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Tebartz-van Elst
Der Limburger Bischof Tebartz-van Elst steht in der Kritik: hohe, verschleierte Baukosten für die Bischofsresidenz und ein Meineid sind die Vorwürfe.

26. März 2015

Tebartz-van Elst: „Rom muss den Bischof verklagen“

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Hat jetzt eine Aufgabe in Rom übernommen: der ehemalige Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.  Foto: Imago

Der ehemalige Bischof Tebartz-van Elst hat dem Bistum Limburg finanziell geschadet – dafür müsse er sich verantworten, sagt Weihbischof Manfred Grothe, der im Auftrag des Papstes das Bistum leitet. Einen Verabschiedung Tebartz-van Elst aus der Diözese hält er für wünschenswert.

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Seit 26. März 2014 leitet Manfred Grothe (75) im Auftrag des Papstes das Bistum Limburg. Seit dem Tag, an dem der Papst den Rücktritt des umstrittenen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst angenommen hat. Anlässlich dieses Jahrestags lud Grothe, Apostolischer Administrator in Limburg und Weihbischof in Paderborn, ein Dutzend Journalisten zum Frühstück in den Konradinerkeller des Bischofshauses ein – also jenes Baus, dessen Kosten unter Tebartz’ Bauherrenschaft ins schier Unermessliche stiegen. Wir haben das Gespräch aufgezeichnet.

Herr Weihbischof, was hat Sie am meisten erschreckt, als Sie vor einem Jahr nach Limburg kamen?
Es fällt mir nicht leicht, das zuzugeben. Aber es war die Erkenntnis, dass das Verhältnis zwischen Bischof, Bistumsleitung und vielen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gestört gewesen ist und von einem tiefen, tiefen Angstgefühl und Misstrauen geprägt war. Das kann man am allerwenigsten gebrauchen, wenn man mit den Menschen Seelsorge betreiben soll.

So sehr überrascht haben kann Sie das aber nicht. Es war ja offensichtlich, dass im Bistum etwas nicht funktionierte.
Wir merkten im Vorfeld wohl, dass es Kritik an der Bistumsleitung gab. Die tiefgehende Verunsicherung aber ist mir erst später offenbar geworden. In dieser Radikalität hätte ich das nicht erwartet.

Sondern?
Als ich kam, war ich der Meinung, dass meine Aufgabe im Wesentlichen darin bestünde, dafür zu sorgen, dass die Erkenntnisse aus dem Prüfbericht über den Bau des Bischofshauses aufgearbeitet und umgesetzt würden. Diese Arbeit ist nahezu abgeschlossen.

Spätestens durch den Brief und die Unterschriftenliste, die von den Frankfurter Katholiken kam, hätten Sie doch wissen können, was los ist. Da war von Angst, Zweifel und Misstrauen im Bistum die Rede, vom gestörten Verhältnis zwischen Bischof und Bistum. Das lag doch auf dem Tisch.
Die weitgehende Auffassung war, dass das als Kampagne gegen den Bischof von den Medien organisiert war. Die Hintergründe konnte man so nicht ahnen, die gehörten auch nicht zu meinem Bild von Kirche. Ich habe mir das nicht vorstellen können.

Wenn es nicht allein die Aufarbeitung der Mängelliste aus dem Prüfbericht war, was war dann Ihre Hauptaufgabe?
Wir merkten, dass es zu erheblichen Belastungen bei den Mitarbeitern gekommen ist in der Zeit von Bischof Tebartz-van Elst. Schwerpunkt der Arbeit war deshalb die Zuwendung zum Personal. Vorrangig ist, dass wir uns den Mitarbeitern zuwenden, das ist das wertvollste Kapital, das wir haben. Ich hoffe, dass wir da bald in die Normalität zurückfinden. Das war ein sehr intensiver Gesprächsprozess. Die Ergebnisse werden wir zusammentragen, haben sie einem externen Institut zur Auswertung überlassen. Wir wollen damit signalisieren, dass wir für unsere Arbeit Konsequenzen ziehen und uns daran messen lassen. Das ist nötig, wenn das Vertrauen wiederhergestellt werden soll, das in großen Teilen verloren gegangen war.

