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Klima und Gesellschaft: Abschied von der Provinz Europa

Das Bewusstsein über die Gefahren für den Planeten ist global - die Mittel und Wege zu seiner Rettung aber unterscheiden sich. Nötig ist ein kosmopolitischer Imperativ zur Kooperation. Von Ulrich Beck

Bald die letzte weiße Weihnacht?
Bald die letzte weiße Weihnacht?
Foto: wikipedia

Am Anfang des 21. Jahrhunderts kann der Anspruch der Gesellschaftstheorie nur im Rahmen eines "methodologischen Kosmopolitismus" erneuert werden. Man würde bei weitem zu kurz greifen, wenn man meinte, dass wir - die europäische Soziologie - die Modernisierungspfade der Anderen nur ergänzend verstehen müssen, weil sonst unser Weltbild unvollständig ist. Vielmehr gilt: Wir Europäer können uns nur dann selbst verstehen, wenn wir uns "deprovinzialisieren", das heißt soziologisch-methodologisch mit den Augen der Anderen sehen.

Das möchte ich hier in drei Schritten erläutern: (1) an außereuropäischen Variationen von Individualisierung (2) an außereuropäischen Variationen von Risikogesellschaft, sowie (3) und abschließend anhand der Frage: Kann das neue Gesellschafts- und Politikparadigma der Europäisierung eine Erneuerung der Kritischen Theorie begründen?

Außereuropäische Variationen von Individualisierung

Wenn man die Perspektive beispielsweise des chinesischen Pfades der Individualisierung in die europäische Perspektive einbezieht, dann wird die Prämisse infrage gestellt, auf der unsere Individualisierungstheorie aufbaut: Dass nämlich der durch instrumentelle Beziehungen charakterisierte Kapitalismus in der Phase des ausgehenden Wohlfahrtsstaates etwas erzeugt hat, was niemand erwartet hätte - eine Individualisierung, die Ideen kultureller Demokratisierung beinhaltet.

Denn ganz offensichtlich trifft dies gerade auf die chinesische Individualisierung nicht zu; in China existieren weder eine kulturell verinnerlichte Demokratie noch ein Wohlfahrtsstaat. Ebenso ist Individualisierung in China, anders als in Europa, bislang nicht in einem System der Grundrechte (oder im Familienrecht, Arbeitsrecht usw.) institutionell verankert.

Westeuropas begrenzte Sonderform

Damit aber wird sichtbar, dass das, was sich im westeuropäischen Kontext als "universale Logik" der Individualisierung darstellt - nämlich das Zusammentreffen von institutionalisierten Rechtsformen und biographischen Mustern der Individualisierung - tatsächlich eine historische und kulturell begrenzte Sonderform ist, eben das Ergebnis einer spezifischen Verschmelzung von Modernisierung und Individualisierung in Westeuropa. Diese beiden Entwicklungen können - siehe das Beispiel China - auch voneinander entkoppelt oder zu anderen Individualisierungspfaden kombiniert werden.

Grundsätzlich gilt, sowohl im europäischen wie im chinesischen Kontext besteht eine enge Verbindung zwischen Individualisierung und Staat. Aber diese Verbindung kann ganz unterschiedliche Formen annehmen, ja sogar gegensätzlich ausgerichtet sein. Wenn das Individuum auch in China wachsende Bedeutung gewinnt, so geschieht dies - anders als in Europa - eben nicht in einem institutionell gesicherten Rahmen, auf der Basis von zivilen, politischen und sozialen Grundrechten, wie sie in Europa in der Ersten Moderne politisch erkämpft wurden. Vielmehr ist der chinesische Prozess der Individualisierung gerade dadurch gekennzeichnet, dass um diese Ziele noch gerungen wird - und der Ausgang ist offen. Mit anderen Worten, ein zentraler Unterschied besteht darin, ob es in der Individuum-Staat-Beziehung einen Bereich unverletzlicher individueller Grundrechte gibt oder (bislang) nicht.

Allerdings hat der chinesische Staat seit den 1970er Jahren auch Reformprogramme umgesetzt, deren Ziel es ist, die Wirtschaft aus dem sozialistischen Kontrollgriff des Staates zu "emanzipieren", indem die staatlichen Kontrollen über die Produkte, die Arbeit und die Kapitalmärkte gelockert werden und gleichzeitig die Individuen freigesetzt werden aus den allumfassenden sozialistischen Institutionen der urbanen Arbeitseinheiten und landwirtschaftlichen Kollektive. Was hier in Gang gesetzt wurde, ist eine Art begrenzter, staatlich sanktionierter Individualisierung, in der die Individuen zur Eigeninitiative verdammt sind - allerdings die sozialen Sicherheiten des chinesischen Staatssozialismus verschwunden sind. Damit hält der Modus der individuellen Verantwortungszuweisung Einzug, der zu den generellen Merkmalen von Individualisierung gehört - allerdings unter den Rahmenbedingungen eingeschränkter geographischer Mobilität, also strenger Reglementierung der Zuzugsmöglichkeit vom Land in die Städte usw.

