Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Klimawandel
Berichte, Reportagen, Kommentare zur globalen Erwärmung.

21. Januar 2011

CCS-Technik: Wie gefährlich ist CO2-Endlagerung?

 Von Joachim Wille
Fantasievoller Protest gegen ein Kohlendioxid-Endlager im brandenburgischen Beeskow.  Foto: dpa

Nächste Woche nimmt das Kabinett einen neuen Anlauf für ein CCS-Gesetz. Damit sollen die Voraussetzungen für CO2-Speicher geschaffen und nebenbei die Kohleenergie vom Image des Klimakillers befreit werden. Ein Fall aus Kanada aber beunruhigt Klimaschützer.

Drucken per Mail

Nächste Woche nimmt das Kabinett einen neuen Anlauf für ein CCS-Gesetz. Damit sollen die Voraussetzungen für CO2-Speicher geschaffen und nebenbei die Kohleenergie vom Image des Klimakillers befreit werden. Ein Fall aus Kanada aber beunruhigt Klimaschützer.

Wir wussten, da stimmt irgendetwas nicht“, sagt Jane Kerr, eine 58-jährige Farmerin aus der südkanadischen Provinz Saskatchewan. Zuerst wuchsen seltsame rote Algen in zwei Tümpeln am Boden der Kiesgrube, die sie auf ihrem Grundstück angelegt hatten. Manchmal blubberte es im Wasser, so, als würde Kohlensäure aus dem Boden austreten. „Es war, wie wenn man eine Cola-Flasche zuhält, sie schüttelt und es spritzen lässt“, sagte Ehemann James. Das war im Frühjahr 2005. Die Grube war im Herbst vorher angelegt worden.
Später fanden die Kerrs tote Tiere ein paar Meter neben der Kiesgrube – eine Katze, eine Ziege, Hasen und Vögel. Und dann gab es die Explosionen. „Nachts hörten wir diese Art Knall, wie Kanonenschläge“, sagt die Farmerin. „Wir gingen raus, um an der Kiesgrube nachzusehen, und da war seitlich ein Loch gerissen worden, aus dem Schaum herauskam.“

Die Kerrs sind inzwischen weggezogen. Sie hatten Angst, auch ihnen könnte etwas passierten. Als Ursache der seltsamen Vorkommnisse verdächtigen sie das Gas Kohlendioxid (CO2), das aus dem Boden ausgetreten sein soll. Das Gas ist zwar nicht giftig, kann in hohen Konzentrationen aber zur Erstickung führen.

Das Kerr-Grundstück liegt in der Nähe des Weyburn-Ölfelds des Konzerns Cenovus an der Grenze zwischen Kanada und den USA, wo seit 2000 das weltgrößte Experiment zur unterirdischen Speicherung des Klimagases Kohlendioxid läuft. Das CO2 wird dort unter hohem Druck in das fast leere Feld eingepresst, um das Rest-Öl besser fördern zu können.
Allerdings soll dort auch die CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) erprobt werden, die weltweit von Kohle- und Stromkonzernen als Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel angesehen wird – so auch in Deutschland. Das Kohlendioxid wird dabei in Kraftwerken aus dem Abgas abgetrennt und in tiefe geologische Schichten verpresst, wo es Jahrhunderte und Jahrtausende bleiben muss, um den Klimawandel nicht weiter anzuheizen. Träten Leckagen auf, würde dies das ganze Konzept infrage stellen.
Die Kerrs haben, wie sie berichten, seit 2005 versucht, die Gefahr klären zu lassen. Einmal hätten die lokalen Behörden einen Kontrolleur geschickt, der Luftmessungen gemacht habe – allerdings ohne Ergebnis.

Dass der Fall nun plötzlich hohe Wellen schlägt, liegt an einem Gutachten, das das Ehepaar privat bei der Öl-Consultingfirma „Petro-Find Geochem“ in Auftrag gab. Es wurde jetzt veröffentlicht. Der Firmenchef, Ingenieur Paul Lafleur, macht darin eindeutig das CO2 aus dem Ölfeld für die Vorfälle verantwortlich. Im Boden des Kerr-Grundstücks hat er Kohlendioxid-Konzentrationen gefunden, die mehrfach über den Normalwerten lagen. Außerdem zeige die Isotopen-Zusammensetzung des Gases, dass es nicht natürlichen Ursprungs sei, sondern aus der CO2-Verpressung stamme. Das mächtige Anhydrit-Deckgebirge über dem Ölfeld sei „keine so dichte Barriere für Kohlenwasserstoffe und CO2, wie man dachte“, so Lafleur im Gutachten.

