Herrr Professor Edenhofer, hilft das Cancún -Ergebnis dem Klimaschutz?
Es hilft – und zwar doppelt. Cancún hat den Weg zur Fortsetzung des Kyoto-Protokolls freigemacht. Die Staaten der Erde werden über neue verbindliche Verpflichtungen zur CO2-Reduktion verhandeln. Damit wird immerhin die Chance gewahrt, das Zwei-Grad-Limit der Erderwärmung noch einzuhalten. Das sollte man nicht zu gering schätzen. Der zweite große Pluspunkt ist die Absichtserklärung, einen grünen Klimafonds einzurichten, der ab 2020 rund 100 Milliarden Dollar pro Jahr für klimafreundliche Entwicklung und Anpassung investieren soll – das kann einen echten Schub geben.
Ottmar Edenhofer ist Vizepräsident des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Professor an der TU Berlin. Der Ökonom leitet eine Arbeitsgruppe des UN-Klimarats IPCC.
Das Zwei-Grad-Limit ist nun erstmals offiziell in einem UN-Text fixiert worden. Aber Papier ist geduldig…
Trotzdem macht es einen Unterschied. Die Verbindlichkeit ist viel größer als bisher. Das ist nicht genug, aber es ist besser als nichts. Außerdem wird das Ziel für eine gerade noch hinnehmbare Erderwärmung bis 2015 noch einmal daraufhin überprüft, ob es nicht sogar auf 1,5 Grad verschärft werden muss.
Einklagbar sind die Ziele nicht.
Richtig. Aber Cancún stärkt weltweit die Erwartung, dass es mit dem Klimaschutz weitergeht. Das ist keine Nebensache, denn es bedeutet: Unternehmen, die in Infrastruktur investieren – in Gebäude, Kraftwerke und Stromnetze, Verkehrswege -, müssen einkalkulieren, dass der CO2-Preis steigt. Was bedeutet, dass sie ihre Risiken reduzieren, wenn sie „grün“ investieren. Die Wahrscheinlichkeit nimmt zu, dass immer mehr Länder Emissionshandelssysteme nach dem EU-Modell einführen werden. Darauf stellen sich die Akteure in der Wirtschaft ein. Dieses Management von Erwartungen ist ungeheuer wichtig.
Wie groß ist die Lücke, die zwischen den von den Staaten bisher angepeilten nationalen CO2-Zielen und dem, was nötig wäre?
Noch sehr groß. Würde hier nicht nachgelegt, bekämen wir eine 3,5-Grad-Welt. Das brächte gefährliche Klimaveränderungen. Aber in Cancún wurde ein Fahrplan festgesetzt, um genau das abzuwenden: Beim Gipfel 2011 in Südafrika wird entschieden, ab wann der globale CO2-Ausstoß sinken muss und wie schnell. Die USA und China haben da ihre Blockade aufgegeben - ein großer Schritt nach vorne.
Aber verbindlich Zusagen von den USA und China, die zusammen für über 40 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich sind, gibt es nicht. Macht das die Vereinbarung nicht wertlos?
Nein, keineswegs. Die USA und China haben sich aufeinander zubewegt. Und vor allem China schaltet schon jetzt stark auf grünes Wachstum um. Beide werden in Durban nachlegen.
Es ist aber nicht einmal sicher, dass „Kyoto 2“ 2011 verabschiedet wird. Kann die Welt sich das Zeitlupentempo ihrer Politiker überhaupt leisten?
Nein. Es geht zu langsam. Es ist jetzt nur der Karren aus dem Graben gezogen worden, damit die Fahrt weiter gehen kann, das ist gut. Aber das Tempo muss erhöht werden. Deshalb braucht es viele weitere Initiativen – auch in den Städten und Regionen. Ich setze hier gerade auf den neuen grünen Klimafonds. Er kann den Umbau auf breiter Front anstoßen.
Bisher ist unklar, wo die 100 Milliarden Dollar jährlich überhaupt herkommen sollen…
Finanzierbar ist er schon. Eine von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon eingesetzte Arbeitsgruppe hat das klar gezeigt und etwa darauf hingewiesen, dass die CO2-Emissionen des internationalen Schiffs- und Flugverkehrs besteuert werden könnten. Die Staaten haben in Cancún beschlossen, dass sie das Geld aufbringen wollen. Nun müssen sie es auch tun. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen können Druck machen, damit die Staaten ihre Versprechen nicht rasch wieder vergessen.
Letzte Frage: Sind denn die monströsen Klimagipfel mit inzwischen über 20.000 Teilnehmern überhaupt das richtige Format, um das Problem zu lösen?
Sie könnten schon etwas abspecken. Aber nur der globale Rahmen der Verhandlungen gibt den Beschlüssen die nötige Legitimität. Wenn die Welt verändert werden soll, müssen alle mitmachen.
Interview: Joachim Wille
Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.
Nachrichten zum Klimawandel, CO2, Treibhauseffekt, saure Meere und Gletscher-Schmelze.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.