Es regnete die ganze Nacht. Der Garten vor dem Haus der beiden grauhaarigen Herrn strotzt vor sattem Grün: Wie könnte man da an Thomas und Obedi Nganyis beruflichen Fähigkeiten zweifeln? Der 74-jährige Onkel und sein ein Jahr älterer Neffe sind Regenmacher. Sie verweisen stolz darauf, dass es in ihrer Gegend - wenige Kilometer vom Viktoriasee entfernt - seit Menschengedenken keine Dürre gab.
Aber normalerweise hat das westkenianische Volk der Luhyas eher mit Überschwemmungen zu kämpfen. Wenn es in den nahe gelegen Bergen schüttet, verwandeln sich die Felder der Kleinbauern in Seen - nur die Regenmacher selbst bleiben von den Fluten stets verschont.
Das läge keineswegs daran, dass die Grundstücke der Nganyis etwa höher liegen, sagt Maria Onyango von der Maseno Universität. Vielmehr könnten die Nganyis den Regen nicht nur rufen, sondern auch stoppen.
Als kürzlich dunkle Regenwolken eine große Beerdigung gefährdeten, habe Thomas Nganyi sie augenzwinkernd beruhigt, erzählt die promovierte Universitätsdozentin: Und tatsächlich habe es erst nach der Zeremonie geregnet. "Ich kann Ihnen versichern", sagt Onyango, "die können es."
Einst hätten die Regenmacher einen ausgezeichneten Ruf genossen, fährt die Wirtschaftswissenschaftlerin fort. Urgroßvater Nganyi, der Begründer der Regenmachersippe, sei "wie ein König" behandelt worden und habe 30 Frauen gehabt. Selbst die britischen Kolonialherren hätten an seine Kunst geglaubt: Weil er ihnen während einer Dürre nicht helfen wollte, sperrten sie ihn ein.
Nachdem Nganyi im Kerker gestorben war, wurde sein Wissen von Generation zu Generation überliefert - doch das Ansehen der Regenmacher litt unter der Modernisierung enorm. "Die Bevölkerung betrachtete sie nur noch als Scharlatane", sagt Onyango: "Niemand konnte mehr etwas Positives an ihnen sehen."
Den Regen herunterziehen
Das wird sich womöglich ändern: Ausgerechnet der Klimawandel könnte den Regenmachern zu einer ganz neuen und überlebenswichtigen Bedeutung verhelfen.
Aber wie macht man Regen? Obedi Nganyi schüttelt nur lächelnd den Kopf. In einem kleinen Waldstück hinter seinem Haus ist unter einem Feigenbaum ein Tontopf halb im Boden vergraben. Obedi bläst mit einem hohlen Schilfrohr in die im Topf stehende Flüssigkeit, einer Mixtur aus Regenwasser und geheimen Kräutern: Bilden sich Blasen, bleibt es trocken, erklärt der Wettermacher; bleibt die Flüssigkeit blasenfrei, wird es regnen. Manche Niederschläge fallen von alleine, fügt Obedi hinzu. Andere, wie die von gestern Nacht, muss man mühsam "herunterziehen".
Regenmachen, fährt Obedi fort, sei nichts, was man schnell lerne. Er selbst habe als siebenjähriger Junge mit dem Training begonnen. Frühestens als 40-Jähriger habe man genügend Wissen und Erfahrung, um als Regenmacher auch tatsächlich praktizieren zu können. Es kommt darauf an, die Natur richtig beobachten zu können.
Der Lauf eines Sternes zeigt die Großwetterlage an; der Wind muss kalkuliert, das Verhalten der Vögel studiert werden. Das Quaken einer Kröte kann verstanden werden. Selbst Pflanzen geben Geheimnisse preis: Ohne Bäume und das beredte Fallenlassen oder Sprießen ihrer Blätter geht nach Obedis Worten überhaupt nichts. "Es gibt derzeit nur vier Personen, die das wirklich verstehen", sagt er.