Meinungen zu CCS
Die Grünen
Die Linkspartei

Im Energiekonzept der Regierung nimmt CCS ein ganzes Kapitel ein. Es wird ein CCS-Gesetz angekündigt sowie der Bau zweier von EU-weit insgesamt zwölf Demonstrationsanlagen. Angela Merkel hatte 2009 gesagt, „dass wir die Beiträge von neuen, hocheffizienten Kohlekraftwerken und der CCS-Technologie zum Klimaschutz anerkennen“.

Die Grünen geben der Regierung in dem Punkt recht, dass CCS für Branchen mit hohen prozessbedingten CO2-Emissionen (etwa die Zementherstellung) erforscht werden soll. CCS an Kohlekraftwerken lehnen sie ab, u.a. aus Sicherheitsgründen und um fossile Stromerzeugung nicht zu „zementieren“.

Die Linkspartei ist gespalten: Im Bundestag sagte ihr Abgeordneter Wolfgang Neskovic, CCS sei ein „umweltpolitischer Höllenritt“ mit „unabsehbaren Risiken“. In Brandenburg unterstützen die Linkspartei-Minister für Umwelt und Wirtschaft die geplante CCS-Anlage. (sgey)

Nun soll der Verdacht aufgeklärt werden. Der Energieminister der Provinz, Bill Boyd, kündigte eine Untersuchung an. Ein sofortiger Stopp der CO2- Verpressung komme derzeit aber nicht infrage. Das gebe die Datenlage nicht her. Der Ölkonzern Cenovus hat inzwischen drei unabhängige Experten beauftragt, die Lafleur-Studie zu überprüfen. Seine Sprecherin Rhona Delfari verwies auf eine Untersuchung von 2004. Damals, vier Jahre nach Start der Kohlendioxid-Verpressung, habe es keine Anzeichen dafür gegeben, dass das CO2 einen Weg durch die 1400 Meter starke Deckschicht finden könnte. Die Region sei sogar „besonders geeignet“ für das Projekt, habe es damals geheißen. Der Experte Lafleur kritisierte unterdessen, die Umweltüberwachung des Projekts sei 2005 „praktisch eingestellt worden“. Das meiste CO2 bleibe zwar im Boden, die Menge – seit 2000 wurden 16 Millionen Tonnen verpresst – sei aber so riesig, dass bereits kleinere Austritte gesundheitsgefährlich sein könnten.

Der Kerr-Fall betrifft nicht nur die Energiebranche in Kanada, das auf die CCS-Technik setzt, weil das Land damit die sehr CO2-intensive Gewinnung seiner großen Teersand-Vorkommen klimafreundlich machen will. Auch in Europa schauen Industrie und Experten auf den Fall in Saskatchewan – hier setzen neben Deutschland auch Länder wie Norwegen, Großbritannien und Polen auf die Technologie. Deutsche Experten verweisen aber darauf, dass der kanadische Fall nur sehr bedingt mit hiesigen Verhältnissen zu vergleichen sei. Hierzulande gelten Regionen in Brandenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen als gut geeignet für CCS-Einlagerung.

Michael Kühn vom Geoforschungszentrum Potsdam, das einen Versuch zur CO2-Speicherung im brandenburgischen Ketzin betreut, sagte der Frankfurter Rundschau: „Der Fall in Saskatchewan muss natürlich genau aufgeklärt werden.“ Gebe es dort tatsächlich Leckagen, habe das aber nicht automatisch Folgen für die deutschen Projekte, da diese speziell für die langfristige CO2- Einlagerung geplant würden und nicht für die Ölförderung. So sei der Druck, mit dem das Gas eingepresst wird, für diesen Zweck berechnet, erläuterte Kühn.
In Ketzin, wo seit 2008 testweise rund 45.000 Tonnen CO2 unter die Erde in Sandstein-Schichten verpresst wurden, habe man bisher „sehr gute Erfahrungen“ gemacht. Der Versuch soll noch bis 2013 laufen. Ein weiterer Test soll in der Altmark in Sachsen-Anhalt, stattfinden, wo man ein leergefördertes Gaslager als Kohlendioxid-Speicher nutzen will.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Dossier

Berichte, Reportagen, Kommentare zur globalen Erwärmung.

Videonachrichten Klima
Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.

Schutz der Ozonschicht
Das Nasa-Satellitenfoto dokumentiert die Größe des Ozonlochs über der Arktis im Winter 1999/2000. Je dunkler das Blau, desto dünner die Ozonschicht.

Was ist Ozon? Wofür ist Ozon wichtig? Und wie groß ist derzeit das Ozonloch? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es hier.

Die Gletscher schmelzen
Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.