahl von Kindern, die mit alleinerziehenden Eltern leben, übersteigt die Zahl von Kindern aus Regenbogenfamilien bei weitem. Ist der fehlende Vater oder die fehlende Mutter bei gleichgeschlechtlichen Paaren wirklich ein relevantes Problem? Immerhin gibt es dort zwei Elternteile, die sich zum Wohl des Kindes Aufgaben teilen und Probleme miteinander besprechen können.

Ich will bestimmt nicht verschiedene Lebensformen gegeneinander ausspielen oder gar ein Ranking aufstellen, was die besten Modelle seien. Aber natürlich kann ein homosexuelles Paar in manchem entspannter unterwegs sein als Alleinerziehende.

Auch eine Bundesregierung, allen voran eine Kanzlerin Merkel, tut sich mit dem allgemeinen Adoptionsrecht für homosexuelle Paare schwer. Wie stark schlagen da christliche Traditionen und Vorstellungen in der Politik durch?

Wenn wir heute von christlichen Positionen zum Familienbild reden, dann reden wir historisch von einem Familienmodell des 19. Jahrhunderts. Die Kanzlerin ist Pfarrerstochter, und auch, wenn ich nicht in ihre Psyche schauen kann, denke ich doch, dass hier eine abendländische Prägung durchschlägt, und die ist christlich.

Sie haben selbst drei Kinder. Gehen die aus Ihrer väterlichen Perspektive betrachtet in eine Welt hinaus, die aufgrund der Vielzahl der Lebensmodelle zu wenig Orientierung bietet?

Wir haben unsere Kinder nicht besonders streng erzogen, die beiden Älteren leben seit vielen Jahren mit ihren Partnern. Ich erkenne dort ganz klar Werte wie Treue, Dauerhaftigkeit der Beziehung. Unsere Kinder und deren Freunde leben, soweit ich das überblicken kann, nicht wesentlich anders als meine Generation. Der Kulturbruch erfolgte 1968. Seitdem gibt es die Möglichkeit zu experimentieren, keiner muss den ersten Sexualpartner heiraten, das unverheiratete Zusammenleben ist akzeptiert.

Sind Sie froh, dass Ihre Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, die dieses Experimentieren billigt?

Auf jeden Fall. Die Sexualmoral des 19. Jahrhunderts hat die Menschen psychisch krank gemacht, hat Ehen erzwungen, die zumindest für die Frauen materiell und psychisch von großem Nachteil waren. Ich wünsche mir diese Zeit nicht zurück. Aber die Menschen sind noch immer auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wie man eine gelingende Partnerschaft lebt. Wenn Unfähigkeit, sich langfristig zu binden, und die Haltung, sich gegen Kinder zu entscheiden, die alten Normen komplett ablösen würden, fände ich das auch problematisch.

Ist die zu beobachtende Willkommenskultur der Kirchen gegenüber Homosexuellen eine lineare Entwicklung? Oder kommt mit einem neuen Papst vielleicht das Rollback, die Wende zurück?

Die Landschaft ist sowohl evangelisch als auch katholisch sehr amorph. Auf dem Feld der Geschlechtergerechtigkeit gibt es viele Grabenkämpfe. Da wird es noch lange eine Pluralität gerade auch unter den Christinnen und Christen geben, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Kirchen der Südhalbkugel sind in der Sozialethik zwar ‚links‘, in der Sexualethik aber ‚rechts‘. Wir haben in Afrika und Südamerika die schlimmsten Verfolgungen von Homosexuellen, oft unterstützt von katholischen Kräften bis hin zu Staatsoberhäuptern. Wenn diese Kirche des Südens den Ton angibt, ist zu erwarten, dass wir hier noch für lange Zeit zu keiner Liberalisierung des Partnerschaftsrechts kommen werden.

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