Es ist vor allem der von den Nganyis angesammelte Schatz an Naturbeobachtungen, der die Wissenschaftler auf den Plan gerufen hat. Kürzlich organisierte die westkenianische Maseno Universität eine Begegnung zwischen den Regenmachern und Meteorologen aus der Hauptstadt Nairobi.
Beim Vergleich der Wettervorhersagen sei es zu ganz überraschenden Übereinstimmungen gekommen, sagt Zachary Atheru, Meteorologe am Wettervorhersagezentrum des regionalen Staatenbundes IGAD in Nairobi. Nicht, dass Atheru von den Nganyis tatsächlich erwarten würde, dass sie den Niederschlag vom Himmel zaubern: "Das vermag natürlich kein Mensch zu tun."
An veränderte Bedingungen anpassen
Doch genauso wichtig wie das Regenmachen sei in den Zeiten der Erderwärmung, dass man sich auf die veränderten Wetterbedingungen einstellen kann. "Und dabei könnten uns die Regenmacher beste Dienste leisten", sagt der Meteorologe.
Wie die meisten Staaten Afrikas spürt Kenia bereits heute die Auswirkungen der Klimakatastrophe. Das Land hat in den vergangenen fünf Jahren eine beispiellose Dürre erlebt. Zehn Millionen Menschen hungerten.
"Das", sagt Atheru, "gab es in Kenia bislang noch nie." Vor wenigen Wochen wurde die Dürre auch noch von sintflutartigen Regenfällen abgelöst. Wie in keinem anderen Teil der Welt müssen afrikanische Bauern mit immer unregelmäßiger einsetzenden Regenzeiten rechnen. Doch sie sind diesen Unwägbarkeiten noch viel schutzloser als andere Weltbürger ausgeliefert.
Weil die Afrikaner gegen die Klimaerwärmung selbst nichts ausrichten können - schließlich verursachen sie nur 3,5 Prozent der Treibhausgase -, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich an die Folgen anzupassen. Und das heißt, auch auf den Rat der Regenmacher zu hören.
Deren Aufgabe war es schon immer, die Bevölkerung auch zu beraten. Wann soll ausgesät werden? Wann müssen die Bewässerungskanäle geöffnet oder geschlossen werden? Welche Maisart wird für die kommende Saison die beste sein? Oder sollte dieses Mal lieber das dürreresistentere Sorghum angebaut werden?
"Zumindest in dieser Hinsicht genießen die Regenmacher noch immer das Vertrauen der Bevölkerung", sagt Meteorologe Atheru: "Jedenfalls hört man viel eher auf sie als auf irgendwelche Wissenschaftler aus der entfernten Hauptstadt." Atherus Zentrum hat deshalb ein Pilotprojekt mit den Nganyis begonnen. Der Wissenschaftler weiß, was auf dem Spiel steht: "Schaffen wir es nicht, uns den sich drastisch verändernden Bedingungen anzupassen, dann sterben wir aus."
Auch die Nganyis beobachten den Klimawandel. Der Wind bringt inzwischen auch aus anderen Richtungen Regen. Die Regenzeiten setzen immer später ein und sind immer unberechenbarer. Doch das Handwerk der Regenmacher ist inzwischen stark gefährdet. Siedler drängen immer tiefer in den Wald ein und hätten die ersten der für das "Regenziehen" benutzten Schreine zerstört, berichtet Obedi. Auch würden die für ihre Kunst notwendigen tierischen und pflanzlichen "Botschafter" immer seltener. Für ein unersetzliches Kraut hätten sie jüngst bis zu dem über hundert Kilometer entfernten Mount Eglon reisen müssen.
"Es fällt uns immer schwerer, den Regen zu heilen", sagt der Regenmacher: "Vielleicht kommt bald der Tag, an dem wir es gar nicht mehr schaffen können."
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