Sonnensegel über der Frankfurter Zeil, künstliche Seenplatten mitten im Bankenviertel, breite Frischluftschneisen von der Innenstadt zum Taunus - das ist kein utopisches Szenario, sondern nach einer aktuellen Klima-Prognose des Deutschen Wetterdienstes (DWD) schon bald städtebauliche Überlebensstrategie am Main. Denn der Klimawandel wird Frankfurt immer mehr in den Schwitzkasten nehmen.
In einer Pilotstudie haben die Offenbacher Meteorologen jetzt am Beispiel der Mainmetropole erstmals kleinräumig durchgerechnet, wie sich der Klimawandel in einer deutschen Großstadt auswirkt.
Fazit: Bis Mitte des Jahrhunderts wird Frankfurt zum Backofen werden - wenn Stadt- und Umweltpolitik nicht schleunigst durch Klima-Anpassungsmaßnahmen gegensteuern.
Konkret liest sich die computergestützte Prognose des Deutschen Wetterdienstes so: Die Tage, an denen das Thermometer über die 25-Grad-Marke klettert, werden sich in Frankfurt deutlich häufen.
Von derzeit 46 Tagen pro Jahr wird die Zahl der hochsommerlich warmen Tage bis 2050 um zwölf bis 26 Tage ansteigen. Mitte des Jahrhunderts wird es damit an jedem sechsten Tag im Jahr wärmer als 25 Grad. In der dichtbebauten Innenstadt wird die Zunahme noch höher liegen.
Was mediterranes Flair am Main verspricht, wird zum Problem - denn auch die Zahl der extremen Hitzetage mit mehr als 30 Grad am Tag und drückend heißen tropischen Nächten wird entsprechend ansteigen, prognostizieren die Meteorologen.
Konkret beziffern können sie das Ausmaß der künftigen Backofen-Tage zwar noch nicht. Aber die Hitzewellen werden häufiger, und sie werden eine "deutliche Zunahme gesundheitlicher Schäden" verursachen, warnt der DWD.
Die Grafik zeigt für Frankfurt die zusätzlichen heißen Tage über 25 Grad Celsius an. Stadtklimamodell MUKLIMO 3 stammt aus der REMO Projektion (MPI-M i.A. des Umweltbundesamtes, 2006) und Klimaprojektion in die Zukunft aus Szenario A1B (IPCC, 2007).
Im Frankfurter Bankenviertel könnten dann zwar die Hochhäuser tagsüber noch für lindernden Schatten sorgen. Doch nachts wirken die hohen Gebäude wie Wärmespeicher.
"In diesen Ergebnissen steckt Sprengkraft", wertet denn auch Paul Becker, Leiter des Bereichs Klima und Umwelt beim Deutschen Wetterdienst , die Bilanz der ersten stadtklimatologischen Untersuchung, "die Städte müssen die Auswirkungen des Klimawandels schon heute einplanen."
Mittlere Anzahl der Tage mit einer Höchsttemperatur größer 25°C der vergangenen Jahre 1971-2000 in Frankfurt am Main. Der Antrieb für das Stadtklimamodell MUKLIMO_3 stammt aus der REMO Projektion (MPI-M i.A. des Umweltbundesamtes, 2006).
Ballungszentren wie Frankfurt müssten Schattenzonen einrichten, damit Menschen innerhalb von fünf Gehminuten Kühlung finden könnten. Arkaden und Sonnensegel müssten Temperaturen senken. Und um für den Klimawandel gewappnet zu sein, müssten Großstädte ein Netz von grünen Inseln und Parks schaffen, schlägt Becker vor.
Für kühlende Frischluftzufuhr bei Hitzewellen brauche es außerdem Grünzüge und Alleen, die in Frankfurt etwa eine Schneise zum Taunus bilden könnten.
Ob der Klimawandel sich in Frankfurt drastischer auswirkt als in anderen Städten können die DWD-Forscher bisher nicht beantworten. Denn die Ergebnisse einer zweiten Pilotstudie, die auch die Temperatur-Veränderungen für Berlin untersucht, werden erst im Sommer vorliegen.
Anhand einer Modellrechnung für Nordrhein-Westfalen warnte am Dienstag auch das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK): "Die Klimazukunft Nordrhein-Westfalens wird immer risikoreicher."
Auch hier prognostizieren die Forscher einen deutlichen Anstieg der Sommertage über 25 Grad. Die Erwärmung werde zur Verbreitung von Krankheitserregern führen und könne mit anhaltendem Niedrigwasser in den Flüssen auch die Kühlung von Kraftwerken gefährden, warnt das PIK, "die Klimaveränderungen laufen schneller ab als angenommen".
Ähnlich schlägt auch der Deutsche Wetterdienst Alarm. "Der Klimazug rollt nicht nur. Er fährt auch schneller als erwartet" , bilanziert DWD-Präsident Wolfgang Kusch. Die rasante globale Erwärmung lässt sich auch für Deutschland eindeutig an der Temperaturkurve ablesen: In den vergangenen 20 Jahren wurde fast jedes Jahr der bisherige Mittelwert von 8,3 Grad übertroffen.
Metereologen skeptisch
In den letzten zehn Jahren war sogar jedes Jahr mindestens neun Grad warm. Und obwohl 2008 keinen Rekordsommer bescherte und sogar einen relativ strammen Winter, war auch das vergangene Jahr mit einer Durchschnittstemperatur von 9,5 Grad zu warm. Der gerade zu Ende gehende April 2009 bricht sogar Rekorde: Er wird nach den Berechnungen des Wetterdienstes der wärmste überhaupt seit 1890 sein.
Die Meteorologen sind daher skeptisch, dass das zur Vermeidung einer Klimakatastrophe aufgestellte Ziel, den Temperaturanstieg bis Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad zu begrenzen, noch erreicht werden kann.
Die globale Durchschnittstemperatur könnte Ende des Jahrhunderts sogar bis zu sechs Grad höher liegen als zu Beginn der Industrialisierung, warnte am Dienstag das Washingtoner World Watch Institut bei der Vorstellung seines Berichts "Zur Lage der Welt 2009".
Zur Abwendung der drohenden Klimakatastrophe sei ein großangelegtes "Joint Venture" für Klima- und Energiesicherheit zwischen Industrie- und Schwellenländern nötig, forderten Experten und Umweltpolitiker bei der Präsentation der Klimaforschungs-Analyse in Berlin. Der Präsident des World Watch-Instituts, Chris Flavin, plädierte vor allem für ökonomische Anreize für Hausbesitzer zur energetischen Gebäudesanierung und für Energiesparfonds für Niedrigverdiener.
Klima-Szenarien
Weitere Klima-Szenarien zeigen die folgenden Animationsfilme der National Oceanic and Atmospheric Administration (dem amerikanischen Handelsministerium unterstellt) und deren Geophysical Fluid Dynamic Laboratory in Princeton.
Zu den Szenarien gehört, dass die Erwärmung der Atmosphäre über den Kontinenten schneller erfolgen wird, als über den Ozeanen:
Das arktische Eis wird einem anderen Szenario zufolge stark schwinden. Diese Entwicklung wird allerdings nicht als fortschreitendes Schrumpfen beschrieben. Dazwischen gehen die Wissenschaftler von schwankenden Zwischenstufen aus.
Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.
Nachrichten zum Klimawandel, CO2, Treibhauseffekt, saure Meere und Gletscher-Schmelze.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.