Mit wie vielen Menschen haben Sie gesprochen?
An der Hotline, die allen im Bistum offenstand, haben sich rund 100 Personen gemeldet. In den persönlichen Gesprächen haben ich und mein ständiger Vertreter Wolfgang Rönsch etwa 1000 Menschen erreicht.

Was haben Sie erreicht?
Wir haben ein sehr differenziertes Bild von dem gewonnen, was die Menschen bewegt. Es gibt viele Verletzungen und Kränkungen. Ich spüre bei Mitarbeitern auch immer noch eine Skepsis, wie ernst wir es mit dem Prozess der Versöhnung meinen und wie lange das hält. Um diese Skepsis abzubauen, genügt ein einzelnes Gespräch oft nicht. Wir haben aber innerhalb der Verwaltung eine Kultur schaffen können, die angstfrei eine Begegnung mit den Mitarbeitern ermöglicht. Es gibt innerhalb der Organe eine Gesprächskultur der Offenheit und Freiheit. Und wir haben als eine der ersten Diözesen das gesamte Vermögen des Bistums geordnet und transparent gemacht. Wir haben die Vermögensverhältnisse offengelegt. Ungeschönt und ungeschminkt. Das ist abgeschlossen.

Sie haben von Versöhnung gesprochen. Hängt es damit zusammen, dass man den Eindruck hat, dass es keine namhafte Kritik an Personen gibt, die Verantwortung hatten. Wie weit sind Sie entschlossen, Konsequenzen anzugehen?
Wir haben die Punkte mit dem Prüfbericht in einer Offenheit und Klarheit bekannt, wie es gar nicht offener geht. Da gibt es keine Zurückhaltung, das ist in der Welt, das kann man immer wieder nachlesen. Das war der erste Befreiungsschlag. Was die Umsetzung der Erkenntnisse angeht, sind wir ebenfalls konsequent, aber wir machen das nicht spektakulär.

Wird es eine Rehabilitierung von Mitarbeitern geben, die aus ihren Positionen und Ämtern gedrängt wurden?
Die Arbeitsverhältnisse sind in einem ordnungsgemäßen Prozess zu Ende geführt worden, dem beide Seiten am Ende zugestimmt haben. Dieser Prozess ist für mich abgeschlossen. Wenn ich an dieser Front irgendwelche Prozesse neu aufgreifen würde, wüsste ich nicht, wohin das führen würde.

Wie weit sehen Sie Bischof Tebartz-van Elst auch finanziell in der Verantwortung?
Der Bericht schließt auch ein, dass der Bischof nicht schuldlos ist. Wir haben das auch im Vatikan vorgetragen und gebeten, uns zu sagen, wie wir uns dem Bischof gegenüber verhalten sollen. Das Bistum selbst hat keine Möglichkeit, den Bischof zu verklagen, das muss Rom machen. Es geht dabei um das kirchliche Strafrecht. Es wurden ja zahlreiche Sachverhalte sehr lange von der Staatsanwaltschaft geprüft und an uns zurückgegeben mit dem Hinweis, „darum müsst ihr euch kümmern“. Wir haben das auch sofort getan und werden so lange dranbleiben, bis wir eine Antwort von Rom haben. Das sind wir unserer Verantwortung gegenüber dem Bistum schuldig.

Was werfen Sie dem Bischof vor? Untreue?
So weit würde ich nicht gehen. Man kann sagen, dass einige Gewerke beim Bau des Bischofshauses sehr im Interesse des Auftragnehmers ausgelegt wurden. Das ist kein Betrug, aber es war manches überteuert. Wir haben ein Gutachten eines Kirchenrechtlers mit dem Ergebnis, dass der Bischof als Letztverantwortlicher in der Verwaltung und der Vermögensverwaltung Entscheidungen getroffen hat, die zu Vermögensschäden geführt haben. Wir haben das in Rom deutlich vorgetragen und werden nach Ostern nachfragen. Die lange Zeit, die Rom braucht, uns zu antworten, werte ich als ein Zeichen dafür, dass man intensiv prüft.