Eben damit ist ein weiteres herausragendes Merkmal der chinesischen Individualisierung verbunden, das nach unserem westlich-europäischen Verständnis mindestens instabil, wenn nicht sogar unmöglich erscheint: Die chinesische Reform der marktökonomischen Individualisierung halbiert, oder schärfer gesagt: kastriert den Individualisierungsprozess in seinen politisch-demokratischen Partizipationsansprüchen.

Außereuropäische Variationen von Risikogesellschaft

Die Weltrisikogesellschaft verweist auf ein Modell kosmopolitischer Vergesellschaftung, das nicht dem gebräuchlichen Bild positiver Integration auf der Basis geteilter Werte und Normen entspricht, sondern gerade auf dem Konflikt über negative Werte (Risiken, Krisen, Vernichtungsgefahren) beruht. Das "Kosmopolitische" der Weltrisikogesellschaft drückt sich deshalb nicht in harmonischer weltumspannender Humanität aus, sondern in höchst widersprüchlichen Dynamiken von Konflikt und Kooperation. Spätestens in der kosmopolitischen Wende wird erkennbar, dass die Unterscheidung zwischen Selbstgefährdung und Fremdgefährdung insofern von kosmopolitischer Brisanz ist, als das Verhältnis ganzer Weltregionen zueinander als Herrschaftsverhältnis der Externalisierbarkeit von selbst-produzierten Gefahren auf Andere analysierbar wird: Die Mächtigen produzieren und profitieren von den Risiken, während die Anderen, die Ohnmächtigen bis in das Mark ihrer Existenz hinein von den Nebenfolgen der Entscheidung anderer betroffen sind, ohne jegliche Chance an deren Entscheidung teilzuhaben.

"Kooperiere oder versage!"

Die These lautet: Nicht aus dem Konsens, sondern aus dem Dissens über unabsehbare Folgen der Moderne entsteht über alle nationalen Grenzen hinweg ein weltöffentlicher Diskurs, der sich mit dem Anspruch auf vernetztes Handeln verbindet. Die Theorie reflexiver Modernisierung geht also nicht davon aus, dass Globalität aus sich heraus die Gemeinsamkeit eines "globalen" oder "planetaren" Bewusstseins stiftet. Der alltägliche Erfahrungsraum kosmopolitischer Interdependenz entsteht und besteht in der wahrgenommenen Not globaler Folgen zivilisatorischen Handelns - egal ob sich diese unfreiwillige, erzwungene universelle Nachbarschaft durch informationstechnologische Vernetzungen, Finanzströme oder Naturkrisen herstellt. Diese Folgen erzeugen einen "kosmopolitischen Imperativ" - -, der die Welt angesichts Nationen übergreifender Bedrohungen zu einer selbstnötigenden Kommune zusammendrängen kann.

Bereits vor jeder Institutionalisierung entstehen kosmopolitische Normen aus der Empörung über Sachverhalte, die man nicht hinnehmen zu können meint. Die Entstehung globaler Normen ist also nicht unbedingt auf die bewussten Anstrengungen positiver Normensetzung angewiesen, sondern kann sich, gleichsam "negativ", aus der Bewertung von Krisen und Gefahren speisen. Eben an dieser Globalität des Gefahrenbewusstseins (wie fragil es auch sein mag) lässt sich paradoxerweise eine Art " dirty cosmopolitanism" festmachen, der keineswegs Kosmopoliten hervorbringt, eher im Gegenteil Renationalisierungen vorantreibt. Darauf zielt meine Unterscheidung zwischen philosophischem Kosmopolitismus à la Kant und Habermas und sozialwissenschaftlicher Kosmopolitisierung, die strukturell, erzwungen, unintendiert, politisch mehrdeutig, also "dirty" ist.

Wie wird eine Neue Kritische Theorie möglich?

Die kosmopolitische Wende der Gesellschaftstheorie wäre unzulänglich, ja nur halbiert vollzogen, wenn man dem methodologischen Kosmopolitismus ausschließlich konzeptionell versteht und entwickelt und nicht die für die Sozialwissenschaften ganz allgemein charakteristische Verschränkung von Erkenntnisobjekt und Verwendungszusammenhang auch ins Zentrum stellt und daraus die Perspektive einer Neuen Kritischen Theorie gewinnt.

