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Klimawandel
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17. April 2010

Ein Jahr Klima-Manifest: Lob des Asphalts

 Von Claus Leggewie
Die Zukunft liegt in den großen Städten. Dass man sich angesichts des versmogten Panoramas von Peking davor fürchten kann, hilft nicht weiter.  Foto: Sigi Martin/Bilderberg

Bald werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben - die aber nur ein Prozent der Fläche des Planeten ausmachen: Wie Urbanität die Klimawende erleichtert. Von Claus Leggewie

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Vor einem Jahr kam das "Klima-Manifest für eine zukunftsfähige Architektur und Ingenieurbaukunst" heraus, seither häufen sich Tagungen und Workshops zum Thema Stadt im Klimawandel. Das war überfällig und ist hocherfreulich, und man möchte Architekten und Ingenieuren zurufen, sich von Kommentaren nicht irre machen zu lassen, die ihnen ästhetischen Verrat oder übereifrige Weltretterei unterstellen.

Zu Recht gelten diese Berufsgruppen als unentbehrlich auf dem Weg in eine klimaverträglichere und nachhaltige Weltgesellschaft: Für das Heizen und Kühlen unserer Behausungen verwenden wir ein Drittel des globalen Energieverbrauchs, ein weiteres Drittel für Berufs- und Erholungsverkehr und den Rest für industrielle und agrarische Produktion und damit verbundene Dienstleistungen, die ganz überwiegend in urbanen Agglomerationen erbracht und konsumiert werden.

Urbanisierung, namentlich in Gestalt von Mega-Cities, wird sich in den nächsten Jahrzehnten noch einmal sprunghaft beschleunigen; Städte, die nur ein Prozent der Erdoberfläche bedecken, werden bald zwei Drittel der Weltbevölkerung beherbergen. Städte als Problemverursacher des Klimawandels und anderer Großrisiken werden nun auch als Problemlöser erkannt. Dort liegt ja der Hebel für den effizienteren Verbrauch von Energie und dessen Vermeidung, dort auch müssen intelligentere Mobilität entwickelt und jene Arbeitsweisen und Lebensstile erprobt werden, die der Nachwelt ein erträgliches Klima und vor allem mehr Konvivialität hinterlassen.

Das Klima-Manifest, über dessen Umsetzung regelmäßig öffentlich berichtet werden soll (jetzt erstmals in Berlin), darf hier als eine der umfassendsten Selbstverpflichtungen gewürdigt werden, die eine Berufsgruppe diesbezüglich vorgenommen und politischen Entscheidungsträgern angetragen hat.

Architekten und Bauingenieure haben sich erinnert, dass sie nicht nur einzelne Bauwerke entwerfen, sondern jedes Wohnhaus, jedes Bürogebäude, jede Fabrikhalle gerade in seiner energetischen Ausstattung darüber entscheidet, wie viel Treibhausgase emittiert werden; dass auch ihre Lage entscheidend dafür ist, wie mobil Menschen und Güter sein müssen oder dies vermieden werden kann; dass Bauschutt rund zwei Drittel aller Abfälle ausmacht - und so weiter.

Wenn also ein großer Teil des Klimaproblems durch Architektur und Städtebau verursacht wird, wird ein guter Teil auf diesem Feld zu lösen sein. Es hat lange gedauert, bis auch die wirtschaftlichen Chancen erkannt worden sind, wenn Mieter nicht länger zum Fenster hinausheizen und Bauherren nicht allein auf die Gestalt, das Prestige und den Marktwert ihres Objekts achten, sondern auch auf seine mittel- und langfristige Ökobilanz.

Dem Paradigmenwechsel sind in vielen Ländern praktische Verbesserungen gefolgt, bei Belichtung und Verschattung, Kühlung, Beheizung und Dämmung, bei Baumaterialien, Raumaufteilung und vielem mehr. Nachhaltigkeit fließt in die Aus- und Fortbildung ein, Stararchitekten werden Rollenmodelle grünen Bauens in aller Welt. Gesetze und Zertifizierungen tun ein Übriges, um energieeffiziente und klimafreundliche Architektur aus der Öko-Nische herauszuholen und sie bald zum Mainstream werden zu lassen.

Genau hier drohen unbeabsichtigte Nebenfolgen und eine Perversion der guten Taten. Wofür Architekten nichts können ist, dass seit einem Jahr zu wenig geschehen ist: Der Weltklimagipfel in Kopenhagen hat das Zwei-Grad-Ziel nur proklamiert, es aber nicht auf den Weg gebracht. Weltweit mobilisieren Leugner des Klimawandels gegen die unbestreitbare Evidenz der Klimaforschung, Klimapolitiker geraten in Versuchung, statt auf das Doppelziel von Klimaschutz und -anpassung mehr auf letztere zu setzen und statt auf die Förderung erneuerbarer Energien, der Energieeffizienz und des Energiesparens auf atomare Großtechnologie und Geo-Engineering.

Nicht dämmen, sondern Dämme bauen, wäre die Devise. Geschützt wird das Klima derzeit faktisch nur durch die Wirtschaftskrise und nicht, weil die Transformation unserer Lebensweise, zu der viele bereit sind, durch kluge Investitionen, Gesetze und Konsumverzicht eingeleitet worden wäre.

Wofür Architekten sehr wohl etwas können, ist, wenn Manifeste und Aufbrüche zu kurz springen. Architektur hängt am "Einzelnen und seinem Eigenheim" (Pierre Bourdieu), an der individuellen Bauherren-Perspektive, die das isolierte Objekt betrachtet, nicht den urbanen Prozess. Architekten wollen bauen, nicht umbauen - doch neunzig Prozent der Klimawende betreffen vorhandene Objekte, die nur schwer zu sanieren und reparieren sind.

Das dick vermummte Eigenheim ändert aber zu wenig an der Klimabilanz, die xte (lobenswerte!) Maßnahme in Freiburg zu wenig am Weltklima - erst ganze Stadtquartiere und Metropolen wie das Ruhrgebiet oder der Großraum London machten den Unterschied. Das soll niemanden hindern anzufangen, aber Klimahelden müssen zu Energiegenossen werden, die eine bornierte Eigenheimperspektive von Beginn in Frage stellen.

Architektur ist vielleicht auf dem neuesten Stand der Technik, die (etwa mit beim Passiv- oder Plusenergiehaus) eine echte Effizienzrevolution erlaubt. Aber eine nachhaltige Gesellschaft muss als Ganze in ihren Verhaltensmustern und Lebensstilen vom falschen Mehr zum besseren Weniger übergehen - weniger Verbrauch, heruntergefahrene Raumtemperatur und dergleichen stehen ebenso auf der Tagesordnung. Abrüsten statt aufrüsten. Dass Weniger mehr ist, erkennt man an urbanen Verdichtungen wie Manhattan oder Paris, die klimafreundlicher sind als die globale Suburbia.

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