Vom Atlantik weht eine kräftige Brise. Staunend stehen die europäischen Regierungschefs auf dem 400 Meter hohen Gibralta-Tower. Chefarchitekt Hermann Sörgel, wie immer elegant gekleidet, deutet in die Ferne. Im verwegenen Halbrund spannt sich ein gigantischer Staudamm über die Meerenge von Gibraltar.
Mit sanftem Brummen fliegt ein Zeppelin über die festliche Gesellschaft. Tausende Ingenieure in ganz Europa und Afrika stehen bereit, um den elektrischen Strom zu verteilen. Die Zeit der ständigen Energienot geht an diesem Tag zu Ende. Gemeinsam geben die zwölf Staatsmänner das Zeichen. Aus zwölf Lafetten auf dem Damm knallen Böllerschüsse über das Meer. Innerhalb des Staudamms werden die ersten Schieber geöffnet. Mit ohrenbetäubendem Lärm schießt Atlantikwasser aus den Turbinen heraus und fließt in das seit zehn Jahren durch Verdunstung abgesenkte Mittelmeer.
Es war diese kühne Vision, von der der Münchner Architekt Hermann Sörgel Anfang der 20er Jahre träumte. Seine Utopie eines "Atlantropa" sollte ein friedlich geeintes Europa und die afrikanischen Kolonien zu einem Kontinent verschmelzen.
"Sörgels Idee ging weit über die technischen Standards seiner Zeit hinaus", sagt der Historiker Alexander Gall vom Deutschen Museum in München. Er habe nicht nur Energie und Land durch die Absenkung des Mittelmeeres gewinnen wollen, sondern damit auch ein Ende der innereuropäischen Kriege im Blick gehabt.
Begeisterung für den Plan
Prominente Architekten und Ingenieure seiner Zeit wie Peter Behrens und Erich Mendelsohn schlossen sich an und planten riesige neue Metropolen oder einen Damm zur Erhaltung der Lagunenstadt Venedig. Aber welche Auswirkungen hätte eine Absenkung des Mittelmeeres um bis zu 200 Meter auf die dortigen Erdbebenzonen gehabt?
"Sörgel hat es sich sicher etwas zu leicht gemacht", meint Atlantropa-Experte Gall. "Das Argument der drohenden Erdbeben wurde bereits in den 20er Jahren vorgebracht."
Heute wissen wir zudem durch Klimasimulationen, dass die Region von schweren Dürrekatastrophen heimgesucht worden wäre.
Die meisten der Zeitgenossen von Sörgel hielten das Projekt durchaus für umsetzbar. Und Gall, der das Buch "Das Atlantropa-Projekt. Die Geschichte einer gescheiterten Vision" (Campus, 1998) verfasst hat, ist sich sicher: "Viele Menschen sind weiterhin von Sörgels Plänen fasziniert angesichts dieses technischen Irrsinns." Bis heute gebe es keine Erfahrungen zum Bau eines Dammes dieser Größenordnung im strömenden Meer.
Den Nationalsozialisten passte der pazifistische Staudamm nicht ins Konzept. Erst nach dem Krieg sah Sörgel neue Chancen. Aber das billiger werdende Rohöl und die Kernenergie ließen seine Pläne zu Makulatur werden. Neue Visionen ersetzten die alten. Sörgel starb 1952 bei einem Autounfall.
Die Spaltung des Atomkerns zur friedlichen Nutzung löste in den 50er Jahren eine wahre Technik-Hysterie aus. Eine kleine Urantablette sollte Autos rund um den Erdball führen. Viele weitere Phantasien machten die Runde. Zwar warnte Robert Jungk in seinem Buch "Die Zukunft hat schon begonnen" (1952) bereits vor den Gefahren der Atomkraft.
Auf der anderen Seite schwärmte der Tübinger Philosoph Ernst Bloch in seinem Werk "Das Prinzip Hoffnung": "Wie die Kettenreaktionen auf der Sonne uns Wärme, Licht und Leben bringen, so schafft die Atomenergie, in anderer Maschinerie als der der Bombe, in der blauen Atmosphäre des Friedens, aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling. Einige hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln."
Über solche überbordende Phantasterei eines Philosophen mögen heute viele angesichts der ungelösten Abfallproblematik nur noch bitter schmunzeln.
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