Braune Wassermassen fluten ganze Städte, richten gewaltige Schäden an und reißen Menschen in den Tod. Seit Wochen hat der Osten Australiens mit katastrophalen Überschwemmungen zu kämpfen. „Regenfälle von historischen Ausmaßen haben im östlichen Queensland zu Überflutungen geführt, wie sie normalerweise vielleicht einmal in hundert Jahren auftreten“, sagt der Ozeanograph David Adamec von der US-Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa. Der australische Wetterdienst registrierte den nassesten Frühling seit dem Beginn der Aufzeichnungen.
Die Nachbarn in Neuseeland dagegen genossen im Oktober und November einen außergewöhnlich schönen Frühling. Selbst über den berüchtigten Regenhochburgen an der Westküste der Südinsel strahlte tagelang die Sonne, die Thermometer kletterten auf sommerliche Werte und viele Neuseeländer holten vorzeitig die Strandkleidung aus dem Schrank.
Komplexes System
Das Wetter scheint seit einigen Monaten in etlichen Teilen der Welt verrückt zu spielen. Dahinter steckt in vielen Fällen ein Klimaphänomen namens „La Niña“, was auf Spanisch so viel wie „kleines Mädchen“ heißt. Die Heimat dieses einflussreichen Kindes ist der tropische Pazifik. Dort gibt es ein komplexes System aus Winden und Meeresströmungen, das in der Wetterküche des Planeten kräftig mitrührt.
Ein entscheidender Faktor sind die sogenannten Passatwinde, die normalerweise sehr ausdauernd und zuverlässig vom Ostpazifik nach Westen wehen. Dabei treiben sie gewaltige Wassermassen von der Westküste Südamerikas Richtung Südostasien und Australien.
Das Klimaphänomen El Niño hat normalerweise noch stärkere Auswirkungen als La Niña.
Wenn die Passatwinde abflauen und damit auch die Meeresströmung vom Ostpazifik nach Westen schwächelt, beginnt das warme Wasser irgendwann, Richtung Südamerika zurück zu fließen.
Dort angekommen unterbricht es den Strom kalten Wassers, der aus der Tiefe an die Meeresoberfläche quillt.
Für viele Meerestiere beginnen damit aber schlechte Zeiten. Denn das Tiefenwasser bringt normalerweise große Mengen Nährstoffe mit herauf, von denen neben allem möglichen Kleingetier auch Fische, Robben, Pinguine und Seevögel leben.
Ohne Kaltwasserzufuhr müssen alle diese Meeresbewohner hungern. Auch für die Fischer an der südamerikanischen Küste sieht es dann düster aus, denn ihre Netze bleiben häufig leer. (kv)
Um den Verlust der davongewehten Fluten auszugleichen, strömt vor Peru kaltes Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche und beschert dem Meer dort relativ kühle Temperaturen, die selbst im Sommer nur rund 20 Grad Celsius erreichen. Das mit dem Passat nach Westen fließende Wasser dagegen wärmt sich unterwegs so stark auf, dass am Ende der Reise einige der wärmsten Meeresgebiete der Erde liegen. Vor Indonesien klettert ein ins Meer gehaltenes Thermometer im Sommer auf rund 28 Grad. Doch auch an den Passatwinden geht die lange Reise über den Pazifik nicht spurlos vorüber, sie nehmen unterwegs jede Menge Feuchtigkeit auf. Vor Indonesien kollidieren sie dann mit anderen Luftströmungen aus der entgegengesetzten Richtung und weichen nach oben aus. Dadurch sinkt der Luftdruck am Boden, so dass in dieser Region häufig ein Tiefdruckgebiet liegt. Die aufsteigende Luft aber kühlt sich ab, kann dadurch weniger Wasser halten und lässt heftige Regengüsse herunterprasseln.
Nun kann sich natürlich nicht immer mehr Luft vor Südostasien sammeln, irgendwie muss zum Ausgleich auch welche nach Südamerika zurück transportiert werden. Das übernimmt eine Strömung in neun bis zwölf Kilometern Höhe. Auf der Rückreise über den Pazifik kühlt die ausgeregnete Luft ab, wird dabei schwerer und sinkt schließlich an der Westküste Südamerikas wieder zu Boden. Dort entsteht daher ein Hochdruckgebiet mit sehr trockener Luft. Kein Wunder also, dass an den Küsten von Ecuador, Peru und Nordchile vielversprechende Bewerber um den Titel „trockenste Wüste der Welt“ liegen.
Alle paar Jahre aber prasseln plötzlich heftige Niederschläge auf diese ausgedörrten Landstriche, während das normalerweise regenreiche Indonesien eine Dürre erlebt. Solche auf den Kopf gestellten Verhältnisse kommen zustande, wenn die Passatwinde abflauen. Das Meer vor der südamerikanischen Küste ist in solchen Jahren ungewöhnlich warm und Tiefdruckgebiete bewässern die dortigen Wüsten, gleichzeitig lassen ebenso extravagante Hochdruckgebiete über Indonesien den dortigen Regenwald vertrocknen. Da dieser klimatische Ausnahmezustand normalerweise um die Weihnachtszeit seinen Höhepunkt erreicht, haben ihn die Menschen in Südamerika auf den Namen „El Niño“ getauft. Das heißt auf Spanisch sowohl „Christkind“ als auch „kleiner Junge“.
Nach ein paar Monaten normalisieren sich die Verhältnisse dann wieder. Manchmal aber fällt das Klima anschließend ins andere Extrem. Die Passatwinde wehen dann besonders stark, vor Südamerika steigt besonders viel kaltes Wasser auf und im Westpazifik wird das Meer noch ein paar Zehntel Grad wärmer als normalerweise. Dieses Gegenstück zu El Niño nennen Experten „La Niña“.
Das pazifische Mädchen, das gegenwärtig die Welt in Atem hält, wurde bereits vor mehr als einem halben Jahr geboren. Im Mai 2010 hatte noch El Niño geherrscht, dann begannen sich die Verhältnisse umzukehren und das Meer vor Südamerika kühlte rasch und drastisch ab. „Es gibt erst seit ungefähr 50 Jahren zuverlässige Aufzeichnungen über die Stärke von La Niña“, sagt der Klimaforscher Bill Patzert von der Nasa. „Und das jetzige Ereignis scheint eines der stärksten in dieser Zeit zu sein“. El Niños kräftige, kalte Schwester aber hat in den vergangenen Monaten in etlichen Teilen der Welt die Regengebiete und Windsysteme verschoben.
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