Aus meiner Argumentation lassen sich drei Zukunftsszenarien der kosmopolitischen Modernisierung gewinnen - ein optimistisches, ein realistisches und ein pessimistisches.

Das optimistische besagt: Ähnlich wie es im 19. Jahrhundert gelang, die fragmentierte Pluralität der kleinräumigen Herrschaftsordnung in "imagined communities" (Benedict Anderson) von Nationen und Nationalstaaten zu verwandeln, so könnte es am Beginn des 21. Jahrhunderts gelingen, im Angesicht der laufenden zivilisatorischen Selbstzerstörung "imagined cosmopolitan communities" zu kreieren. Diese sollten die nationalen Identitäten und Staaten nicht etwa negieren, sondern durch weltbürgerliche Offenheit und Kooperation in verwandelter Souveränität neu begründen. Das historische Schlüsselbeispiel hierfür ist die EU.

Fundamentalismus als "Brandbeschleuniger"

Das realistische Szenario besagt: Die Agnostiker des Klimawandels behalten die Oberhand; es kommt zu einer öko-technologischen Weiter-So-Modernisierung, zu einem mehr oder weniger "grünen Kapitalismus"; je deutlicher der Mainstream der politischen Parteien in diesem Sinne darin übereinstimmt, den großen Tanker unbeirrt auf Kurs zu halten, desto größer, absurder und unglaubwürdiger werden ihre inszenierten Gegensätze (nicht nur in Wahlkampfzeiten). Das dritte, das Negativszenario schließt die Mainstream-Position gar nicht aus, ist vielleicht sogar ihre Folge: in der Unwiderruflichkeit der Weltinnenpolitik werden die radikal ungleichen Folgen des Klimawandels ebenso wie die der Klimapolitik (und der Globalisierung ganz allgemein) zu "Brandbeschleunigern" fundamentalistischer Gegenbewegungen. Mit anderen Worten: Es kommt zu einem verhängnisvollen Teufelskreis von Klimakatastrophen, Migrationströmen, fundamentalistischem Nationalismus und religiösem Fundamentalismus sowie Gewaltausbrüchen bis hin zu Klimakriegen.

Was folgt daraus für eine Neue Kritische Theorie? Ihr Thema wäre es, den widersprüchlichen Gesamthorizont dieser drei Szenarien zu erschließen, zu durchdringen; zugleich jedoch müsste sie konkret werden und dem ersten Schritt der Deprovinzialisierung einen zweiten Schritt der Reprovinzialisierung folgen lassen: also post-universalistische Gesellschaftstheorie als Selbstbewusstwerdung der Europäisierung begreifen und betreiben. Es geht dabei um gesellschaftstheoretische Fragen, wie am Beispiel der Europäisierung die politische Kraft, die aus der Einsicht in die menschengemachte Kollektivbedrohung globaler Risiken erwächst, genutzt werden kann, um ein transnationales Handlungssubjekt namens Menschheit politisch auf die Beine zu stellen, das im Stande ist, auf diese kollektive Bedrohung zu reagieren. Oder um die Frage: Wie geht Europa, das sich bisher als Modell für die Welt sah, mit der Einsicht um, dass es - siehe Klimawandel - ein Weltuntergangsmodell entwickelt und zur Grundlage seiner Mission gemacht hat?

Eine Kritische Theorie dagegen, die sich normativ an der Wiederbelebung des nationalen Wohlfahrtsstaates festbeißt, droht antiquiert und provinziell zu werden. Heute gilt: Wie wird eine ökologische und soziale Zivilisierung des Kapitalismus jenseits der alten Nationalstaaten und diesseits des Weltstaats möglich? - das wäre ein zugleich gesellschaftstheoretischer, normativer und politischer Problemhorizont, in dem eine Neue Kritische Theorie eine kreative, politisch hoch relevante Zweckbestimmung finden könnte. Diese die außereuropäischen Variationen Zweiter Moderne einschließende, europäische Gesellschaftstheorie muss in Widerspruch zum Zeitgeist des liberalisierten Kapitalismus wie des nationalstaatlichen Apriori geraten. Genau das aber wäre ihr aufklärerischer Stachel.

In Frankfurt/Main fand Anfang des Monats die Tagung "Rückkehr der Gesellschaftstheorie" statt. Aus dem Vortrag des Soziologen Ulrich Beck dort drucken wir hier einen Teil ab.

Autor:  Ulrich Beck
Datum:  21 | 12 | 2009
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