Verantwortung zu benennen ist ja Teil der Aufarbeitung.
Das denken wir auch, und auch Rom sieht das so. Der Papst ist aber auch der Meinung, dass es für einen Bischof eigentlich nichts Schlimmeres gibt, als dass er das Bistum abgeben muss, das ihm der Heilige Vater anvertraut hat. Das ist das Äußerste, was Rom sich vorstellen kann.

Was ist die Residenz wert: die 31 Millionen Euro, die sie gekostet hat, oder weniger?
Ich möchte da noch keine genaue Zahl nennen. Wir haben aber sehr sorgfältig die einzelnen Positionen überprüft. Es sind natürlich weniger als die 31 Millionen.

Gemäß hessischer Bauordnung?
Ja, auch nach hessischer Bauordnung. Wir müssen Werte abschreiben, weil Arbeiten doppelt ausgeführt werden mussten, aber auch, weil überhöhte Rechnungen bezahlt wurden. Wir werden versuchen, wenigstens dieses Geld bei den Empfängern einzuklagen.

Wird es noch eine Verabschiedung des Bischofs geben?
Ich bin da ein unbequemer Mahner für die Diözese. Eine Diözese, die ihren Bischof mit einem großartigen Festakt aufgenommen hat, kann ihn nicht einfach grußlos ziehen lassen. Ich werde nicht müde, das zu sagen. Ich weiß allerdings, dass wir zu einer Verabschiedung noch nicht bereit sind, das ist noch viel zu früh. Ich glaube auch, dass der Bischof dazu noch nicht in der Lage ist. Wir können nicht in den Dom einladen, wo sich Bischof und Diözese in die Augen schauen, das ist noch nicht denkbar. Ich möchte aber, dass die Diözese mit sich versöhnt ist, damit wir frei sind für die Arbeit in der Zukunft.

Wie sieht diese Zukunft aus?
Wir werden eine Vielfalt von Gruppierungen haben, die ihren Glauben im Bistum leben können. Diese sind einzig und allein dem Glaubensbekenntnis und der Lehre der katholischen Kirche verpflichtet. Es gibt nicht nur den einen Weg zu glauben, wie er vom Bischof vorgegeben wird. Da passt das Wort von der versöhnten Verschiedenheit, es gibt nicht nur diesen Einbahnstraßen-Katholizismus.

Haben Sie mit Tebartz-van Elst persönlich Kontakt?
Wir sind in regelmäßigen Gesprächen, die aber sehr sporadisch sind und sich auf das Nötigste begrenzen.

Was bedeutet es für das Bistum, dass der Bischof in Rom ist und dort durch den Vatikan spaziert und Stimmung machen kann?
Ich bin froh, dass der Bischof wieder eine Aufgabe hat und nicht untätig in seiner Wohnung in Regensburg sitzen muss. Der Heilige Vater wird sich sehr gut überlegt haben, welche Aufgabe er ihm gibt. Was den Einfluss angeht, so habe ich einen klaren Auftrag, wir berichten regelmäßig. Solange da keine Anfragen zu unserer Arbeit kommen, gehe ich davon aus, dass wir im Einvernehmen mit den Heiligen Vater und dem Vatikan handeln.

Sie sagten, manche Ihrer Gesprächspartner hätten Zweifel an der Kirche gehabt. Liegt der Fehler nicht in einem System begründet, das diesen Bischof ermöglicht und sein Tun so lange geduldet hat?
Ich glaube nicht, dass es ein Systemfehler ist. Das können Sie von mir nicht erwarten. Was geschieht, geschieht durch Menschen. Ob sie in einem demokratischen System leben oder in einem hierarchischen. Hierarchisch heißt ja nicht gleich diktatorisch. Die Gefahr, dass ein hierarchisches System diktatorisch geführt wird oder ein demokratisches dilettantisch oder korrupt, die gibt es. Das System Kirche sieht ja gar nicht den autoritären Bischof, sondern es komplettiert die Leitung des Bistums durch die kurialen und synodalen Gremien, die dem Bischof an die Seite gestellt sind.

Diese Gremien haben sich ihr Mitspracherecht aus der Hand schlagen lassen.
Ja, es war blindes, naives Vertrauen. Wir müssen lernen, wie man Vertrauen und einen gesunden Kontrollmechanismus haben kann. Heute haben wir im Bistum hohe Standards in rechtlichen Fragen und ein gesundes Selbstbewusstsein. Dieses Selbstbewusstsein war ja eigentlich mal da, lief aber ins Leere, weil die Strukturen nicht mehr funktionierten. In vielen Gremien waren Personen, die an der Entscheidung für etwas beteiligt waren und auch in den Kontrollgremien saßen. Die haben sich selbst neutralisiert, man kann aber nicht hier eine andere Rolle spielen als da. Das gilt gerade auch für das Domkapitel. Es ist eigentlich ein unabhängiges Gremium gegenüber dem Bischof, nicht feindlich, aber ein Gegenüber. Wenn dort aber Personen sitzen, die sich dem Bischof verpflichtet fühlen, können sie ihre Aufgabe nicht mehr wahrnehmen.

Was können Sie tun, damit sich die Dinge nicht wiederholen?
Die Kontrollmechanismen des Systems waren sediert. Die gesamte Kontrolle des Baus des Bischofshauses war aus dem System herausgenommen. Wir haben all das wieder zurückgeführt. Wir arbeiten daran, die Verwaltung des Vermögens vollständig nach dem Vier-Augen-Prinzip zu ordnen. Eine noch so gute Verwaltung aber kann nicht verhindern, dass es Betriebsunfälle gibt. Jedes System kann verwildern. Deshalb muss immer reflektiert werden, wo schleichen sich Dinge ein, die nicht gut sind. Aus einer anfänglich zögerlichen Haltung gegenüber dem Bischof entwickelte sich am Ende Resignation, bis keine ernst zu nehmenden Kontrollinstanzen mehr da waren.

Spiegelt das Versagen der Gremien nicht auch eine Haltung? Ist hier eine erzkonservative Wende gescheitert?
Wir werden nicht vermeiden können, dass Bischöfe ins Amt kommen, die davon ein konservativeres Verständnis haben. Und es gibt andere, die wagen einen anderen Stil, wie ja der Heilige Vater selbst. Entscheidend ist, ob jemand in seinem Amtsverständnis das trifft, was kirchliche Gemeinschaft ausmacht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Bischof es als seine Aufgabe ansehen kann, die Kirche zu spalten. Seine wichtigste Aufgabe ist, für die Einheit der Diözese zu kämpfen, in der eine Vielfalt möglich ist, wie ich sie angesprochen habe.

Wie lange muss das Bistum Limburg noch auf seinen neuen Bischof warten?
Natürlich stellt sich die Frage, wie lange muss das noch weitergehen mit dem Administrator? Wir arbeiten daran, Rom zu überzeugen, dass dieser Prozess nicht länger dauern sollte als unbedingt nötig. Das Bistum ist mit dem Administrator nicht endlos zufrieden, es braucht seinen eigenen Bischof.

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Wie lange hat Rom noch Zeit?
Meine Vorstellungen von einem Zeitfenster sind für Rom nicht von Interesse. Sie beobachten dort unsere Arbeit genau, wir fahren ja auch zu regelmäßigen Berichten nach Rom. Die Absicht des Heiligen Vaters ist, dass die Diözese zur Ruhe kommt, sich mit der Geschichte versöhnt und zur Normalität zurückfindet. Der neue Bischof soll in eine aufgeräumte Situation kommen. Daran arbeiten wir sehr intensiv. Ich bleibe als Administrator, bis ein neuer Bischof in sein Amt eingeführt ist, das Bistum wird nicht ohne Führungsverantwortung bleiben. Und Rom wird uns ein Signal geben, wenn wir mit der Suche nach einem neuen Bischof beginnen können.

Würden Sie Rom empfehlen, jetzt dieses Signal zu senden?
Ich merke ganz deutlich, dass die Diözese über die Kräfte verfügt, ihren Weg selbstständig zu gehen.

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